"Treffer"
oder "Glücksfall" war eine der Übersetzungsmöglichkeiten, die ich im
Wörterbuch für den Begriff "Strike" fand. Laverda - ein Glücksfall?
Wer regelmäßig die einschlägigen Ausgaben der aktuellen Fachpresse durchschaut,
findet kaum etwas über Laverda, obwohl vor allem die älteren Biker bei
dem Namen glänzende Augen bekommen. Irgendetwas muss doch dran sein
an den Laverdas. Irgendwas löst der Name immer aus. Manche meinen, dass
es die schon gar nicht mehr gäbe. Die seien ja schließlich pleite. Zudem
gab's immer wieder mit den luftgekühlten Twins Probleme. Andere meinten,
dass Laverda aus Italien käme und rein deswegen schon gut sein müsse,
denn wer sonst könne gute Motorräder bauen als die Jungs vom Stiefel.
Da
ist weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten. Laverdas werden aktuell
weiter gebaut, die Lager sind voll, die Ersatzteilversorgung ist gesichert.
Und luftgekühlt sind die Motoren schon lange nicht mehr. Keine Frage,
dass Interssierte somit bei Vertragshändlern wie Andreas Schilling in
Willburgstetten fündig werden können, wo ich dankenswerterweise "meine"
Test-Strike abholen konnte.
Die
Strike 750 ist vom Aussehen her das klassische Naked Bike mit sportlichen
Ambitionen, wobei man sie auch in der "Monsterklasse" für konkurrenzfähig
halten kann. Wie alle Laverdas der 750er Klasse entstammt auch sie dem
Baukastensystem der italienischen Bikeschmiede. Rahmen und Fahrwerk
sind allen Typen gemein. Und das sind auch die Sahnestücke, die bisher
die Fachpresse zu Lobeshymnen anstimmen ließ. Wirkte in einem früheren
Test die Formula auf mich vor allem beim Einlenken steif und starr,
geht die Strike mit kurzen Lenkerimpulsen leicht in Schräglage und zieht
dann ihre Bahn, als sei sie auf Mehdorns Schienen unterwegs. Keine Fahrbahndecke,
die dieses Motorrad aus der Ruhe bringen kann.
Voraussetzung
ist jedoch eine präzise Einstellung der Paiolis. Vorne als Upside-down-Gabel,
hinten als Zentralfederbein, ergänzen sie sich mit dem Alubrückenrahmen
in wunderbarer Weise. Die Werkseinstellung war mir zu hart und bockig.
Die Maschine neigte zum "Hoppeln", was sich nach einiger Einstellarbeit
an Zug- und Druckstufe vollkommen legte.
Klasse
für eine individuelle Sitzhaltung fand ich auch die in Drehung und Kröpfung
einstellbaren Lenkerstummel. Schade, dass es sowas nicht öfter gibt.
So kann jeder seine eigene Sitzposition finden, was den Wohlfühlfaktor
auf der Strike eindeutig hebt.
Laverda
steht auch für Eigenwilligkeit. Das Herzstück dieser Eigenwilligkeit
liegt in dem Parallelltwin mit seinen 747 ccm und 69 mm Hub. Der 4-Ventiler
läuft beim Kaltstart schnell ohne Choke rund. Unter 3000 Umin läuft
bei dem Zweizylinder nicht mehr als anständiges Geruckel und heftiges
Zerren an der Kette.
Darüber
schiebt die Strike eindeutig nach vorne und giert ab 6000 Umin dann
förmlich nach Drehzahlen und Gemisch aus der elektronischen Weber-Marelli-Saugrohreinspritzung
mit 44er Drosselklappendurchmesser. Ab hier ist dann richtig was los.
Die Leistungsabgabe setzt hier spontan und ruckartig ein, so dass im
1. oder 2. Gang das Vorderrad schon mal den Bodenkontakt verlieren kann.
Auch für die Ohren ist die Strike ein Glücksfall, denn der Sound der
Strike entfaltet sich schlagartig in ein regelrechtes 2-Topf-Röhren,
das abhängig machen kann, wenn man als Fahrer Suchtanlagen in sich trägt.
Die
Strike hängt recht gut am Gas, erfordert jedoch mit ihren heftigen Lastwechselreaktionen
Geduld und Fingerspitzengefühl. Das konnte mitunter schon mal nerven,
wenn ich in Ortschaften oder im Stadtverkehr mitschwimmen wollte. Deswegen
war ich immer froh, wenn ich an Ortsausgangsschildern vorbei in die
Landstraßen eintauchen konnte, wenn ich mich mit kurzen Gasstößen auf
Spaßgeschwindigkeit katapultieren ließ, um wieder dieses traumhafte
Fahrwerk zu genießen. Sicherheit vermittelte die mit 2 Brembo-Vierkolbenfestsätteln
bestückte Doppelscheibe vorne, die mit relativ klaren Druckpunkt für
satte und kräftige Verzögerung sorgte. Die hintere Bremse wirkte teigig,
jedoch effektiv in der Bremsleistung.
Die
weiß unterlegten Instrumente bieten italienisch gestylten Augenschmaus,
informieren jedoch nicht mehr ganz zeitgemäß. Die fehlende Uhr, die
fehlende Tankanzeige und schlecht ablesbare Instrumentenleuchten entsprechen
mittlerweile nicht mehr dem Zeitgeist der Vollinformation, der sich
sogar bei Supersportlern als Standard etabliert hat.
Die
Strike wirkte auf mich in ihrem Konzept nicht ganz rund. Super Fahrwerkseigenschaften
für sportliche Kurvenhatz gepaart mit satten Bremsen, die jedoch ein
eindeutiges Aufstellmoment auslösen und nach harter Beanspruchung teigig
werden. Ein drehzahlhungriges Aggregat mit fetter Leistungsausbeute
jenseits der 6000 Umin, aber mit nervigen Lastwechselreaktionen und
Rupfen und Reißen an der Kette, wollte man die Laverda unter 3000 Umin
bewegen. Trotz alledem ist die Strike ein geiles Naked für sportlich
ambitionierte Biker mit dem Hang zum Besonderen.
Stand:
24.09.2001 