Fahrbericht KTM 990 Superduke
(zum Bericht vom aktuellen Nachfolgemodell 2007 hier
klicken ...)
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
"KTM
goes Asphalt", könnte die neue Devise im österreichischen
Mattighofen lauten. Die Schmiede kompromissloser Offroad- und Wettbewerbsbikes
mit der Lizenz zum Siegen strecken nun im V2-Segment ihre Fühler
aus in Richtung geschlossener Teerdecke. Genauso kompromisslos mit dem
Hang zu Großem.
Schon die Duke II war bei ihrem Erscheinen schnell von spaßsüchtigen
Asphalkratzern ins Herz geschlossen worden. Ich überzeugte mich vor
vier Jahren bei einem Test von den genialen Qualitäten dieses Spaßgerätes.
Nun kommt die große Schwester. Bärenstark, mit kantigem Äußeren
und klarem Einsatzzweck: die Asphaltbänder auf diesem Globus in maximaler
Schräglage zu erkunden und der Konkurrenz das kurze Seatpipeheck
zu zeigen.
Dem Image entsprechend erhielt die Superduke einige Nettigkeiten, die
in ihrer Gesamtheit zwanglosen Spaß vermitteln können. Das
Design der Maschine mit ihrem kurzen Radstand schafft schnell zwei Lager
unter den Betrachtern. Auffällig, dass die Superduke aus der Chopper-
oder Komforttourerecke meist Ablehnung erntet. Keine Möglichkeit,
einen Koffer oder Topcase zu installieren. Zu puristisch. Nix für
die große Reise. So lauten die Statements.
Knieschleifer oder fahraktive Hausstreckenwetzer hingegen bekommen leuchtende
Augen. Sofort fallen die massiven Fahrwerk- und Bremselemente ins Auge.
Sofort tauchen Fragen nach der Kurvenstabilität und der Beschleunigung
auf. Zwei Lager eben.
Tatsache
ist, dass die Superduke ein Hingucker ist. Selbst brave Familienväter
machen an der Tankstelle einen Extraschwung auf dem Weg zur Kasse um
die Maschine. Sie strahlt ihren besonderen Status schon in ihrer bloßen
Erscheinung aus.
Anders, wenn ich auf den Startknopf drücke und sich ein Dur-Klangteppich
der tiefen bollernden Töne breit macht. Kernig knallt scheinbar
jede einzelne Verbrennung sauber gestylt ins Ohr. Nutzlose Gasstöße
im Stand werden zur genussvollen Nebenbeschäftigung an roten Ampeln.
Der potente 75°-V2 entstammt aus der Offroadschwester, der 950er
Adventure. Das erfolgreiche Aggregat erhielt neue Kolben, Zylinder,
Zylinderköpfe mit größeren Ventilen. Eine größere
Kurbelwelle und neue Nockenwellen rundeten die Modifizierungen ab mit
einem sehenswerten Ergebnis: 990 ccm mit 120 PS und einem maximalen
Drehmoment von 100 NM sind die Messwerte. Die Motorsteuerung übernimmt
eine elektrische Keihin Einspritzanlage mit zwei Drosselklappen je Zylinder.
Beide Krümmer sind mit je einer Lambdasonde bestückt zur Information
der 32-Bit-Zentraleinheit.
Die
Jungs in Mattighofen haben ihre Hausaufgaben auf diesem Gebiet perfekt
erledigt. Setzen. Eins. Die Kurven des Leistungsprüfstandes erscheinen
ohne Delle, wie mit dem Lineal gezogen. Keine Leistungseinbrüche,
sondern gleichmäßige Leistungssteigerung. Vollkommen linear.
Und das zeigt sich im Fahrbetrieb par excellence.
Selten, dass ich eine Maschine bisher fuhr, die derart sauber und direkt
am Gas hing. Da läuft nicht die kleinste Bewegung an der Gasrolle
ins Leere. Alles setzt die Superduke sofort in rasanten Vorschub um.
Unter 2500 U/min jedoch geht nicht viel. Da ist ruckeln und bocken angesagt.
Ab 2500 U/min zeigt die Superduke, dass Vorschub bis zum Begrenzer ihr
Lebensmotto ist, wobei sie ab 5000 U/min so richtig zu schieben beginnt.
Diese explosive Leistungsentfaltung begründet sich u.a. auch in
den geringen Schwungmassen des 56kg leichten Motors.
