Die
BMW R 1100 R kennt jeder. Auf den 1. Blick eher unauffällig hat sie
sich ihren Platz in der großvolumig bestückten Naked-Bike-Szene erobert.
Keine andere hat in verschiedensten Tests so überzeugen können, wie
es die beiden beiden Bayern-Boxer R 850 R und R 1100 R taten.
Der R 1100 R wollte ich im Alltagsbetrieb, aber auch auf großer
Pässetour durch die Schweiz, auf den Zahn fühlen. Die Testmaschine
stellte mir dankenswerterweise die Presseabteilung von BMW in
München zur Verfügung.
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Regen. Nichts als Wasser, das wie aus Kübeln geschüttet aus dem
Himmel kam. Der diesjährige Juli machte seinem Status, statistisch
gesehen der regenreichste Monat im Jahr zu sein, mehr als alle
Ehre. Wassertriefend betrat ich die Tiefgarage des Pressefuhrparks
und holte mir die reservierte Maschine von ihrem Stellplatz. Viel
zu sauber, viel zu blitzend für dieses Mistwetter. Mir fiel das
viele Chrom in die Augen, das vor allem vom Scheinwerfer und dem
Instrumentengehäuse her blinkte.
Wieder am Tageslicht unter dichter Wolkendecke war es schnell
aus mit der Sauberkeit. Es schiffte wirklich, was das Zeug hielt.
Glücklicherweise hatten die BMWler meiner Maschine
eine großflächige Scheibe montiert, dachte ich bei mir,
als ich mir die noch trocken haltenden Handschuhe überzog. Diese
Scheibe war jedoch schon gleich auf der Ostumgehung ein Ärgernis,
denn sie sorgte im Helmbereich für reichlich Verwirbelungen, so
dass ich mir in dem Moment nicht sicher war, was das kleiner Übel
war: der Regen von vorne oder die Vibrationen. Bei eingezogenem
Kopf war es dann erträglich. So bot die Scheibe einen wirklich
guten Windschutz. Nur meine Sitzhaltung war damit unbequem und
verkrampft.
Das war es dann auch schon mit dem Gemecker vom Tester.
Klasse machte sich von Anfang an der Schub, den der Boxer aus
niedrigen Drehzahlen liefern kann. Bis ca. 6000 Umin hat man sattes
Drehmoment am Hinterrad. Der Motor liefert keinen knallharten
Punsch, sondern gentlemen-like ausdauernd kräftigen Druck ohne
Ambitionen, bei Volllastbeschleunigungen die Arme des Fahrers
heraus zu reißen. Über 6000 mag der Boxer nur noch zäh bis an
den roten Bereich herandrehen. Weniger ist bei der R 1100 R deutlich
mehr.
Der Twin hing in allen Lagen sauber und präzise am Gas. Deutlich
spürbare Vibrationen stellten sich ab ca. 4000 Umin ein, die akkustisch
durch dumpfe Brummgeräusche untermalt wurden. Nicht ganz die feine
Art, aber auch nicht so störend, wie es oft beschrieben wurde.
Aber wahrscheinlich bin ich da noch nicht so sensibel aufgrund
meiner eigenen 2-Ventiler-Vibrations-Erfahrungen, die einfach
von deftigerer Natur sind.
Der
Blick fiel bei dem Mistwetter immer wieder auf die Armaturen, da sie
mir optisch gut gefielen. Sie liefern gut sichtbare Infos über das,
was den Biker interessiert. Schön dabei finde ich, dass BMW als High-Tech-Schmiede
auf die LCD-Mäusekinos verzichtete. Das verleiht der Maschine zeitlosen
Stil und passt zum optischen Gesamtkonzept dieses Bikes. Die R 1100
R wirkt einfach, aber nicht billig. Ein stilles Wasser, das tief gründet.
BMW-Standard
ist der höhenverstellbare Fahrersitz (hier in 3 Stufen), mit dessen
Hilfe eine individuelle Sitzhaltung gefunden werden kann. Eine Sitzpfanne,
in der man gemütlich auch lange Touren ertragen kann ohne sich einen
Wolf zu sitzen. Rückhalt bei Beschleunigungsaktionen ist inbegriffen.
Die Fußrasten erlauben einen angenehmen Kniewinkel. Schade nur, dass
die Lenkerposition fixiert ist. Der halbhohe und relativ breite Lenker
garantiert jedoch eine bequem-aufrechte Position.
BMW-Standard auch die Hebeleien und Bedienknöpfe. Ich fragte mich
jedoch, warum an der R 1100 R nicht die Schaltereinheit der K-Reihe
Verwendung fand, da sie die Bedienung für Warnblinker, ABS und Griffheizung
integriert und eine absolut einfache Bedienung ermöglicht. Mit Tankrucksack
war es für mich manchmal in den Bergen ein nicht ungefährliches Suchspiel,
den über dem Lenkkopf angebrachten Schalter für die Griffheizung blind
zu ertasten.
