Fahrtest mit der neuen
Suzuki GSX-R 1000
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner
Geschwindigkeit
ist keine Hexerei. Geschwindigkeit ist die Maßeinheit für die
zurückgelegte Wegstrecke in einer bestimmten Zeit. Geschwindigkeit
macht süchtig. Geschwindigkeit ist nicht alles. Geschwindigkeit hat
ein Synonym: die Suzuki GSX-R 1000.
Schon die "alte" Gixxe setzte in der 1000er Klasse gehörige
Referenzpunkte und heizte der Konkurenz dermaßen ein, dass es kein
Serienbike gab, das ihr das Wasser reichen konnte. Sie markierte auf Rennstrecken
wie in Verkaufsstatistiken ihren Platz und blieb unangefochten die Nummer
1. Eigentlich Grund genug für die Suzukisti, sich auf den Lorbeeren
auszuruhen und beruhigt den Markt zu beobachten, bis ein Konkurent etwas
nachschiebt, das der 1000er ebenbürtig ist. Doch so schnell wie die
Suzi läuft, so schnell wurde das Modell 2003 nach nur zwei Jahren
tiefgreifend überarbeitet. Natürlich stellt sich die berechtigte
Frage, ob es den Konstrukteuren bei Suzuki gelang, die Maschine wirklich
zu verbessern, was eine Testfahrt ans Tageslicht bringen soll.
Vorab die wichtigsten Details, die Modifikationen unterworfen wurden.
Am
augenfälligsten ist die umstrittene Hayabusa-Nase der neuen Gixxe.
Dazu gibt es meist eher negative Spontanreaktionen von Bikern jeder
Kategorie. Die ist nun, wie auch ich finde, sehr gewöhnungsbedürtig.
Befürworter argumentieren mit günstigen Windwiderstandswerten,
doch zeigt der Markt, dass Windschlüpfrigkeit auch schön sein
kann.
Das war es dann auch schon mit dem optischen Gemecker.
Viel wichtiger finde ich persönlich bei einem Motorrad die Technik
und vor allem das Gesamtkonzept, das in sich stimmig und vor allem gut
fahrbar sein muss. Und in dem Punkt kann ich gleich vorweg sagen, dass
bei Suzuki jede Baugruppe modifiziert wurde.
Motorseitig bekam die Gixxe zwischen den Zylindern Ventilationsöffnungen
zur Verhinderung von Panschverlusten im Kurbelgehäuse. Die Nocken-
und Ausgleichswelle speckten ab. Letztere läuft nun in Gleitlagern.
Jeder Zylinder bekommt sein Gemisch über je zwei Drosselklappen
und vierstrahlige Einspritzdüsen fein zerstäubt und sauber
dosiert über einen geänderten Rechner. Alles in allem verringerte
man so mechanische Verluste und erreichte eine effektivere Verbrennung
und somit etwas Mehrleistung.
Ein Sekundärluftsystem und ein im verlängerten Titantopf verbauter
U-Kat sorgen für die Abgasreinigung.
Der Rahmen samt Heckrahmen ist absolut neu. Für besseres Handling
verlegte man die schweren Teile in Richtung Gesamtschwerpunkt. Der Lenkkopfwinkel
wurde um 0,5 Grad steiler, der Nachlauf um 5 mm kürzer.
Auffällig
die massive Gabel mit den schwarz-glänzend beschichteten DLC (Diamond
Like Carbon) - Standrohren, die mit wesentlich besserem Losbrechmoment
daherkommen sollen. Gabel und Federbein sind nun von der Fa. Kayaba
und warten mit ca. 10 % höherer Federrate und höheren Dämpferkräften
auf, so dass sich der Verstellbereich der Feder- und Dämpfungselemente
um einiges vergrößerte.
Die Bremsscheiben schrumpften auf 300 mm und sollen durch weniger Gewicht
der Handlichkeit dienen. Auffällig die nun von hinten und radial
an die Gabel montierten Vierkolben-Bremszangen. Zur besseren Dosierbarkeit
setzte man pro Kolben einen Bremsbelag ein.
Nun möchte ich mich bei der Fa. Biker Stable in Deiningen bedanken,
dass mir eine Gixxe für die Testfahrt zur Verfügung gestellt
wurde. Sie kann dort neben anderen Modellen von Suzuki probegefahren
werden.
Es
gibt nicht viel zu erklären, als ich die Maschine übernehme.
Die Bedienung ist ähnlich der alten GSX-R 1000. Das Cockpit wartet
nun mit einem zusätzlichen Schaltblitz auf. Ansonsten ist alles
aktueller Sportmaschinen-Standard.
Der Kaltstart geht problemlos von statten. Die Suzi läuft gleich
mit erhöhter Leerlaufdrehzahl rund. Choke gibt es keinen. Die Gemischanreicherung
läuft per Rechner.
Schnell kommt die Suzi auf Betriebstemperatur, als ich den Weg zur Fotolocation
einschlage. Einfach mal etwas unspektakuläre Landstraße quer
durch das Ries. Und schon hier fällt ab 4000 Umin ein deftig-kerniges
Ansauggeräusch auf. Das betört richtig und drängt nach
Wiederholung. Die Ohren führen die Schallreize anscheinend direkt
ans Limbische System, denn eine Art Glückshormone steigern das
Wohlbefinden und machen mich wach. Die ersten Kurven laufen wie von
alleine. Kenne ich gar nicht so, dass ich einen Supersportler praktisch
ohne Zutun
einfach ums Eck dirigieren kann.
