Heute ist Eintopf
angesagt. Keiner der traditionellen alten Küche, sondern
einer der nouvelle Cuisine mit Stimulation mehrerer Sinnesebenen.
Die internationalen Zutaten sind mit Bedacht gewählt und
von vorzüglicher Qualität. Die Zusammenstellung des fertigen
Schmankerls geschah in Nürnberg in der ehemaligen Versuchsabteilung
von Herkules, die Montage in einer ehemaligen Lagerhalle.
Klar, dass auch die Mannschaft nicht mehr die alte ist.
Man ist entschlossen, gegen das 70er Jahre Moped-Image anzukämpfen
und der Welt auch großvolumige Delikatessen anzubieten.
In unserem Fall steht auf dem Sachs-Motor Sachs drauf, obwohl Sachs nicht drin ist. Unsere
Basiszutat stammt von Suzuki aus der Freewind. Doppelschleifenrahmen drumrum aus Stahlrohr
(allerdings mit Schweißnähten, die Fritzchen in der ersten Woche seines
Schweißerlehrgangs fast besser hingekriegt hätte) , eine 41er Paioli-Telegabel und
perfekte Sachs-Federbeine für die Doppelarmkastenschwinge hinten, dazu eine bequeme
Sitzbank und ein dem Durst angemessener 20 Liter Kunststofftank, schon kann der Eintopf
als Grundlage für einfachen Biker-Genuss durchgehen.
Aber halt, da fehlen beim Abschmecken noch einige würzige Details, die das ordinäre Bike
zur Sachs Roadster 650 machen.
Da wären die Bremsen zu nennen. Vorne zwingt ein Grimeca-Vierkolbensattel die rotierende
320 mm Scheibe zum Stillstand, hinten ein Einkolbensattel eine 220er Scheibe.
Was der Tabasco fürs Chilli, ist der Lafranconi-Auspuff für die Sachs. Er verleiht der
Zutatenmischung jene Vollmundigkeit, wie sie jedes zu spontanen Emotionen fähige
Bikerherz schneller schlagen läßt. Denn das Ohr ißt schließlich mit. Ähnlich einer
Hardenduro macht sich das glänzende Endrohr zum lauthals bullernden Sprachrohr des
Einzylinders. Man meint, es wolle der ganzen Welt dessen Agilität und Lauffreude
mitteilen. Selbst der TüV und das Kraftfahrtbundesamt schienen von der Partitur der
PS-Synphonie so angetan gewesen zu sein, dass die Erteilung der ABE für den phonstarken
Newcomer zur Selbstverständlichkeit wurde.
Für den visuellen Genuss gestalteten die Nürnberger die Roadster 650 in zeitlosem
Naked-bike-Stil. Die Maschine wirkt in sich komplett und rund. Nichts sticht besonders
hervor, obwohl genügend Details besonders sehenswert erscheinen. Beispielsweise wirken
die weißunterlegten und in Chrom gefassten Instrumente edel und fast ein wenig
italienisch. Dezent und sachsy ist das sich zu einer kleinen Rundung
verjüngende Heck,das
zudem in luftiger Höhe weit über demHinterrad thront.
Erscheint der Vorderbau kompakt, bietet das Heck dem Betrachter
und Genießer Durchblick. Leichtfüßige 170 kg vollgetanktes
Lightgewicht sind der Roadster anzusehen. Sie wirkt, mit
Verlaub, neben der 125er Sachs Roadster, in keinster Weise
größer oder schwerer.
Meinen Appetit auf den Sachs-Eintopf konnte Andreas Schilling in Wilburgstetten endlich
stillen. Gesehen hatte ich die Maschine schon öfter. Die Erscheinung ließ jedesmal
Phantasien von kleinen Landstraßen aufkeimen, auf denen ich mich mit dem Single ohne viel
Aufwand so richtig austobte. Keine perfekte Fahrmaschine, sondern ein lebendiges Motorrad
mit spürbarem - und vor allem hörbarem - Herzschlag bekam ich da vollgetankt
überreicht. Und es war nach Auskunft des Mechanikers die überhaupt erste ausgelieferte
Roadster 650. Mit Stolz geschwellter Brust verließ ich den Hof des Motorradhauses und
begab mich gleich ins Landstraßengewirr Richtung Hahnenkamm.
