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Fahrbericht
Moto Guzzi Jackal 1100
Wie
in der Mode im Textilbereich scheint nun auch die Motorradindustrie
sich auf stilistische Details der 50er Jahre zurückzubesinnen.
Die Motorräder damals waren im Design klar. Auf unnötigen Zierrat
und technisches Zuviel wurde verzichtet. Mit der Moto Guzzi
California Jackal stellten die Jungs aus Mandello del Lario
ein Motorrad auf die Beine, das diesen Kriterien entspricht.
Die Jackal besticht durch eine saubere Linie, die sich in allen
Details wieder findet: harmonische Rundungen von vorne bis hinten.
Ich finde das Motorrad schlichtweg schön. Nichts außer dem bulligen
Vau-Zwo sticht besonders heraus. Egal aus welcher Perspektive
- das Auge wird sanft umschmeichelt. Gott sei dank fehlen reißerische
Aufkleber mit Hinweisen auf die Anzahl der Ventile und wer die
verbauten Zündkerzen lieferte.
Für
Verfeinerungen hat Moto Guzzi mehr als 40 Zubehörkomponenten
parat, so daß man sich seine Jackal optisch wie funktional individuell
gestalten kann. Das angebotene Windschild sollte, wenn möglich,
vor dem Kauf probegefahren werden, denn mit meinen 182 cm Lebensgröße
hatte ich hinter dem Schild mit mächtigen Verwirbelungen im
Helmbereich zu kämpfen, so daß ich mir die Scheibe wieder demontieren
ließ.
Meine Testmaschine holte ich in Bechhofen von der Fa. InTeam
Motorradladen in der Ansbacher Str. 77 ab. Der Inhaber
Reinhard Bergmann wies mich gleich bei der Übergabe darauf hin,
daß die Jackal im leichten Schiebebetrieb deutlich ruckelt und
in den Luftfilter spotzt. Dies lasse sich auf eine
zu magere Gemischeinstellung für diesen Drehzahlbereich zurückführen,
die er mittels entsprechender Software in seiner Fachwerkstatt
jedoch mit geringem Aufwand regulieren kann. Abgesehen von diesem
Schönheitsfehler zeigte der bullige 1100er, daß er Kraft aus
dem Vollen schöpft. Sattes Drehmoment steht kurz über Standgas
zur Verfügung. Drum können die Gänge 4 und 5 problemlos als
Dauerfahrstufen die Schaltfaulheit und Bequemlichkeit mancher
Zeitgenossen unterstützen.
Daß Leistung für die Guzzi kein Fremdwort ist, stellt sie bei
jeder Aufforderung durch den Dreh am Gasgriff sofort unter Beweis.
Schüttelnd und laut, aus beiden schlank geformten Endrohren
bullernd, packt der Guzzitwin bärenstark an und treibt Krad
mit Ladung mühelos und ohne Leistungsloch bis an den Begrenzer
schubstark voran. Der fehlende Drehzahlmesser fehlte eigentlich
gar nicht. Das tiefe Poltern aus den Chromrohren war für mich
auch beim auftretenden Sturm höherer Geschwindigkeiten gut wahrnehmbar.
So konnte ich die Guzzi problemlos nach Gehör fahren. Wers
schon probierte, wird dem Sound verfallen sein. No bass - no
fun. Cruisen nach California Art eben. Laut und bequem. Ein
Festival der Sinne.
Für
das Promenieren vor einschlägigen Eis- und Stadtcafes ist das
Fahrwerk eindeutig unterfordert. Italienisch straff, auf holprigen
Straßen hinten schon fast hart, bietet es gute Voraussetzungen
zum Ausleben cruiseruntypisch-sportlicher Fahrambitionen. Hoch
montierte Fußrasten setzen der Lust an Schräglagen keine Grenzen.
Selbst mit besetztem Soziussitz zieht die Maschine sauber ihren
Strich. Leicht einzulenken, behält sie die gewählte Linie. Der
Rahmen verbiegt sich nicht. Bodenwellen haben der Jackal in
schnell gefahrenen Kurven nichts an. Flickwerk deutscher Straßenbaukunst
ignoriert sie klugerweise. Zu arge Bodensenken führten im Soziusbetrieb
allerdings manchmal die hinteren Federn über die Grenzen ihrer
Möglichkeiten. Der Bock ging dann auf Block. Ungefedert erhielt
vor allem die Sozia dann entsprechende Rückmeldung direkt ans
Rückgrat weitergeleitet. Bei Soziusdauereinsatz ist der Austausch
gegen Federbeine der Zubehörindustrie ratsam.
Technische i-Tüpferl sind der serienmäßig verbaute Lenkungsdämpfer
und der Gabelstabi, die sicherlich für die Ruhe im Fahrwerk
mitverantwortlich sind und zeigen, daß die Jackal zu mehr als
zum Abfahren der Flaniermeilen bestimmt ist.
Im Gegensatz z.B.
zur California Evoluzione besitzt die Jackal kein Integralbremssystem.
Vorne und hinten wird getrennt gebremst. Und das mit sehr guter
Effektivität. Die Brembostopper sind über jeden Zweifel erhaben.
Gut dosierbar beißen die vorderen Beläge, eindeutig motiviert
durch 4 Kolben, in die schwimmend gelagerte Scheibe und verzögern
die Fuhre vorbildlich. Hinten gehts ebenso effektvoll,
jedoch neigte die Bremse zeitweilig zum Blockieren. Nicht dramatisch.
Mit entsprechendem Feingefühl im rechten Fuß wars überhaupt
kein Problem, damit zurecht zu kommen.
Die Sitzposition auf der Jackal ist angenehm aufrecht. Der breite
Lenker vermittelt gleich das Gefühl, die Maschine im Griff zu
haben.Man plaziert sein Hinterteil auf einem sehr bequem anmutenden,
weich gepolsterten Sitz. Die Sitzfreude wird leider nach einiger
Fahrzeit durch das direkte Zusammenkommen des Hinterteils mit
der harten Sitzschale getrübt. Die weiche Polsterung sitzt sich
vorne wie hinten durch. Ein Grund mehr, Biergärten und Eiscafes
aufzusuchen.Unüberhörbar herannahend wird man mit ungeteilter
Aufmerksamkeit anwesender Gäste entschädigt. Schnell ist der
schmerzende Po vergessen.
Beim
Eis fällt der Blick dann wieder auf dieses wunderschöne Motorrad,
dessen Speichenräder dem stilistischen Retrolook zur Perfektion
gereichen. Vergessen die kleinen Schönheitsfehler. Wieder Lust,
den 1100er V2 losbullern zu lassen und seinen unermüdlichen
Schub zu spüren, dabei die Synphonie kraftvoller Brennraumarbeit
im Ohr und das sichere Gefühl, daß die Linie von A nach B mit
hohem Genußfaktor untermalt sein wird.
Ein Motorrad für Ästheten, die neben einem ansprechendem Äußeren
auch Funktionalität und technische Überschaubarkeit schätzen
- eine Guzzi eben.
Stand: 24.09.2001
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