Fahrbericht Kawasaki ZZR 1400
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als 1979 die eidgenössische
Edelumbauschmiede EGLI die Turbo-EGLI-Kawa mit 180 PS auf die Beine
stellte. Der Testredakteur schrieb, dass die Beschleunigung und Kraftentfaltung
das Maximale wären, was Mensch und Material aushalten würden.
297 km/h Spitze, doch der Motor hielt die Weltrekordversuche nicht aus.
Die Erinnerung entlockt mir ein Lächeln, gibt es doch aktuell
Serienmaschinen, deren Leistungsgewicht und deren Beschleunigungskräfte
denen der Turbo-EGLI gleichen, die jedoch ohne Turboaufladung auskommen
und standhafte Motoren besitzen. Die neueste Attacke auf die 200PS-Marke
hat Kawasaki mit der ZZR 1400 gestartet. Aus exakt 1352 ccm Hubraum
soll die Kawa 190 PS liefern bei 9500 U/min und den Hinterreifen mit
einem potenten Drehmoment von satten 154 NM bei 7500 U/min quälen.
Der 10-PS-Bonus resultiert aus der mittlerweile bei vielen Motorrädern
verwendeten Technik des Ram-Air-Systems.
Ich bin in gespannter Vorfreude, als ich an einem schönen warmen
Tag die Kawa in Friedrichsdorf beim Importeur abhole. In Gesprächen
mit einem Kawa-Testfahrer bekomme ich die Philosophie der Leistungsentfaltung
erklärt: Target war, die Maschine im Alltag maximal fahrbar
zu machen und die Leistung im unteren Drehzahldrittel nicht so vehement
wie bei der ZX 12 R einsetzen zu lassen.
Ich bin gespannt. Vor mir steht eine lange geduckte und an der Front
neuartig designte Maschine, die nur so vor Kraft zu strotzen scheint.
Nur die zwei Edelstahlauspüffe passen nicht ins Bild und wirken
wie nachträglich angeheftet. Eine kleine feine 4-1 mit einem Stummel,
der kurz vor dem Hinterrad endet, hätte diesem Kraftprotz meiner
Meinung nach besser gestanden. Aber das ist Geschmackssache.

Ja, sie wirkt sehr lang, fast wie eine BMW K 1200 S/R, doch wartet sie
mit überraschend kurzem Radstand von 1460 mm auf.
Sie steht vor mir in der Sonne in strahlendem Kawa-Blau-Metallic. Tolle
Erscheinung, finde ich. Grausam meinen andere. Wie bei allem, was neu
ist, gibt es schnell zwei Lager. Egal, die Maschine zeigt Innovation
und ist immerhin derzeit die stärkste Serienmaschine weltweit.
Ich bin hungrig, mache mit der Kawa-Crew in der Werkstatt Brotzeit,
und bleibe hungrig auf die ersten Kilometer mit der Kawa.
Raus aus Friedrichsdorf. Die Autobahn ist voll. Ich nehme den Umweg
über Land. Mittagszeit Mittagshitze. Gut 30°C im Schatten.
Kein kühlender Wind im Rhein-Main-Gebiet. In Offenbach und dem
Speckgürtel darum immer wieder rote Ampeln. Der Lüfter der
Kawa kommt schnell. Klar, denn 190 Pferde machen Hitze. Der Lüfter
bläst mir an den Ampeln die heiße Luft an die Hände
und im Stadttempo an die Knie und Oberschenkel. Unangenehm ich
giere nach offener Landstraße. Mir ist unangenehm heiß.
Endlich raus Richtung Michelbach. 6. Gang Ortsende
Gas Gas Gas wo bleibt der Schub? Ich bin überrascht
schaue auf Tacho und Drehzahlmesser gebe Gas. Es rührt sich
jedoch nicht viel. Langsam klettert die Tachonadel an die 100er Marke
hin. Knapp 3000 U/min liegen an. Es fehlt die Kraft, habe ich den Eindruck.
Wo sind die ganzen Pferde? Wo finde ich das Drehmoment, das auf dem
Papier so satt aussieht?
Sowas kenne ich von alten 600er Maschinen. Schaltarbeit, um Leistung
zu bekommen. Nicht souverän im letzten Gang cruisen und bei Bedarf
das vorhandene Leistungspotenzial abrufen.
Nein, auf der ZZR 1400 habe ich zwei Möglichkeiten, an Leistung
zu kommen. Entweder warte ich ab, bis die 4000er Marke überschritten
ist oder ich schalte einen oder besser gleich zwei bis drei Gänge
runter. Dann jedoch heißt es langsam aufpassen, denn ab da steigt
die Leistungsabgabe linear an, bis sie ab ca. 6000 U/min in einer Art
Turboeffekt teuflischen Vorschub bringt und vollste Konzentration erfordert.
Die Tachonadel scheint sich plötzlich ein Rennen mit der des Drehzahlmessers
zu liefern. Plötzlich rast die Umwelt an mir vorbei in unglaublichem
Tempo.

