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Fahrtest
mit der Yamaha YZF R 6
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Wer dreht, hat Power. Keine Angst! Es geht hier nicht um einen Bericht
aus der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Hier geht
es um Drehzahlen mechanischen Ursprungs. Hier geht es darum, aus exakt
599 ccm bei 13000 Kurbelwellenumdrehungen in der Minute
117 PS an ein Hinterrad zu liefern. Hochgerechnet würde dies einer
Literleistung von 195,33 PS entsprechen.
Oha, ein sattes Verhältnis. Da hätten wir schon den Leistungsbereich
einer ZX 12 übertroffen. Rein rechnerisch natürlich. So ist
es für mich immer wieder interessant, was die Motorenbauer mittlerweile
für Leistungsmöglichkeiten für "normale" Straßenmotorräder
zu realisieren imstande sind.
Natürlich
ist Hubraum durch nichts zu ersetzen als durch Hubraum. Dieser Lehrsatz
spukt jedem Insider im Kopf herum, wenn er an kräftigen Vorschub
denkt. Dennoch gibt es auch die oben angesprochene Möglichkeit, um
so richtig flott vorwärts zu kommen. Man muss halt drehen, um Leistung
zu bekommen. Das ist so und bedarf einer eigenen Fahrweise, bei der man
bekanntermaßen stark drehzahlmesserorientiert die Maschine immer
im realen Leistungs- und somit Vorschubbereich halten sollte.
Ein Exemplar dieser drehzahlhungrigen Gilde wurde im Spätherbst
von Yamaha in modifizierter Form vorgestellt. Die Yamaha YZF-R6 als
2003er Modell.
Es
ist eine der auf 2000 Fahrzeuge limitierte Edition in metallic gelb. Ein
schönes Motorrad in seiner Linienführung. Die R 6 strahlt schon
im Stand ihre Leichtigkeit aus. 189 kg vollgetanktes Leergewicht sind
schon ein Wort. Schon die alte R 6 war ja ein leichtgewichtiger Renner.
Der Druck auf den Startknopf lässt den Vierzylinder sofort anspringen
und rundlaufen. Keine Kaltstartmucken trotz leidlicher 3° C "Guten-Morgen-Außentemperatur".
Sie nimmt sofort und direkt das Gas an. Im LCD-Display wird die Wassertemperatur
angezeigt, die relativ schnell ansteigt in Richtung Betriebstemperatur.
Daneben erhält man Auskunft über die Geschwindigkeit, Gesamtfahrleistung
und zweier Tageskilometerstrecken. Beeindruckend der weiße Drehzahlmesser,
dessen roter Bereich bei 15500 Umin beginnt.
Beim
Aufsitzen bin ich ob der für so einen Sportler entspannten Sitzposition
überrascht. Die Handgelenke sind wenig belastet, die Knie nicht bis
zum Anschlag abgeknickt. Das passt ja schon mal für die heutigen
Testkilometer. So muss ich mich mit meinem Waschbärbauch nicht ganz
so zusammenfalten;-)
Ich lasse die Kupplung knapp über Standgas kommen und bin darauf
eingestellt, jetzt gleich mehr Gas geben zu müssen, um die 600er
in Fahrt zu bringen. Brauche ich jedoch nicht. Die drückt schon bei
diesen niedrigen Drehzahlen Leistung ans 180er Hinterrad und zeigt an,
dass von unten raus schon verwertbare Leistung vorhanden ist.
Die R 6 hängt sehr sauber am Gas und setzt samtweich mit ihrer
Leistungsabgabe ein. Sicherlich ein Verdienst der neuen Einspritzanlage.
Die Leistung ist nun wesentlich besser kontrollierbar und setzt dann
ein, wenn ich das auch wirklich will. Die ältere Vergaser-Schwester
überraschte da schon so manchen mit dem plötzlichen und unverminderten
Abdrücken ihrer massiven Leistung.
Sechs
Kilo Lebendgewicht verlor die neue R 6 gegenüber der alten. Einen
wesentlichen Beitrag dazu lieferte der komplett neu konstruierte Rahmen,
der schon himself vier Kilo abspeckte. Zudem verbaute man leichtere Felgen.
Es ist die Leichtigkeit des Seins, die man auf der R 6 zu spüren
bekommt. Sie ist einfach immer und überall leicht zu bewegen und
setzt jede Art von Richtungsänderung spielerisch um.
Ich bin unterwegs auf meiner Hausstrecke. Es ist der von Wellen und
Flicken gespickte Teil, der mir recht schnell aufzeigen kann, ob und
vor allem wie ein Fahrwerk im Grenzbereich damit zurecht kommt.
Die R 6 zeigt sich dort als überaus gutmütig und rückenschonend.
Es ist richtig traumhaft, wie sie kleine Wellen eliminiert ohne auch
nur für einen Moment schwammig zu wirken. Das zeugt von stabiler
und durchdachter Fahrwerksabstimmung. Dabei ist offenbar die Werkseinstellung
schon sehr sauber gelungen.
