Fahrbericht KTM 1190 RC8
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Was für ein Motorrad
denke ich mir, als ich
auf der Wheeliesmesse 2008 das erste Mal auf der KTM 1190 RC 8 sitze.
Das Design polarisiert. Einzigartig, wie es die Designer der Mattighofener
Motorradschmiede geschafft haben, das aktuell typische KTM-Keildesign
auch an diesem reinrassigen Straßensportler umzusetzen. Die KTM-Linie
hat eindeutigen Wiedererkennungswert. Ich bin begeistert von den vielen
Details, die beim näheren Hinsehen auffallen. Man spürt, dass
Ergonomie weit oben im Lastenheft stand. Ich spüre, dass die Umsetzung
gelungen ist. Die Sitzhaltung fällt sogar mit meinem Waschbärbauch
angenehm touristisch aus, wobei die Ready-to-Race-Fraktion
durch überaus viele Verstell- und Individualisierungsmöglichkeiten
ebenso zufriedengestellt sein wird.
KTM
hat es wie kaum ein anderer Hersteller von Supersportbikes verstanden,
dass ich mich auf einem Motorrad wohl fühlen muss, wenn ich dauerhaft
schnell und vor allem sicher unterwegs sein möchte. Das Motorrad
muss sich an mich anpassen können, nicht umgekehrt.
Das beginnt mit verstellbaren Lenkerstummeln, geht über ein in
der Höhe verstellbares Rahmenheck und verstellbaren Fußrasten
bis hin zu einem Sitzplatz, der Platz lässt für Turnübungen
jeder Art. Man sitzt zentriert und findet sein Arrangement sowohl mit
einer Körpergröße von 170 cm bis hin zu guten 200 cm.
Hoffentlich nehmen sich andere Hersteller von zivil im Straßenverkehr
genutzten Supersportbikes daran ein Beispiel, denn Supersport muss nichts
mit Leiden durch gefaltete Sitzhaltung zu tun haben. Schließlich
entspricht der normal bis stark gebaute mitteleuropäische Mann
in der Regel nicht der Statur eines Rossis.
Für den Fahrer ist nun alles eingestellt. Jetzt geht es raus auf
die Piste, um das Fahrwerk zu optimieren. Allerdings muss ich fast nichts
daran verstellen, denn das originale Setup passt mir wunderbar
aber erst zurück zum Anfang

Als ich im Sommer die RC8 in Ursensollen hole, hab ich mich durch das
Lesen von Pressemeldungen innerlich auf dieses Mopped eingestellt. Der
Mitarbeiter, der mir die 1190er übergibt, wünscht mir viel
Spaß und grinst dabei bis zu den Ohren. Ich frage mich, ob ich
etwas überlesen hatte, ob es an der Supersport-KTM etwas gibt,
das in keinem bis dto. gelesenen Bericht stand.
Die Heimfahrt bei bestem Wetter und warmem Asphalt lässt es mich
erleben. Die Österreicherin versprüht gleich von den ersten
Metern an einen italienischen V2-Flair gepaart mit edler Technik und
ultraleichtem Handling. Statt einem klassischen 90°-V2 pocht in
der KTM ein 75°-V mit exakten 1148 ccm, der mit 155 PS und einem
max. Drehmoment von 114 NM sauber im Futter steht. Das sind nackte Zahlen.
Die nackte Wahrheit? Das Aggregat macht einen Höllenspaß,
giert nach Drehzahl und quält in jedem Drehzahlbereich den äußerst
griffigen und überraschend haltbaren Pirelli. Jedes Pferd scheint
in der Garage mit den Hufen zu scharren, um dann nach dem Druck des
Anlasserknopfs endlich ungestüm, aber überaus kontrolliert
rennen zu dürfen.

Die kleinen kurvigen Oberpfalzsträßlein fordern mir eine
Menge Disziplin ab. Die RC8 wirkt leistungsmäßig überdimensioniert
und überrascht mich, wie ich die Leistungseinsätze
fein dosieren kann. Das schafft Sicherheit, denn ich erinnere mich an
einige Sportler dieses Leistungssegmentes, die mit Leistungsexplosionen
für unerwartete Adrenalinstöße sorgen können. Davon
ist die KTM weit entfernt. Linear setzt das Aggregat jede Stellung des
Gasgriffes präzise in Leistung um. Sie bleibt in jeder Situation
beherrschbar, tut exakt, was ich will. So lasse ich sie zwischendurch
einen Schluck mehr aus dem 16,5 Liter großen Kunststofftank nehmen,
was sie mit klangvollem Schub beantwortet. Insgesamt gibt sie sich je
nach Fahrweise mit 6 8,5 Litern Super bleifrei zufrieden.
Das Fahrwerk überrascht mich mit einer fast schon touristischen
Schluckfreudigkeit ohne dabei instabil oder schlabberig zu wirken. Das
Geläuf verspricht in jeder Situation Richtungsstabilität,
schnelle Kurven werden zum Kinderspiel. Die KTM zieht ihre Bahnen wie
auf Schienen. Ein vielfach verstellbarer Lenkungsdämpfer verhindert
Lenkerschlagen, wenn das Vorderrad mal leicht werden sollte.
Daheim angekommen fällt mir im Spiegel mein Grinsen auf. Ja, die
Überführungsfahrt machte schon mal richtig Laune.