Das nenne ich Leistung, probiere das Szenario ein paar Mal im 3. und
4. Gang aus und halte danach an, um einen Blick auf den meiner Erfahrung
nach nicht allzu haltbaren Bridgestone BT 014 auf dem Hinterrad zu werfen.
Der sieht bis an den Laufflächenrand sichtbar gequält aus.
Eindeutige Popelbildung an den Flanken. Ich glaube, dass ich die zwei
Testwochen mit diesem Reifen nur überstehen kann, wenn ich diese
fulminante Leistung nicht allzu häufig abrufe. Schade, denn das,
was die Kawa über 6000 U/min abliefert, gehört nach dem Schub
vom Turbo-Boxer vom Team-Metisse zum heftigsten, was ich bisher erlebt
habe. Wohlgemerkt im oberen Drehzahlbereich.
Wieder unterwegs Richtung Crailsheim. Die B 290 wird oft tempomäßig
gelasert. Mit der ZZR kein Problem. Sanft in der Gasannahme
kann ich sie gleichmäßig wie auf einem Komfort-Tourer über
die weiten Kurven wedeln. Die Sitzposition wirkt insgesamt touristisch
sportlich, wobei die hoch angebrachten Fußrasten einen spitzen
Kniewinkel verursachen. Mit einer Sitzhöhe von 79,5 mm können
auch kleinere Menschen die Füße auf den Boden bekommen. Die
breit angebrachten Lenkerstummel erlauben einen sicheren Griff und einfache
Kontrolle über die Maschine. Die Sitzbank wirkt seitlich schnell
ausgesessen. Ich spüre den harten Rahmen, der zu schmerzen beginnt.
Eine straffere Polsterung könnte das verhindern.
Endlich auf meinen Teststrecken. Das Fahrwerk zeigt sich unbeeindruckt
von jedwedem fahrbahnseitigen Störversuch. Außer Bitumen
bringt die Kawa nichts aus der Ruhe. Im normalen Fahrbetrieb schluckt
sie Bodenunebenheiten weg, als ob es sie kaum gäbe. Lasse ich die
ZZR 1400 laufen, liegt sie absolut stabil und überfliegt ungerührt
linientreu in tiefen schnellen Schräglagen selbst deftige Fahrbahnfrechheiten.

Die Stabilität erklärt sich aus dem Aufbau von Rahmen und
Fahrwerk von selbst. Der massive Alu-Monocoque-Rahmen nimmt den Motor
als mittragendes Element auf. Die volleinstellbare USD-Gabel und die
starke Schwinge ermöglichen mit dem ebenso voll einstellbaren Federbein
einen genialen Fahrbahnkontakt.
Ich treffe mich mit einem Kumpel, um ihm als Guide ein paar Strecken
zu zeigen. Er fährt eine GSX-R 750 und hat damit bereits etliche
Rennstreckentrainings absolviert. Wir sind zügig unterwegs. Die
Kawa gleitet durch die Kurven. Bekannte Strecken. Das Tempo nimmt zu.
Ich bin auf der Kawa total entspannt, lasse sie jedoch nur noch zwischen
Gang 3 und 5 laufen, um über die 4000 U/min zu bleiben, möchte
ich doch auf die Leistung zurückgreifen wenigstens ab und
zu, denn darauf zurückgreifen bedeutet immer, den Teufel im Nacken
zu spüren und lieber gleich mit 4 Augen den Straßenverlauf
zu lesen.
Mich überrascht, dass ich selbst auf Strecken mit engen Kurvenwinkeln
die Kawa scheinbar genauso spielerisch durchwedeln lassen kann wie mein
Bekannter mit seiner ¾-Gixe. Lediglich beim kräftigen Herausbeschleunigen
muss ich die Kawa mit Druck in Schräglage halten. Der Schub lässt
die Maschine schnell wieder aufrichten.
Bei einer Pause frage ich meinen Bekannten, warum er heute so touristisch
unterwegs sei. Er meint nur, dass er genauso fahre wie sonst auch. Nur
habe er einfach nicht nachkommen können, was mich überrascht,
bin ich mit der ZZR 1400 meinem Gefühl nach zwar schon zügig,
aber eher entspannt gefahren.