Später
beginne ich auf glatterem Belag mit Angasen und Wedeln. Anders kann man
diesen Fahrstil nicht mehr bezeichnen. Ich spüre, wie die Ypse so
richtig nach Kurven zu suchen beginnt, immer schneller und immer schräger.
Wunderbar diese Leichtfüßigkeit und Präzision, welche
diese Maschine ausstrahlt. Dabei habe ich schnell das Gefühl, mich
auf der R 6 wohlzufühlen und mit ihr zusammenzuwachsen. Spielerisch
im Handling setzt sie meine Richtungswünsche direkt und klar sofort
und ohne auch nur irgendeinem Gemecker seitens des Fahrwerks, Motors oder
der Bremsen um. Sind es die eher kleinen Kurvenkombinationen, die bei
wenig Tempo schon mächtig Schräglage ermöglichen, so ist
es die R 6, die das Hin- und Herwerfen zu einem Kinderspiel macht. Oder
sind es die Biegungen, die jenseits der 180 Km/h genommen werden, so brilliert
die R 6 mit Zielgenauigkeit und Linientreue bei ständiger Fahrwerksstabilitäts.
Die
Drehzahlen bewegen sich mittlerweile nicht mehr unter 8000 Umin. Es ist
jedesmal - und immer öfter - ein Erlebnis, die Maschine ab 10000
Umin aufwärts aus den Kurven heraussprinten zu lassen. Nicht selten
steigt dabei die neuartige Ram-Air-Nase in Richtung Himmel und lässt
das Vorderrad leicht werden. Ist schon beeindruckend, wie dieser kleine
Motor schließlich so drücken kann. Da geht es dann richtig
zur Sache mit schreiendem Ansauggeräusch, das bei der neuen R 6 lauter
wurde, um den Soundwünschen der Kundschaft etwas entgegenzukommen.
Das modifizierte Federbein bleibt auch bei diesen harten Gas-Attacken
standhaft und lässt die Yamaha auf ihrer vorgewählten Linie
rollen.
Als hilfreich erweist sich bei diesen Aktionen der Schaltblitz, der, individuell
einstellbar, bei mir ab 13000 Umin hektisch blinkend das bei 15000 Umin
nahe Ende des Drehzahlbandes andeutet. Es geht so schnell, wie der Motor
durch das Drehzahlband ab 10000 Umin huscht, dass man zusehen muss, rechtzeitig
vor dem Begrenzer mit
weichem Schaltklick die nächste Gangstufe zu erreichen. Hier ist
man gefordert zu arbeiten. Im Gegensatz zu hubraumstarken Supersportlern
vom Schlage einer R 1 oder GSX-R 1000, die auch schaltfaul richtig schnell
gefahren werden können, ist man hier je nach Streckenführung
und angestrebtem Geschwindigkeitsniveau schon mit einiger Schaltarbeit
beschäftigt. Aber das macht Laune und setzt in Verbindung mit den
hohen Drehzahlgeräuschen sicherlich mehr Adrenalin frei.
Dank der Einspritzanlage und der kurzen Übersetzung hat diese
600er schon im unteren und mittleren Drehzahlbereich soviel Druck, dass
ein lockeres, dabei aber flottes Mitschwimmen im Verkehr im sechsten
Gang ebenso möglich ist wie das beschriebene Angasen.
Vorder- und Hinterrad werden im Fahrwerk sauber geführt. Die Einzelelemente
sind voll einstellbar und lassen kaum Wünsche offen.
Genauso
verhält es sich mit den schon fast zur Legende gewordenen Yamaha-Vier-Kolben-Stoppern
am Vorderrad. Zwar gibt es mittlerweile leistungsfähigere Bremsen
auf dem Markt, doch bewegen sich die verbauten R 6-Bremsen noch immer
auf höchstem Niveau. Ein leichter Druck mit zwei Fingern lassen schon
vehemente Bremsleistungen bei vorzüglicher Dosierbarkeit zu. Die
hintere 220er Scheibe unterstützt den Geschwindigkeitsabbau mit guten
Verzögerungswerten. Lediglich der Druckpunkt fühlt sich teigig
an.
Fazit:
Mit der neuen R 6 ist Yamaha fast schon ein Allroundbike gelungen. Die
angenehme Sitzposition, die komfortable Fahrwerksauslegung, aber auch
die ohne jeden Zweifel vorhandenen sportlichen Möglichkeiten lassen
eine Masse an Einsatzmöglichkeiten zu. Die Veränderungen, vor
allem aber die Einspritzanlage, haben eine spürbare Verbesserung
herbeigeführt. Zeitgemäß sind U-Kat, Warnblinker und Diodenrücklicht.
Neu zudem die aus dem derzeitigen Böse-Blick-Einerlei herausstechende
Verkleidungsfront. Da bekommt man für 9990.- Euro schon sehr viel
Motorrad inklusive richtig Angas- und Wedelspaß geliefert. 
Und noch ein paar Bilder ....

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