Die kleinen und mit vielen Kurven versehen Sträßlein sollten das richtige Terrain für
den Eintopfgenuss sein. Schon die ersten Biegungen bestätigten meine Eindrücke.
Ohne wenn und aber folgte die Sachs genau der Linie, die ich einschlug. Einlenken
passierte fast von selbst. Keine Fahrwerksunruhe, kein Stempeln oder Wackeln, sondern
einfach nur rein und rum um die Kurve.
Schnell faßte ich Vertrauen in die Sachs und ließ sie immer schräger kommen. Die
Bremsen verliehen mir ein Gefühl von absoluter Sicherheit. Vorne reichten stets 2 Finger
am etwas weit abstehenden Hebel. Die Bremsleistung war hervorragend bissig, die Dosierung
äußerst fein und klar. Es waren dann auch die Bremsen, die in Aktion die zu weiche
Vordergabel merklich verzogen, zudem auch noch zusammenschoben wie Jan Ulrich seine
Luftpumpe. Ein Gefühl der Verunsicherung kam trotzdem nicht auf. Es geschah so, aber es
geschah ohne Durchschlagen oder sonstige negativen Nebenwirkungen. Härteres
Gabelöl kann dem, den es stört, Linderung bringen.
Hinten sorgten straff abgestimmte Federbeine für perfekten Halt auf der Straße. Als
Zugabe reichten die Köche dem Eintopf ein beachtliches Schluckvermögen von
Bodenunebenheiten. Nur wirklich tiefe Wellen meldeten die Beine dem Rückrat weiter. Auf
mich wirkte das Fahrwerkskonzept sportlich und komfortabel zugleich. Ich konnte nichts
entdecken, das dieses Fahrwerk aus der Ruhe brachte. Das unterstrich die Realisierung
meiner Phantasien. Wer das Bike fährt, hat eindeutig den zur Bikegestalt gewordenen Spaß
unter dem Hintern.
Und nicht vergessen! Den Spaß würzt der Sound des Eintopfs, so dass der Genussfaktor bei
der Fahrt auf allen Sinnesebenen weit in Richtung Maximum tendiert.
Nicht sehen statt hören, nicht hören statt fahren, nicht fahren statt hören, nein -
alles zusammen bis das leere Spritfaß der Tollerei ein vorzeitiges Ende setzt. Bei 20 l
Tankinhalt, wovon 3 Liter als Reserve dienen, kann der Spaßritt dann schon gute 360 km
weit werden. Besser, man wacht früher auf, denn zurück muss man ja oft auch wieder.
Nicht, dass das keinen Spaß mehr machen dürfte, denn die Sitzbank ist für den Fahrer
langstreckengeeignet. Zudem läßt die Sitzposition mit mäßigem Kniewinkel eine
entspannte Haltung zu. Aber irgendwann ist halt mal jeder Tag zu Ende.
Ich bin mir sicher, dass sich jeder, der mit der Sachs einen Ausritt wagt, vom fast ideal
abgeschmeckten Eintopf angetan sein wird. Den wohligen Nachgeschmack einer Delikatesse
wird er noch einige Zeit in sich spüren.
Potentielle Käufer bekommen neben garantiertem Fahrspaß zudem ein gut ausgestattetes
Bike für ihre 12.495.- DM geboten. Die Instrumente sind ok, zudem hat sie neben dem
Seiten- auch einen Hauptständer, der zum Aufbocken wunderbar übersetzt ist. Aufgrund
ihrer Sitzhöhe von 76 cm taugt sie sicherlich als Einsteiger- oder Fahrschulbike. Ebenso
werden nicht allzu groß gewachsene Mitmenschen sicheren Fußkontakt mit dem Boden
verspüren.
Bleibt abzuwarten, wie sich die sachs machine in neuer Marktnische behaupten wird. Ich
wünsche ihr dazu alles Gute.
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