Super die Bremsen. Ohne Schwächen oder Fading-Erscheinungen. Auch
bei deftiger Pässefahrt bergab überzeugten sie stets durch sauber
dosierbare Bremsleistung mit sehr klarem Druckpunkt. Selten brauchte
ich mehr als 2 Finger. Selten musste der hintere Stopper wirkliche
Unterstützungsarbeit leisten. Die 2 Vierkolbenzangen vorne verrichteten
ihre Beißarbeit an den schwimmenden Scheiben mehr als vorzüglich.
Das ABS II funktionierte ebenfalls ohne Makel. Manchmal lockerte es
für meine Begriffe z.B. auf nassem Kopfsteinpflaster zu früh die Beläge.
Das hintere ABS war im Fahrbetrieb eine mentale Entlastung, vor allem
bei nasser Passstraße bergab.
Passend zu den agilen
Stoppern ein meisterhaftes Fahrwerk. Es schluckt kleine Unebenheiten
fast komplett weg. Es ist komfortabel, aber nicht schlonzig. In Verbindung
mit dem Stahl-Gitterrohr-Rahmen wirkt alles stabil und steif. Nur
voll beladen mit Sozia, 2 übervollen Koffern und einer prall gefüllten
75-Liter-Rolle auf dem Gepächträger zeigte die R in schnellen Autobahnkurven
leichte, aber durchaus verzeihbare Verwindungen im Rahmen.
Bei sportlicher Pässefahrt konnte der Roadster genauso überzeugen
wie vollbeladen auf Tour. Das ist, was mir gefällt. Eine Maschine
mit einem universell einsetzbaren Fahrwerk. Leider setzte links der
Hauptständer frühzeitig deutliche Kratzspuren in den Asphalt. Ich
denke, dass die R ohne den Ständer noch wesentlich sportlicher zu
bewegen wäre, wenn sie eben mehr Bodenfreiheit hätte.
Schade auch, dass die Feder hinten im Soziusbetrieb zum Durchschlagen
neigt. Die Dämpfung geht hinten dagegen total in Ordnung.
Aber wie gesagt: die R ist kein Sportler, sondern ein vorzüglicher
Allrounder.
Was
letztlich zählt, ist neben guter Verarbeitungungsqualität und positiver
Motorcharakteristik das Handling. Ich wüßte im Moment nicht, was man
da noch besser machen könnte. Sie R 1100 R läßt sich spielerisch einlenken
und zielgenau steuern. Trotz partiell durchschlagendem Federbein hinten
bleibt sie ihrer Fahrlinie treu. Einspuriges Schienenfahrzeug
ohne Schienenträgheit könnte sie gleichfalls genannt werden.
Das gefällt gleich bei der ersten Fahrt. Ich musste mich nicht lange
an die Maschine gewöhnen. Sie passte wie ein Schuh, was mir andere
R-Fahrer in Benzingesprächen bestätigen konnten.
Draufsetzen, losfahren und sich dabei sicher und wohl fühlen . . .
. . . , wenn da nicht dieses wirklich nervige Konstantfahr-Schieberuckeln
wäre, dass anscheinend zum Signum einiger Mitglieder der 4-Ventiler-Boxerfamilie
von BMW gehört. (Also gut, das ist noch ein Gemecker vom Tester).
Das nervte wirklich. Vor allem in Ortschaften oder hinter LKWs fiel
es mir besonders auf. Das Gezuckel auf dem Streckenstück zwischen
dem Vierwaldstädter See und dem Züricher See mit seinen vielen Ortschaften
hängte sich da besonders in meiner Erinnerung fest. Kann man da wirklich
gar nichts machen? Ich meine natürlich ab Werk!
Die BMW R 1100 R bleibt trotzdem ein Motorrad mit deutlicher Spaßgarantie.
Man sucht sich ja bekanntlich als Biker nicht die Ortschaften und
Strecken mit LKW-Überschuss zum Biken aus. Und LKW können dank Drehmoment
und genügend Kraft mit Leichtigkeit überholt werden.
Mich selbst konnte die R durch ihr Allroundtalent überzeugen, das
sich unspektakulär, aber beständig in Szene setzte. Man nimmt es wie
selbstverständlich an und denkt nicht viel drüber nach. Erst, wenn
man einen Vergleich zu Maschinen ihrer Klasse hat, werden einem die
Vorzüge der R 1100 R deutlich.
Es ist die Selbstverständlichkeit an technischer Ausgewogenheit, die
diese Maschine trotz kleiner Macken zum Genussmittel mit hohem Nutzwert
in vielen Lebenslagen macht.
Stand: 13.04.2001
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