Fahrbericht mit der
einzigartigen
Metisse Turbo Boxer
T ext:
Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Horst Edler
Horst Edler hat sich in der Tuningszene für Motorräder mittlerweile
mit seinen Projekten einen Namen gemacht. Seine Ideen sind innovativ,
realitätsnah und auf effektive Optimierung ausgelegt. Die Umsetzung
war in jedem Fall auf höchstem Niveau. So konnten mich seine Umbau-Hayabusa,
seine Zahnriemen-XJR-1300 oder aber im Frühjahr 2003 seine BMW R
1150 Strada durchaus überzeugen. Bestechende Gemeinsamkeit aller
Umbauprojekte war trotz z. T. erheblicher Leistungssteigerung die Fahrbarkeit
in normalen Alltagssituationen. Motorentuning ging bei Horst Edler immer
mit Erhöhung von Fahrsicherheit und auch mit einer Steigerung des
Fahrkomforts konform.
Seine neueste Kreation bricht nun Grenzen auf. Beim Stichwort "Turbo"
fällt in Bikerkreisen schnell der Vorhang. Biker meiner Altersgruppe
kennen noch die Turbo-Gülle oder eine 750er Turbo-Kawa. Einige
haben sie besessen und erzählen ihre Erlebnisse mit diesen Bikes,
die fast immer von schmalem leistungsbringendem Drehzahlband und
dem plötzlichen Einsatz der Leistung handeln. Jeder erlebte gefährliche
Situationen, wenn in Schräglagen plötzlich der volle Schub
einsetzte und man sich entweder in seiner Vorstellung oder aber in der
Realität im Graben wieder fand.
Das Thema "Turbo" war für die Motorradbranche schnell
wieder abgehakt. Und wenn man aktuelle Hochleistungsbikes fährt,
merkt man, dass beispielsweise eine GSX-R 1000 über einem sehr
breiten Drehzahlband atemberaubende Leistung bereit stellen kann.
So fragte ich mich, als ich das erste Mal von Edlers neuem Meisterstück
las, was da mit den 156 am Hinterrad gemessenen PS wohl anders sein
soll als bei den 1000er Supersportlern, die zudem keine 80.000.- Teuronen
kosten. Der zweite Wert machte mich jedoch stutzig: 166 NM Drehmoment
bei 220 kg Leergewicht.
In meiner Testerpraxis konnte ich nun mit einigen Motorrädern Erfahrungen
sammeln, die auch schon mal 130 NM ans Hinterrad drückten. Die
heftigste war die Metisse-Hayabusa mit über 140 NM Drehmoment.
Da dachte ich schon, dass das Motorrad waffenscheinpflichtig sein müsse.
Ausnahme war die 1800er Gold Wing mit ihren fulminanten 168 NM, aber
auch fulminanten 400 kg.
Erste Telefonate machten mich richtig neugierig. Meine alles übertönende
Frage war, ob das Motorrad überhaupt fahrbar sei. Soviel vorab:
es ist!
Jo Soppa von der "MO" stellte den ersten Fahrbericht zusammen.
Auch den verschlang ich und bekam gehörigen Respekt. Schließlich
war es im Oktober soweit, dass Horst u nd
ich einen Termin finden konnten, an dem eine Ausfahrt möglich wurde.
Ein goldener Herbsttag. Ich habe gerade die R 1150 Rockster bei mir
zum Testen. Das wird ein echter Boxertag heute. In knapp zwei Stunden
bin ich in Auenwald-Hohnweiler bei Team Metisse angekommen und begeistert
von diesem Boxer. Nun zum nächsten, dem heutigen Hauptdarsteller.
Sauber poliert steht er in Edlers Halle. Sie sieht edel aus. Blaumetallic
mit Carbonteilen, asymetrisch verbauten Xenon-Scheinwerfern und polierten
Felgen mit knallrotem Kern.
Zuerst kommt im Garten des Nachbarn die Fotoaktion. Ein Ambiente wie
für die Maschine geschaffen. Dass wir die Maschine zu diesem Zweck
über eine wilde Wiese schieben und schließlich zu viert über
eine kleine Mauer bugsieren müssen, sei nur am Rande erwähnt.