Meine Teststrecken stehen nun an. Eine gesunde Mischung vom Meisten,
was einem Biker an Straßen und Belägen begegnen kann. Einige
Leser kennen die Routen von meiner Teststreckentour Ende September der
letzten Jahre.
Und wieder fühle ich mich auf der RC 8 wie daheim. Sie passt mir.
Die Ergonomie individualisiere ich durch Erhöhen der Lenkerstummel.
Kurve um Kurve werde ich frecher. Kurve um Kurve zeigt sie mir, wie
sich hervorragendes Handling anfühlt trotz eines Hinterreifens
in 190er Dimension. Selbst unter Zug benötige ich wenig Nachdruck,
um die KTM auf Kurs zu bringen bzw. schnelle Richtungswechsel zu vollziehen.
Aber aufgepasst. Man ist irgendwann immer zu schnell für die STVO
unterwegs. Schließlich drücken die 155 PS, schließlich
betört die 1190er KTM mit einem genialen V2-Sound, schließlich
schreit sie dumpf aus dem Ansaugtrakt nach Drehzahl. Sie möchte
laufen, rennen, sprinten, spurten. Und sie will mich mit ihren vorzüglichen
Fahreigenschaften bei Laune halten. Laune, nein, das ist purer Spaß,
den ich mit diesem Supersportler erlebe.
Am Fahrwerk hab ich nichts verändert, obwohl jeder für sich
genügend Möglichkeiten finden kann, Veränderungen vorzunehmen.
Vorne wie hinten sind Dämpfung wie Federvorspannung einstellbar.
Zusätzlich kann die Heckhöhe hinten durch einen simplen, aber
genialen Excenter um 1 cm verstellt werden.
Ich versuche, die RC 8 an Grenzen heranzuführen. Wohlgemerkt,
auf der Landstraße. Ein aussichtsloses Unterfangen auch
im zügigen Fahrbetrieb. Die Maschine ist weit davon entfernt, irgendetwas
meiner Attacken krumm zu nehmen. Hartes Rausbeschleunigen aus tiefen
Schräglagen ist problemlos. Sicher auch dank der satt haftenden
Pirelli Dragon Supercorsa, die sehr schnell Grip aufbauen und selbst
im heißen Zustand keine Schwäche zeigen. Eine ideale Paarung
mit der Supersport KTM, wie ich finde.
Schnelle Kurven
erfordern unter Zug etwas Nachdruck. Die KTM bleibt wunderbar in der
von mir vorgegebenen Linie. Ich grinse, bin begeistert, genieße
jeden Kilometer auf dieser Fahrmaschine, die ein großes Maß
an Sicherheit ausstrahlt dank ihrer Beherrschbarkeit, dank ihrer superben
Bremsen. Die radialen Brembos leisten am Vorderrad vorzügliche
Arbeit. Es ist eigentlich eine Ein-Finger-Bremse. Über die Radialpumpe
greift sie sehr kräftig an. Ein Umstand, an den ich mich gewöhnen
muss, da einige meiner ersten härteren Bremsungen noch härter
ausfielen als geplant. Das Heck hebt sich öfter als gewollt. Selten
hab ich eine so schnell so kräftig verzögernde Bremse kennengelernt
an einem Serienmotorrad. Feindosierung wird zur Herausforderung, aber
nicht unmöglich. Das sind einfach andere Dimensionen, die die RC
8 mitbringt. Dennoch, sie arbeitet linear und letztlich präzise.
Ich muss mich nur an die sehr geringe Handkraft gewöhnen. Dann
ist es reine Freude, damit zu arbeiten.
Es ist müßig, die Einzelheiten ausführlich zu beschreiben.
Irgendwie funktioniert alles perfekt. Selbst das Zentralinstrument lässt
bis auf einen gut ablesbaren Drehzahlmesser keinen Wunsch
offen. Normalmodus, Racemodus mit Schaltblitz, alles mit dem linken
Daumen schaltbar, alles gespickt mit großer Informationsfülle.
Oder hinter der Verkleidung angebrachte Spiegel mit integrierten LED-Blinkern,
die schnell und ohne hässliche Verkleidungslöcher für
die Rennstrecke entfernt werden können. Oder die kleine steile
Verkleidungsscheibe, die einen auch über 250 km/h wirksam schützt.
Oder der Scheinwerfer, der auch Dunkelfahrten durch gute Fahrbahnausleuchtung
leicht macht.
Negativkritik erntet die RC8 lediglich durch ihre klare Soziaunfreundlichkeit
(aber ehrlich: wer möchte auf der RC 8 das hintere Polster besetzen??)
und durch eine zu harte Gasannahme im unteren Drehzahlbereiche. Ortsdurchfahrten
werden zu einem unangenehmen Muss. Nehme ich den 2. Gang, hängt
sie zu hart am Gas und ich bin im ständigen Gasgeb- Gaswegnehm-Modus
unterwegs. Nehme ich den 3. oder 4. Gang, meckert der V2 wegen zu geringer
Drehzahl und bockelt.
Fazit:
Es ist das Gesamtkonzept RC8, das begeistert. Sie taugt für fast
jeden Landstraßeneinsatz (na ja, touren ist nicht so der Hit),
sicher auch für die Rennstrecke. Sie vermittelt ein großes
Maß an Fahrspaß durch Präzision und Beherrschbarkeit
in jeder Situation. Sie benötigt aufgrund ihrer überaus zahlreichen
Individualisierungsmöglichkeiten keine Eingewöhnungsphase
und passt sehr schnell wie ein guter Schuh. Und sie gefährdet bei
artgerechter Bewegung eindeutig jeden Führerschein, denn Motor
und Sound wecken unausweichlich den Drang nach Beschleunigung und Geschwindigkeit.
Die Kritikpunkte lassen sich bei einem Ready-to-Race-Konzept leicht
verschmerzen, wenn ich davon ausgehe, dass RC8-Käufer mehr die
schnelle Gangart ohne touristische Einlagen wählen werden. 





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