Respekt habe ich von Anfang an vor dem Gashahn. Mein Nachbar meint
bei der Gattung von Maschine immer, dass da Musik drin sei, d.h., dass
Bärenkräfte aggressiv an der Kette zerren können, wenn
man sie lässt. Genau dies macht die Suzi ab dem ersten Moment klar,
dass ab einer bestimmten Drosselklappenöffnung und Drehzahl einfach
Schluss mit lustig ist.
Nach den Fotos, die im Schnelldurchgang digitalisiert sind, möchte
ich nun endlich mal raus auf die Piste. Ich wähle meine Runde so,
dass jede Art Straßenbelag und jede Art von Kurvenradius gefahren
wird. Natürlich muss ich auch auf meine Hausstrecke, um Schräglage
zu testen.
Zuerst
stark welliger Flickbelag. Die Suzi nimmt alles ohne Murren und wackeln.
Die Federelemente schlucken viel weg, wirken aber trotzdem straff. Durch
die Möglichkeit, alles voll einstellen zu können, wird jeder
für jede Strecke das richtige Setup finden.
Die Werkseinstellung wirkt alltagstauglich. Die Kombination mit den
Bridgestone BT 011/012 wirkt harmonisch. Leicht lässt sich die
Gixxe durch Kombinationen wedeln und in Schräglagenbereiche führen,
die einem schon grenzwertig erscheinen mögen. Doch bis zum Aufsetzen
muss man sich schon wirklich weit runter trauen. Ich habe es bei meinem
Tagestest nicht getan, denn da hätte ich mich in derb-verbotene
Geschwindigkeitsbereiche bringen müssen, was jedoch lieber auf
der Rennstrecke probiert werden sollte.
Ich merke, wie das seidig laufende Triebwerk in jedem Gang ab Leerlaufdrehzahl
bis zum Begrenzer ohne Leistungsloch hochschnellen kann. In den Gängen
2 und 3 ist das ein atemberaubendes Spektakel, wenn die Suzi untermalt
von röhrenden Beatmungsorganen derart brutal an die 12000 Umin
schnellt, dass der Schaltblitz nur Sekundenbruchteile vor dem Begrenzer
kommt. Um dann bei Tempo um die 200 in den 4. Gang zu schalten braucht
es ihn auch nicht wirklich, dann da hat man keine Zeit, drauf zu achten.
Das ist die Neudefinition von Drehzahlfreude. Das ist pure Drehzahlgier,
die sich auf einen dafür anfälligen Fahrer überträgt.
Da muss man im Straßenverkehr eine gehörige Portion Todesverachtung
mitbringen, um dieses Potential auszunutzen. Davor sei gewarnt, denn
Kurven fliegen plötzlich wesentlich schneller als gewohnt auf einen
zu. Die altgwohnte Hausstrecke ist nicht mehr die alte. Bremspunkte
verschieben sich dramatisch nach vorne, um massiven Geschwindigkeitsüberschuss
wieder abzubauen.
Hier
muss ich mit meiner einzigsten Kritik einhaken. Die Vorderbremse verspricht
rein technisch in der Theorie mehr als sie in der Praxis leistet. Nicht,
dass sie keinen Biss hat. Ich denke, dass Stoppies leicht mit ein bis
zwei Finger produziert werden können. Nein, mir ist der Druckpunkt
zu unklar. Es bedarf eines immer wieder neuen Herantastens an den echten
Druckpunkt, ab dem dann satte Bremsleistung abgegeben wird. Das ist
ein gewöhnungsbedürftiger und, wie ich meine, überflüssiger
Prozess. Die alte Gixxe-Bremse gefiel mir da eindeutig besser. Die war
im ersten Moment einen echten Tick aggressiver. Ein Verhalten, das ich
mir bei richtig sportlicher Fahrweise wünsche.
Zur
Stabilität von Rahmen und Fahrwerk müssen nur wenige Worte
gebraucht werden. Das ist immer und überall, wo man die GSX-R 1000
auf festem Untergrund bewegt, erste Sahne. Absolut spielerisch das Handling.
Das kann sie eindeutig besser als die alte, obwohl ja die alte 1000er
schon Maßstäbe setzte in Sachen Handlichkeit. Auch in schnellen
Kurvenkombinationen kann sie ohne viel Kraftaufwand in jede gewünschte
Schräglage gebracht werden. Mutkurven verlieren ihren Schrecken.
Und willst du das Gefühl erleben, aus Kurven herauskatapultiert
zu werden, so mach einen Ritt auf diesem Sporthopper. Je nach Schaltstufe
geht das von kräftig bis brutal.
Und willste einfach nur mal so dahindümpeln, so ist das auch möglich.
Aber halt nicht lange, denn die Suzi fordert eindeutig das, wofür
sie letztlich gebaut wurde: Speed, Speed, Speed und eine gehörige
Portion Respekt.
Fazit:
Die Suzuki GSX-R 1000 ist, bis auf die Vorderbremse, die Perfektion
auf zwei Rädern für gut 12.500.- Euro. Eine Maschine, mit
der vor allem die schnellen Gangarten mit maximalem Lustfaktor behaftet
sind. Die Überarbeitung hat sich gelohnt und wird die Konkurenz
fordern. Doch wer weiß, was die Suzukibauer im Moment tun? Vielleicht
arbeiten sie schon am nächsten Update und zeigen bald den neuen
Maßstab für Perfektion.
Es ist bei allem Lob natürlich auch vollkommen klar, dass man im
Straßenverkehr die Suzi kaum in die Nähe ihrer Grenzen bringen
wird. Dazu hat sie einfach zu viele Möglichkeiten offen.
Ein Werbeslogan könnte lauten: Fährst du noch oder fliegst
du schon? 
Und noch ein paar Bilder ...

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