Schließlich sind es doch 80.000.- €, die wir hier bewegen
und heben und schieben. Mir ist es dabei schon ein paar Mal etwas mulmig
zumute. Doch Horst hat die Ruhe weg.
Beim
Fotoshooting habe ich nun die Möglichkeit, mir die Maschine in
Ruhe und komplett anzusehen.
Die Basis ist die ganz normale R 1100 S (ich berichtete darüber
in 2001 - der Test ist einzusehen auf meiner Website www.bikeandmedia.de).
Die Qualitäten des Rahmen- und Fahrwerkskonzepts sind hinreichend
bekannt. Edler übernahm auch die originale ABS-Teilintegral-Bremsanlage.
Ausgetauscht wurden die Federbeine gegen die von Öhlins.
Die Verkleidung entstand in Handarbeit. Horst Edler überbrachte
seine Vorstellungen dem Erbauer von Verkleidung, Tank und Sitzbankheck,
die schließlich alle aus Aluminium per Hand gedengelt wurden und
so ihre jetzige Form bekamen. Die Paralever-Drehmomentstütze fräste
man eigens aus einem massiven Alublock. Die Ölkühlerverkleidungen
schnitt man per Laser. Die Blinker der R 1150 RS wurden in die Verkleidung
vorne und hinten wunderbar integriert. Und so könnte ich nun die
Liste erweitern, was aber meiner Intention nicht entspräche. Es
geht mir hier um die Fahrbarkeit dieser provozierenden Studie.
Dennoch
muss ich noch kurz auf den Antrieb eingehen. Schließlich ist der
Turbo der Kern des Projektes. Siegfried Stütz als erfahrender Turboexperte
für Boxermotoren übernahm den Umbau. Eine Änderung des
Motormanagements tat Not, was durch die Integration einer zweiten programmierbaren
Einspritzanlage (die auch in der Formel 1 verwendet wird) realisiert
wurde. Pro Zylinder sind nun zwei Einspritzdüsen verbaut. Als Endantrieb
verwendete man den verlängerten der Boxer-Cruiser.
Wer sich über die Technik im Einzelnen weiter informieren möchte,
kann dies auf der Website von www.metisse.de tun, denn eine ausführliche
Beschreibung würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen.
Nun aber rauf auf die Maschine. Das Cockpit gleicht dem einer Technikzentrale.
Unter dem Dioden-Lambdacontroller sitzt ein Touratech-Cockpit. Rechts
platzierte man das, wie sich auf der Fahrt herausstellte, wichtigste
Anzeigeinstrument, die Ladedruckanzeige.
Es bedarf einer kurzen Einführung durch Horst.
Dann raus auf die Piste. Ich bin neugierig und respektvoll. Immer habe
ich die 166 NM im Hinterkopf. Auch schwirren immer wieder Gedankenfetzen
aus alten Turbobikeberichte durch meinen Kopf. Horst fährt mit
seiner Strada vorweg und lässt sie gleich an ein paar Autos vorbei
ziehen. Ich hinterher - immer die Ladedruckanzeige im Blick. Dass es
nicht ganz so heftig wird, habe ich den Ladedruck von 0,78 auf 0,6 bar
runtergeschaltet. So stehen knapp 140 PS zur Verfügung, wenn es
zu vollem Ladedruck kommt.
Die Turbo fährt sich im ersten Eindruck unter 3500 Umin wie eine
normale R 1100 S. Na ja, fast, denn die Turbo weckt schon alleine durch
ihren Sound nachhaltig Emotionen. Schließlich verbaute man hinter
dem Turbo gerade mal noch ein am Ende schräg abgeschnittenes Edelstahlrohr
ohne Dämpfer. Für die einen sind das sicherlich krasse Lautstärkeemissionen.
Für die anderen - und da zähle ich mich auch dazu - ist das
Boxersound vom Feinsten. Nicht nur "etwas" lauter, sondern
kernig und fast schon aggressiv. Und wehe, du lässt die Turbokuh
rennen und fliegen, dann packt der Soundteufel
zu und weckt deine überschäumende Gier nach diesem Sound und
diesem Schub. Aber langsam, langsam. Wir sind noch nicht soweit.
Ich ziehe am ersten Auto vorbei. Die Straße ist eng und kurvig.
Ich blicke respektvoll auf den Drehzahlmesser und auf die Ladedruckanzeige.