Das zeigt das Potenzial, das die Maschine mitbringt. Sie scheint allen
Situationen gewachsen zu sein. Für jeden Tempobereich hat sie die
richtige Antwort. Die fein dosierbaren Kraftstopper können bei
Bedarf zu Verzögerungsmonstern mutieren, wenn sich die beiden vorderen
4-Kolben-Nissin-Zangen in die schwimmenden 310er-Wave-Scheiben verbeißen
Stoppie trotz ABS nicht ausgeschlossen.
Das ABS ja, auch ein Novum bei Kawasaki in der Hochleistungsklasse.
Es wirkt auf Anhieb gelungen, regelt mit kurzen Intervallen ziemlich
spät ab, sodass bei sportlicher Fahrweise späte Bremspunkte
möglich sind ohne dass das ABS mit einem Öffnen der Bremsanlage
vor einer Kurve für Überraschungen sorgt. Eine Testbremsung
auf losem feinem Schotter aus ca. 100 km/h verläuft absolut problemlos
bis zum Stand. Die Bremsspur bestätigt den Eindruck der kurzen
Intervalle.

Der Windschutz sieht im ersten Moment klein zu klein aus. Irrtum!
Bis 200 km/h brauche ich mich noch nicht klein machen. Klar drückt
der Wind am Helm, aber es ist leicht zu ertragen, da der Orkan unverwirbelt
auftrifft. Über 200 muss ich mich dann verkrümeln und klein
machen. Eine Übung, die mit meinem Waschbärbauch nicht immer
leicht fällt.
Doch das Potenzial der ZZR auch in diesem Bereich zu testen ist fast
ein Muss. Schließlich geht es hier erst richtig los. Hier mutiert
die zuerst Sanfte in die Wilde, die sich mit lautem Auspuffschreien
Luft macht und ungestüm wie 200 Wildpferde zu rennen beginnt, zu
schieben beginnt, dass mir die Spucke wegbleibt und ich nur noch lauthals
ein Boooaaaaahhhhh an mein Visier brüllen kann. Das
ist der Kick pur. Das ist die rohe Unvernunft. Das ist überflüssig
und genau deshalb so geil. Selbst bei 280 auf der Uhr fühlt
sich die Kawa an, als ob sie sich an den Teerbelag saugt. Unruhe bleibt
für Rahmen und Fahrwerk ein Fremdwort. Kickbacks bei leichtem Vorderrad
ebenso, obwohl auf einen Lenkungsdämpfer verzichtet wurde.

Die Instrumente gerieten ausreichend groß und sehr gut ablesbar.
Zwischen analogem Tacho und Drehzahlmesser informiert ein großflächiges
LCD-Display über alle wichtigen Daten. Ich empfinde die Größe
und Ablesbarkeit als sehr angenehm.
Ja, und wenn es dunkel wird, muss nicht Schluss sein mit schön
fahren auf der ZZR. Die Lichtanlage kann die Nacht zum Tag machen. Sowohl
das Abblend- als auch das Fernlicht leuchten sehr hell und flächig
die Fahrbahn vorbildlich aus. Besser kann das nur die aktuelle Honda
VFR 800 ABS.
Mit einem Verbrauch von 6,2 8,8 Litern Super kann die Kawasaki
ZZR 1400 durchaus kommod bewegt werden. Allerdings sind bei High-Speed-Etappen
über 250 km/h auf der freien Autobahn schon mal gut 12 Liter möglich.
Fazit:
Ein tolles Gerät hat Kawasaki auf die Beine gestellt. Abgesehen
von der meiner Meinung nach sehr übertriebenen Sanftheit im unteren
Drehzahldrittel kann mich die Kawa rundum überzeugen. Wieder ein
Motorrad, über das man spricht und das nicht nur durch seine einzigartige
Leistungsausbeute bestechen kann. 
Und noch ein paar Fotos ...








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