Nun
haben wir ja lange genug darauf gewartet. Weit über ein Jahr war sie
angekündigt worden, die große Roadster aus Nürnberg. Ich freute mich
auch schon auf das gute Stück, nachdem ich die "kleine" Roadster schon
letztes Jahr im Frühjahr testen konnte. Die machte richtig Spaß.
Mich
interessierte, ob die "große" nun durch ihr Leistungsplus noch eins
draufsetzen kann. Andreas Schilling in Wilburgstetten stellte mir die
fränkische Lady in Black dankenswerterweise zur Verfügung. Schön blitzt
sie da in der Sonne stehend mit ihrem reichlich angelegten Chrom zu
mir rüber. Gerade so, als ob sie mich zu einem Frankenturn einladen
will. Leider herrschen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, so dass
der Fahrspaß von vornrein eingeschränkt zu sein scheint.
Der
Kaltstart verläuft einigermaßen glatt. Sie stottert etwas, nimmt dann
aber schnell das Gas an. Der Choke muss länger, als ich es von anderen
Bikes gewohnt bin, seinen Dienst leisten. Nach kurzer Warmlaufphase
fühle ich dem sanft vibrierenden V-Twin auf den Zahn. Ab knapp 2000
Umin läuft er bei Last rund. Drunter schüttelt er und gibt mit mittelprächtigem
Ruckeln seinen Unwillen über Arbeitsdienst in diesem Drehzahlbereich
preis. Die Gasannahme erfolgt spontan und willig. Wer auf heftigen Leistungseinsatz
wartet, wird jedoch enttäuscht werden. Der sanftmütige Twin hat ab ca.
2800 Umin bis kurz vor dem roten Bereich jedoch immer Druck parat und
drängt nach vorne. Hohe Drehzahlen sind nicht notwendig. Frühes Schalten
und flottes Kurvenwedeln im 5. Gang lassen schnell Cruisergefühle aufkommen.
Der Sound passt auch dazu. Wen wundert's? Das Aggregat stammt schließlich
aus der 800er Intruder von Suzuki.
Wie
bei der 650er Sachs den Single lassen die Nürnberger das Doppelherz
der Roadster aus Fernost von Suzuki einfliegen. Bei der großen Sachs
wird Motor samt Kardanantrieb komplett verbaut. Eine gute Wahl, wie
ich finde. Schon in der agilen VX 800, die dem Layout der Roadster eher
ähnelt, konnte der Motor durch Kraft und Standfestigkeit überzeugen.
Das Triebwerk ist zwar in die Jahre gekommen, aber warum soll man Bewährtes
nicht weiter verwenden, geschweige denn auch in ein neues deutsches
Motorrad übernehmen?
Die
Roadster bringt aufgetankt 228 kg auf die Waage. Etwas viel, wie ich
finde. Ich erwarte eigentlich eher ein Leichtgewicht ähnlich der kleinen
Schwester aus gleichem Hause. So verwundert es auch nicht, dass die
Motorleistung von 58 Pferden keine Wunder vollbringen kann in Sachen
Beschleunigung und Vortrieb. Dennoch, mit der Big Roadster kann man
sich flott vor allem über kleine, stark gewundene Landsträßlein bewegen.
Der Vortrieb reicht satt aus, um echten Spaß an der Sache haben zu können.
Komfortabel wirkt die in allen Drehzahlbereichen vorzügliche Laufruhe
des V-Twins. Nur sanft lässt er mich seine Vzwo-Eigenschaften spüren.
Störende Vibrationen oder ähnliche motorseitige Unarten kann ich nicht
feststellen.
Wer
mit der Roadster echt sportlich unterwegs sein mag, kann sich voll und
ganz auf das Fahrwerk verlassen. Hat man sich mit der gezügelten Motorleistung
abgefunden, ändert man automatisch seinen Fahrstil in die Richtung,
dass man versucht, mehr Geschwindigkeit mit in die Kurven zu nehmen.
Und nun wird man den wahren Charakter der Big Sachs entdecken. Spurstabil,
mit leichtem Hang zum Hochgeschwindigkeitspendeln, überzeugt die Maschine
mit einem Handling, das man eher bei kleinen 250er Maschinen vermuten
würde.
Der
Doppelschleifen-Rohrrahmen mit Upside-Down vorne und Zweiarmschwinge
hinten vermittelten Sicherheit und Vertrauen. Ich habe das Gefühl, dass
die Sachs schon beim bloßen Gedanken ans Kurvenfahren beginnt, einzulenken
und nach Schräglage zu fordern. Die Einlenkaktionen gehen kinderleicht
vonstatten. Schräglagen werden zum Suchtfaktor. Und die Black Lady verzeiht
mir alles. So sind Geschwindigkeitskorrekturen nach unten in zu schnell
angefahrenen Biegungen ohne Aufstellmoment oder adrenalinfördernde Fahrwerksunruhen
einfach und unkompliziert zu bewerkstelligen. Linienwechsel oder Ausweichmanöver
in satten Schräglagen scheinen einprogrammiert und zu ihrem Standardrepertoire
zu gehören. Das ist wirklich erste Sahne.