Die bleibt recht ruhig, zeigt gerade mal 0,3 bar an. Ich gebe Gas, höre
das Turbopfeifen, sehe die Ladedrucknadel von 0,4 auf 0,6 bar schnellen
und werde sprungartig vorwärts geschoben. Glücklicherweise
hat die BMW verlässliche Bremsen, denn eine Kehre kommt angeflogen.
Hart runterbremsen, zweiter Gang, und ab dem Kurvenscheitel Gashahn
auf, um die Turbo so richtig anzuschieben. Fehlanzeige. Es zieht hier
die ganz normale 1100 S an. Erst einige Meter hinter der Kurve kommt
Ladedruck zustande und die Turbo schnellt nach vorne. Die nächste
Kehre. Ich halte sie diesmal etwas am Gas und behalte so Ladedruck bei.
Und schon geht hier ab dem Scheitelpunkt die Post ab - jedoch voll kontrollierbar.
Das überrascht mich. Es geht bergauf. Ich schalte auf vollen Ladedruck
um, da ich mich schnell sicher fühle. Dann drehe ich etwas auf
und komme an den Drehzahlbereich, an dem der Ladedruck zu steigen beginnt.
Der Schub steigt, explodiert aber nicht unkontrolliert. Erst als ich
wirklich aufdrehe, bekomme ich einen heftigen Tritt in den Allerwertesten.
Schon wieder bremsen. Die nächste Ortschaft kommt atemberaubend
schnell auf mich zugeflogen. Beim Runterschalten das echte Turboknallen.
Alles ist so da wie ich es erwartet habe. Nur die Unkontrollierbarkeit
- die fehlt fast vollkommen.
Nun
habe ich ein kleines schnurgerades Stück zwischen zwei Albortschaften
vor mir. Ca. 1,5 km sind es. Das nächste Ortsschild ist schon eindeutig
zu sehen. Ich ziehe an Horst vorbei und ziehe den Hahn auf. Ich will
es nun wissen, wie sich das in Buchstaben schon erfasste Drehmoment
anfühlt. Der Ladedruck steigt auf 0,4 bar. Der Druck beginnt und
im nächsten Moment explodiert der Boxer förmlich an den Begrenzer.
Ich habe das Gefühl, dass ich mit dem Schalten nicht mehr nachkomme.
Der Soundteufel brüllt aus voller Kehle und treibt mich zu mehr
Vorschubaktivitäten an. Und dann kommt schon die Ortschaft mit
einem Höllentempo auf mich zugeflogen. Ankerwerfen und die Bremsanlage
an die Grenze bringen, so dass ich am Ortsschild wieder auf regulärem
Niveau bin. Geschafft. Mir scheint Adrenalin aus einer Überproduktion
aus meinen Ohren zu laufen. Ich bin sprachlos, überwältigt
und schmettere schließlich ein lautes "Booooaaaaahhh"
an mein Visier. Eine solche Leistungsentfaltung habe ich noch nicht
erlebt. War doch bisher Edlers stark gewichtsabgespeckte 190-PS-Hayabusa
für mich die Referenz an ultimativer Leistungsentfaltung gewesen,
ist dies nun durch diesen Turbo-Boxer ohne Probleme getoppt worden.
Aus
der Ortschaft raus wieder ein gerades Stück. Ich muss es wieder
tun. Der Turbo pfeift, baut Druck auf und lässt nun aus der schon
recht flotten 98-PS-Kuh einen vor Kraft strotzenden brüllenden
Monsterstier mit schier ungebremsten Vortrieb werden. Eh ich mich versehe
bin ich bei der Endgeschwindigkeit angelangt. Hoffentlich hats keiner
gesehen. Das ist mörderisch. Runter vom Gas und die Maschine schieben
lassen - und sich am satten Turboknallen erfreuen.
Ich warte in der nächsten Ortschaft auf Horst und lasse ihn wieder
vorneweg fahren. Nachdem ich nun weiß, was die Maschine für
Leistungsexplosionen abgeben kann, konzentriere ich mich auf die ganz
normale Fortbewegung, so wie ich es auf einer Tour gewohnt bin. Flott,
aber nicht rasen. Zügig und entspannt. Das kennt jeder. Da möchte
ich mich nicht dauernd auf Eigenheiten des Motorrades konzentrieren.
