Saurier haben
etwas archaisches. Die halbe Menschheit ist fasziniert von den längst verstorbenen
Riesenlebewesen, die monsterstark, mit nussgroßem Hirn versehen, ihrem Instinkt
nachgingen. "Fressen oder gefressen werden", war das Motto der Zeit. Die
Bissigsten, Hungrigsten und Stärksten überlebten bis zu ihrem jähen Ende, das bis heute
nicht wirklich erforscht ist.
Einer überlebte
im Untergrund. Scheinbar plötzlich und aus dem dunklen
Nichts erschien er und präsentierte sich im Winter zähnefletschend
der breiten Masse. Jedem Betrachter wurde unmissverständlich
deutlich, dass es nur einen geben sollte, nur einen, der
nackt und urgewaltig die Hatz auf dem Asphalt nach allem,
was darauf herum kreucht und fleucht, beginnen wird.Gespickt
mit spitzen Zähnen und harten Schuppen zeigt er sich aggressiv
und sucht den Bändiger, der ihm seine Grenzen setzen wird.
Der Raptor von Cagiva wird es den Monstern zeigen, wer
der wahre Meister der Landstraße sein wird.

Ich hatte
das Vergnügen, eine Version der Raptor vom Race Point
in Nördlingen für einen sehr ausgedehnten Ritt zu bekommen.
Die Maschine wirkte zuerst mal sehr klein auf mich. Mit
meinen 1,82 Metern Körpergröße musste ich meine Knie schon
ganz schön falten, um meinen Allerwertesten auf der gut
gepolsterten Sitzbank nieder zu lassen. Trotz Riesenmuskeln
scheint sie sich noch vor größeren Dompteuren zu fürchten.
Mit meiner Dreifaltigkeit an Knieen und Bauch war der
Sitz auf der Bestie nicht unbequem. Der Lenker hat eine
angenehme Breite. Die Hebelein sind standard, die Instrumente
eckig und stachelig. Bis auf die Uhrzeit und den aktuellen
Stand im Tank wurde ich über alle wichtigen Vorkommnisse
im Seelenleben des Beißers informiert.
Zündung an,
Chokehebel etwas ziehen, Druck auf den Starkknopf. V2
legt sofort los, untermalt von sattem und kraftvollem
Bum-burum-burum aus den 2 schön geformten Endrohren. Der
Motor läuft gleich rund. Ein echter Jäger. Sofort fit
und bereit, sich adrenalingeschwängert auf die Jagd zu
machen. So soll es sein mit diesen Spaßgeräten.
Jeder kleine
Dreh am Gas setzt einen unbändigen Vorwärtsdrang frei.
Bis 6000 Umin geht ab Standgas schon das Treiben los.
Ohne spürbare Anstrengung macht sich die Raptor auf die
Suche nach Schalentieren aus Japan und den Monstern der
Neuzeit. Aufgrund ihrer relativ kleinen Erscheinung wird
sie unterschätzt bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie die
7000 Umin Marke überschreitet. Laut fauchend schnellt
sie nach vorne mit explosionsartiger Leistungsentfaltung,
um sich, auch z.T. wheeliehaft, an die Fährte der Gejagten
zu setzen und sie schließlich nach ausdauernder Hatz einzuholen
und in völliger Überraschung zu schlagen. Lediglich eine
130-PS-CBR konnte ihr ab 180 km/H entfliehen. Bis zu dieser
Marke nahm sie die Raptor eher als Hindernis wahr. Eine
wahre Freude für den Bändiger. Kaum ein Zeitpunkt, an
dem die Leistung nicht ausreicht. Keine noch so verkraterte
Asphaltlandschaft, die dem Fahrwerk Grenzen setzt. Obwohl
vorne wie hinten die Dämpfung nicht einstellbar ist, kann
die Grundeinstellung ab Werk als gelungen bezeichnet werden.
Es handelt sich wohl um einen Glücksgriff der Evolution.

Probiert
es selbst aus. Das Fahrwerk ist eine Schau und über
jeden Zweifel erhaben. Klasse, was da bei Cagiva entwickelt
wurde. Direkt und geradlinig läßt sich die Raptor spielerisch
einlenken und in engen wie weiten Kurven bewegen. Auch
Bodenwellen um die 200 kmH in Schräglage bringen sie nicht
von der Linie ab. Ich hatte stehts ein sicheres Gefühl.
Zudem besitzt es für welligen Belag ein gutes Schluckvermögen.
Mit dem Gas
war beim druckvollen Beschleunigen aus mittleren bis heftigen
Schräglagen auch im 2. und 3. Gang Vorsicht angesagt.
Die kurze Übersetzung und der mächtige Dampf des V-Twins
von Suzuki überforderten in genannten Situationen die
Reifenhaftung gerne und schnell. Aufgrund der lästigen
Lastwechselreaktionen, für die das Triebwerk bekannt ist,
war die Feindosierung beim Gas nicht immer einfach. Das
Schalten in höhere Gänge nahm der Bestie zwar etwas von
ihrer Spurtkraft, machte das Fahren aber wesentlich angenehmer.
Die Bremsen der Raptor beißen in gleichem Maße zu. Fein
dosierbar mit klarem Druckpunkt (Stahlflexleitungen serienmäßig!)
vermitteln sie, ebenso wie das Fahrwerk, Sicherheit und
garantieren kurze Bremswege. Angenehm auch die einstellbare
Hebelei für die Vorderbremse.
Was macht
Raptor nachts? Jagen. Mit Licht eben. Das ist wunder bar
hell und breit monochrom leuchtend. Flotte Nachtfahrten
sind garantiert. Wer nicht alleine jagen möchte, nimmt
einen Sozius mit. Aber achtet auf die Größe, denn die
geforderte Kniefaltung ist sehr groß und an der Grenze
zum Unangenehmen. Für die Tagestour mit Pausen solltet
Ihr Streck- und Dehnübungen parat haben. Der Sitz hinten
ist schmal und nicht gerade komfortabel für das Soziushinterteil.
Positiv dagegen der rutschhemmende Bezug. Da bleibt beim
Bremsen der Sozius auch ohne Haltegriff da, wo er hingehört.
Um das Urvieh
im optimalen Sprungbereich zu halten, ist das 6-Gang-Getriebe
wunderbar abgestuft. Kurze und präzise Schaltwege erleichtern
dem linken Fuß die Arbeit. Der Leerlauf war ohne Probleme
auffindbar.
Wer denkt,
dass der bissige Kraftprotz zur Erhaltung seiner Power
Sondernahrung benötigt, liegt falsch. Normalsprit reicht
dem Vieh aus, den es aber bei forscher Gangart nicht gerade
sparsam in sich hineinsäuft. 8,5 Liter musste ich ihr
bei flotter Fahrt mindestens geben, um sie zu weiterer
Hatz zu überreden. Schade, dass sie für ihre Ruhephasen
nur einbeinig stehen kann,denn der Hauptständer wurde
eingespart.
Letztlich muss ich unbedingt noch erwähnen, dass die Verarbeitung der
Raptor gediegen wirkt. Sie wird das Vieh befähigen, auch während den kommenden Phasen
der Zweiradevolution zu jagen. Die Raptor ist ein Bike mit garantiert hohem Spaßfaktor.
Wer gerne feilen und jagen geht, wird mit dem bissigen Urvieh seine helle Freude haben -
und das zu einem in dieser Sparte relativ günstigen Preis.
Stand: 25.06.2000
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