Unruhe
kommt allenfalls durch die breite Lenkerhaltung bei höheren Geschwindigkeiten
ins Fahrwerk. Ähnlich dem Endurofahren fängt der Fahrer in der Schulterzone
so viel Wind auf, dass jede kleine Verwirbelung an Arm oder Schulter
direkt über den breiten Lenker in eine “Lenkerkorrektur” umgesetzt wird.
Zudem habe ich das Gefühl, dass meine aufrechte und breite Sitzhaltung
bei höheren Geschwindigkeiten, bedingt durch den Fahrtwind, das Vorderrad
übermäßig entlastet, wodurch sicherlich das Pendeln verursacht wird.
Ich denke, dass ein dezenter Windschutz und ein etwas schmalerer Lenker
effektiv für Abhilfe sorgen können.
Das
Fahrwerk wirkt auf unebener Strecke sportlich straff. Feine Unebenheiten
teilt es direkt ans Popometer mit, grobe schluckt es sanft weg. Damit
kann ich gut leben. Unpassend zum Leistungspotential der Big-Sachs-Machine
im positiven Sinne präsentiert sich die Wirkung und Dimensionierung
der Bremsen. Vorne verbeißen sich 2 Vierkolbensättel von Grimeca in
die 320er Doppelscheibe, hinten gehts konventionell trommelnd - mit
mehr als ausreichender Wirkung - zur Sache. Auffällig auch an dieser
Sachs die optische Hervorhebung der Bremszangen. Geschmackssache, wie
ich finde. Tatsache ist, dass sie sich bei Bedarf mit satter Kraft in
die schwimmend gelagerten Scheiben verbeißen. Zwei Finger reichen stets
für jegliche Art von Verzögerung aus. Vorne wie hinten vermitteln die
Stopper durch klare Druckpunkte, ab wann es wohldosiert, aber kräftig
zur Sache gehen kann. Klasse, kann ich da nur vermerken.
Bei
Ausstattung und Sitzhaltung bin ich hin und her gerissen. Mit meinen
182 cm Körpergröße habe ich den Eindruck, die Maschine sei für Menschen
erst ab dieser Größenkategorie aufwärts gebaut worden. Kleinere Biker
werden sicherlich den breiten und recht weit vorn positionierten Lenker
auf Dauer als anstrengend empfinden - oder aus dem Zubehör ein komfortableres
Lenkrohr montieren. Mir passt die Sitzposition wie angegossen. Angenehm
auch das Sitzpolster, das straff geschäumt lange Touren zu vertragen
scheint und des Bikers Podex von der unverträglichen Härte der Sitzschale
dauerhaft fernhalten kann.
In
punkto Ausstattung bietet die Sachs stahlummantelte Bremsleitungen genauso
serienmäßig wie die verstellbaren Hebeleien - und Chrom in Hülle und
Fülle. Andererseits vermisse ich einen Hauptständer, den es nur als
Zubehör zu geben scheint. Für mich unverständlich, da es zum Konzept
der Maschine zu gehören scheint, dass auch größere Touren mit ihr abge
spult
werden sollen, wird für sie doch gleich noch Kofferset und Topcase angeboten.
Mir ist es ehrlich gesagt lieber, eine voll bepackte Maschine auf den
Hauptständer zu stellen. Es ist für mich wirklich nicht nachvollziehbar,
warum in dieser Preisklasse daran oder auch an simplen Gepäckhaken gespart
wurde. Ebenso wünschte ich mir in den klassisch schönen Instrumenten
eine kleine Zeituhr.
Auf die Tankanzeige kann ich getrost verzichten, da die Sachsmonteure
einen einfachen Benzinhahn verbauten, der mit altbewährter Reservestellung
bei 3 Liter explosiver Reservemenge zum Tanken auffordert. Aber das
ist alles Geschmackssache. Der eine braucht’s, der andere nicht.
Schwierigkeiten
bekommt ein potentieller Reisender, wenn er einen Tankrucksack montieren
möchte. Der Tank ist aus Kunststoff. Magnet ist also nicht. Und für
die Riemen muss man sich zwischen Tank und hinterem Zylinder einen Weg
bahnen. Einfallsreichum des Nutzers ist gefragt! Aber das sind Peanuts.
Das
Motorrad ist insgesamt gelungen und vor allem, wie ich finde, mit einem
wunderbarem Design. Ein Motorrad wie aus dem Bilderbuch. Ich weiß, auch
- oder vor allem - das ist Geschmacksache. Ich finde das stylistische
Gesamtkonzept gelungen. Unverhüllt und mit gezielt eingesetzten Chromapplikationen,
Speichenrädern und 2 kurzen Endrohren vermittelt die Big Sachs sportliche
Eleganz. Sie wirkt massiv, stabil - und sie lädt schon vom Hinsehen
zum Wedeln ein. Auch wenn sie kein Dampfhammer ist, steht sie, vielleicht
gerade durch ihre Einzigartigkeit, in der heutigen Motorradangebotslandschaft
wie eine blühende Mohnblume in der Gänseblumenwiese.
Abschließend
sei bemerkt, dass mir die Sachs Roadster 800 durch ihre Agilität und
Leichtfüßigkeit trotz eisiger Testtemperaturen jede Menge Spaß bereitet
hat.
Stand:
14.04.2001