Ich möchte einfach nur so dahinfahren und meinen Spaß haben.
Wieder ein Überraschung: das geht mit der Turbo problemlos mit
der Einschränkung, dass ich die Ladedruckanzeige kontrollieren
muss. Möchte ich gleiten, fahre ich im sechsten Gang unterhalb
der Turbogrenze. Wie die normale 1100 S eben. Auch beim Überholen
halte ich den Schub leicht in Grenzen. Auffällig ist das breite
Drehzahlband, in dem der Turbo seine Leistung abgeben kann. Zwischen
4000 und 8500 Umin spielt sich das ab. Der Übergang bleibt dabei
stets kontrollierbar. Ich sehe an der Druckanzeige, wenn der der Druck
steigt, spüre den wachsenden Vortrieb und reduziere das Gas, um
nicht mehr Vortriebsdruck zu bekommen. Möchte ich schnell überholen,
schalte ich zwei Mal runter, baue Druck auf und kann dann mit vollem
Schub hyperschnell vorbeiziehen. Alles eine Gewohnheitssache. Genau
wie der Umstand, dass ich beim Abbiegen für den rückwärtigen
Verkehr Handzeichen gebe, da die sauber im Heck integrierten Blinker
von hinten nicht sichtbar sind.
Ja,
einige fragen sich bestimmt, wie das denn mit dem Motorrad mit dem Auspuff,
den Blinkern, dem kleinen Lenkerspiegel links etc. so geht in punkto
TÜV und Zulassung. Ganz einfach: gar nicht. Diese Maschine ist
für eine reguläre Zulassung nicht gebaut worden. Sie ist eine
Studie, die zeigt, was möglich ist. Sie ist ein Einzelstück,
für das es keine Serie geben wird. Es kann sein, dass die Maschine
auf Ausstellungen und Messen von Horst Edler gezeigt wird. Fahren wird
nur er sie weiterhin.
Fazit:
Horst Edler hat es wieder mal geschafft, den Bogen zwischen Alltag
und Extrem zu spannen. Seine Turbo-Boxer ist eine Two-In-One-Maschine
mit maximaler Alltagstauglichkeit. Es ist die normale sportlich-sanfte
BMW R 1100 S mit der Option zum Hardcore. Die Basis hält allen
Anforderungen mit Leichtigkeit stand. Die Öhlinskomponenten erzeugen
eine Mischung aus Komfort und Stabilität ohne Schwächen. Die
Bremsanlage hält auch massiven Turboattacken stand.
Nur der Fahrer sollte jemand sein, der über ein ausreichendes Spektrum
an Fahrerfahrung und Selbstdiziplin verfügt. Schließlich
muss er sich in Eigenregie immer wieder schnell und effektiv den Speed-
und Soundteufel austreiben. 
| Technische
Daten:
Basis BMW R 1100 S
Leistung: 155 PS
Drehmoment: 166 Nm
Höchstgeschwindigkeit: wird bei 258 km/h durch den
Drehzahlbegrenzer abgeriegelt,
ansonsten 282 km/h möglich.
Entwicklungs- und Herstellungskosten:
80.000,--Euro
Motor: Verdichtung verringert, Zylinderköpfe gekürzt,
Tassenstößel erleichtert
KKK Turbolader mit Ladeluftkühler
2. Einspritzanlage von Formel 1-Zulieferer installiert und programmiert
(jetzt insgesamt 4 Einspritzdüsen)
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Verkleidung: Alumiunium mit Iridium Silber beschichteter
Scheibe und 2 integrierten Xenon Scheinwerfern
Tank: Aluminium mit 2 Schnellverschlüssen, 26 Liter
Inhalt
Sitzbank: Aluminium, mit integriertem LED Rücklicht
Rahmenheck: Aluminium
Öhlins Fahrwerk
Elektronische Instrumenteneinheit mit Roadbook, Ladedruckanzeige
und Dampfrad
Edelstahl Abgasanlage
Verbrauch bei normaler bis zügiger Fahrweise: 8-10 Liter/100
Km
Verbrauch bei sehr sportlicher Fahrweise: 10-12 Liter/100 Km |
Und noch ein paar Bilder zusätzlich:


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