Es ist schade, dass ich den Soundteppich in diesen Bericht nicht einbauen
kann, denn der gehört zur Superduke wie die Blähung zur Bohne.
Das Erlebnis des Beschleunigens gestaltet die Superduke 990 vollkommen
eigen. Zum fulminanten Vorschub gesellen sich dieser bollernde und stärker
werdende Donnerton aus den Seatpipes mit mechanischen V2-Vibrationen,
die ab ca. 6000 U/min den Twin über alle Sinne spürbar werden
lassen. In dieser Ansammlung starker positiver Wahrnehmungen steckt
absolutes Suchtpotenzial. Ich sehe schon Aufschriften auf den Tanks
zukünftiger Superdukes: "Die Familienministerin warnt: Das
Beschleunigen von Superdukes macht süchtig und kann zu dauerhaft
vernachlässigten Partnern und Familien führen."
Meine
Suchtanzeichen verschwinden schnell, als ich nach einem kurzen Ritt
über meine Hausstrecke nach 85 zügigen Kilometern die Reserveleuchte
im kleinen, aber rundum informativen Cockpit aufleuchten sehe. Der gerade
mal 15 Liter fassende Kunststofftank wurde vom Twin förmlich ausgesaugt.
An der Tankstelle kommt dann die Ernüchterung. 9,75 Liter vom kostbaren
Super muss ich der Pistole entlocken, um das Fass wieder bis an den
Rand zu füllen. Das ergibt einen Verbrauch von 11,47 Litern auf
100 km. Eine Maschine der Superlative - die Superduke eben. Bei gemächlicheren
Ausfahrten komme ich immer noch auf Verbräuche zwischen 9 - 10
Litern. Das ernüchtert in der heutigen Zeit jeden Süchtigen.
Nur nicht lang anhaltend.
Ich sitze wieder auf dem Bock. Der Anlasser entlockt diesen antörnenden
Donnerton aus den Seatpipes, deren Anbringung den Sound für den
Fahrer und die folgenden Verkehrsteilnehmer zu verstärken scheint.
Jedenfalls kann ich das Geboller auch bei Tacho 200 noch präzise
vernehmen. Und ein Bekannter, der mich bei einer Tour begleitete, meinte,
dass das Donnergrollen beim Hinterherfahren das Motorengeräusch
seiner BMW übertönte.

Auf der Landstraße lässt es die Superduke spielerisch angehen.
Sie fühlt sich nicht sonderlich anders an als die einfache Duke
II. Leicht im Handling und unbeirrbar in der Stabilität leistet
das Fahrwerk mit seinen White-Power-Elementen ganze Arbeit. Und wenn
es im Moment nicht genau passt, kann sowohl an der 48-mm-USD-Gabel als
auch am Federbein alles sauber eingestellt werden.
Auch hier gibt sich die Superduke kompromisslos. Ich finde keinen Straßenbelag,
keine Strecke, keine Kurve, wo ich die Superduke in Schwierigkeiten
bringen kann. Selbst ein Abkommen von der Ideallinie im Grenzbereich
nimmt sie gelassen hin und reagiert ohne Schlenker oder irgendeinem
Wackeln. Fighterherz, was willst du mehr. Supersportler, nehmt euch
in acht. BMW GS und Co, eure Vormachtstellung ist in Gefahr seit es
Motorräder eines Schlages wie die Kawa Z 1000, die Benelli TNT
1130, die Speed Triple oder nun die Superduke gibt. Und diese Konzepte
gehen auf, wenn man sich die Verkaufszahlen betrachtet. Das sind Motorräder,
die immer mehr gefragt sind. Da reiht sich die Superduke mit einem vorderen
Platz in diesem Segment ein. Gerade ihre Kompromisslosigkeit macht sie
so einzigartig.
Auf
der Strecke genieße ich die Leichtigkeit, mit der ich die KTM
bewege. Sie wirkt im ersten Moment sogar ein wenig nervös, wenn
man von einem anderen Motorrad auf sie umsteigt. Die Nervosität
wandelt sich schnell in Klarheit beim Lenkimpulsgeben. Ohne Verzögerung
nimmt sie jeden Impuls auf und setzt ihn in Richtungskorrekturen um.
Selbst in Grenzsituationen kann ich sie jederzeit voll kontrollieren.
Ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht mit unliebsamen Reaktionen
überrascht. Dabei wahrt sie für den Fahrer noch ein geringes
Maß an Sitzkomfort, sodass auch Ausritte über 300 km nicht
zur Tortur werden wie auf der kleinen Schwester mit ihrer schmalen Crosssitzbank.
So ziehe ich meine Bahnen und manch schwarzen Strich auf meinen geliebten
kleinen Sträßchen in einem Gefühl von Spaß und
einem breiten Grinsen im Helm. Trotz allem Spaß vermittelt mir
die Superduke ein absolut sicheres Gefühl, das nicht zuletzt von
den HighTec-Brembostoppern in Verbindung mit Magura-Radialbremspumpen
und Stahlflexleitungen herrührt. Selten hatte ich bisher ein Motorrad
mit derart sauber zu dosierenden und bei Bedarf derart kräftig
zupackenden Bremsen wie diese Superduke. Ich frage mich, warum
beispielsweise ein Hersteller wie BMW nicht von seinem Konzept mit dem
elektronischen Bremskraftverstärker abgeht und seinen edlen Motorrädern
statt dessen hochwertige Bremskomponenten wie die der Superduke anbaut.
Hier habe ich absolutes Feingefühl und kann jede beliebige Dosierung
einsetzen ohne dass ich mir in Schräglage die Linie verziehe. Und
wenn es sein muss, wirkt eine Bremsung mit der KTM Superduke wie wenn
ich in den Teerbelag eine Nut fräse. Auch der hintere Stopper steht
den vorderen in diesen Eigenschaften um nichts nach. Bravo, kann ich
da nur sagen. Diese Hausaufgaben ebenfalls mit Bravour erledigt. Setzen.
Eins.
Über die Soziustauglichkeit muss ich hier nichts schreiben, denn
die Superduke hat zwar einen Notsitz, doch taugt der nicht für
weitere Ausfahrten. Welcher Streetfighter wird schon eine Sozia mitnehmen
außer von der Eisdiele mit nach Hause?
Fazit:
Die KTM 990 Superduke reiht sich nahtlos ein in die imageträchtige
Modellpalette der Mattighofer Motorradbauer. Sie wirkt im hart umkämpften
Markt mit perfektem Motormanagement, ausreichender Leistung und edlen
Ausstattungselementen wie ein Juwel. Ein nicht alltägliches Motorrad
für den nicht alltäglichen Spaß mit Anwartschaft auf
viele neue Freunde aus der Sparte der Tankstellenpächter

Und noch ein paar Bilder mehr ...





Technische Daten:
Motor
Motor 2-Zylinder, 4-Takt, V 75°
Hubraum (ccm) 999
Bohrung / Hub (mm) 101 / 62,4
Leistung (typisiert) 88 kW - 120 PS/ 9000 U/min
Max. Drehmoment 100 Nm / 7000 U/min
Verdichtung 11,5:1
Starter E-Starter
Getriebe 6-Gang, klauengeschaltet
Motor Management Keihin sequentielle Saugrohr Einspritzung
Steuerung DOHC
Schmierung Druckumlaufschmierung
Motoröl Motorex Power Synt 4T 10W50
Primärtrieb 67:35
Sekundärantrieb X-Ring-Kette 5/8 x 5/16"
Kühlung Flüssigkeitskühlung
Kupplung Mehrscheibenkupplung im Ölbad, hydraulisch betätigt
Fahrgestell
Rahmen Chrom Molybdän, Gitterohrrahmen, pulverbeschichtet
Rahmenheck Aluminium
Lenker Renthal Aluminium, konifiziert
Federung vorne WP-USD 48 mm
Federung hinten WP-Monoshock
Federweg vorne / hinten 135 / 160 mm
Bremse vorne 2 x Brembo Vierkolben-Festsattel, 2 x 320 mm Scheibe
Bremse hinten Brembo Einkolben-Schwimmsattel, 240 mm Scheibe
Felge vorne / hinten 3,5 x 17"; 5,5 x 17"
Reifen vorne / hinten 120/70 ZR 17"; 180/55 ZR 17"
Übersetzung 17:38
Batterie 12 V / 11,2 Ah
Enddämpfer Edelstahl mit geregeltem Katalysator
Steuerkopfwinkel 66,5°
Nachlauf 103 mm
Radstand 1438
Bodenfreiheit (unbelastet) 165 mm
Sitzhöhe 855 mm
Tankinhalt ca. 15 Liter
Gewicht (ohne Benzin) ca. 184 kg
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