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Kawasaki
brachte für dieses Modelljahr eine Neuauflage
ihres Naked-Klassikers ZRX 1100 auf den Markt. Es mag nicht verwundern,
denn im Vergleich zu den Naked-Klassikern der Konkurenz lag die
starke 1100er in den Zulassungszahlen auf Platz 45. So machten sich
die Leute bei Kawasaki ans Werk und hauchten der neuen ZRX einiges
an Kraft und Umbau ein.
Am auffälligsten für den oberflächlichen Betrachter sind die nun
drei Modellvarianten: eine ZRX ohne Verkleidung, eine ZRX 1200 R
mit der bekannten eckigen Lenkerschale, und schließlich als Novum
die ZRX 1200 S mit einer Halbschale, die optisch irgendwie angebaut,
aber nicht so recht dazugehörig wirkt.
Für
meinen Test bekam ich eine ZRX von der Firma KDH in Dinkelsbühl
zur Verfügung gestellt, wofür ich mich 10an dieser Stelle nochmals
bedanken möchte. Ich hatte die Gelegenheit, die Maschine im Alltag
als auch mit Sliks auf der Rennstrecke in Brünn im Rahmen eines
Fahrertrainings genauer unter die Lupe zu nehmen.
Die
Maschine ist schon eine massige Erscheinung. Der Motor im Magnesium-Outfit
wirkt riesig und bärig. Er kündigt optisch Kraft im ausreichenden
Maß an. Im Vergleich zur 1100er veränderten die Jungs bei Kawa die
Zylinder durch Aufbohren und Beschichten. Motorgehäuse, die Kurbelwelle,
Pleuel Kolben und Zylinderkopf bekamen neben dem Ölkreislauf ebenfalls
eine Rosskur.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 1164 ccm und 122 PS. Das max.
Drehmoment liegt bei 112 NM bei 7000 Umin. Wie wirkt sich das in
Zahlen Geschriebene auf der Piste aus? Nun, um es gelinde auszudrücken:
satter Vorschub in jedem Drehzahlbereich. Dabei ist es unwichtig,
in welchem der 5 Gänge ich die Kawa bewege. Sie zieht und zieht
und zieht. Sie prescht nach kleinen Drehbewegungen der rechten Hand
geradlinig im Krafteinsatz nach vorne. Mit steigender Drehzahl drückt
sie dabei mehr und mehr in Vorwärtsrichtung.
In
Brünn halte ich sie zwischen 6500 und 10000 Umin und kann dadurch
mit der Konkurenz einigermaßen mithalten. Das verwundert mich, da
die ZRX ja nicht gerade zu den Leichtgewichten zählt. Das spricht
für die Leistungsentfaltung, zu der dieser Motor in der Lage ist.
Nicht umsonst zählt sie derzeit zur stärksten Naked-Vierzylinder.
3,2 Sekunden auf 100, 6,8 Sekunden von 50 auf 120 sprechen ihre
eigene Sprache.
Mir gefällt vor allem der Antritt in jedem Drehzahlbereich. Egal
ob sanft oder aggressiv, mit dem Motor habe ich das gesamte Spektrum
zur Verfügung, um meinen Launen und der jeweiligen Tagesform gerecht
zu werden.
Schade
nur, dass die Kawa für ihre Arbeit mit relativ viel Sprit aus der
Säule belohnt sein will. 7,5 - 9 Liter Normalbenzin im Alltagseinsatz
sind nicht mehr ganz zeitgemäß, wie ich finde. Auf der Rennstrecke
nahm sie sich gute 11,5 Liter zur Brust, was jedoch logisch ist,
da sie hier ja beständig an ihrer Leistungsgrenze bewegt wurde.
Positiv empfinde ich das verbaute Sekundärluftsystem und den ungeregelten
Kat. Die ZRX gehört trotz aller Power nicht zu den Bikes, die man
immer nur zu schnell bewegen "muss". Es ist schon genug, dahinzugleiten
und zu wissen, dass man ja könnte, wenn man nur wollte ...
Ich
habe es eben schon erwähnt: die Kawa hat 5 Gänge. Und die reichen
vollkommen aus. Sie sind dem Motor adäquat gestuft, so dass man
sie ZRX immer gut im Drehmomentbereich bewegen kann, wenn man möchte.
Andererseit kann sie auch schaltfaul fast wie ein hubraumstarker
Twin gefahren werden. Im 5. Gang nimmt sie ab 35 KmH ohne Mucken
Gas an und zieht bis zur Höchstgeschwindigkeit von
gut 220 KmH durch. Das Schalten selbst geht etwas hart. Zwischen
dem 2. und 3. Gang kam ich öfter in den Zwischenleerlauf beim Hochschalten.
Runterschalten ging immer ohne Probleme.
Wenn ich mich an eine Z 900 oder Z 1000 zurück erinnere, war es
damals Usus, dass die Motoren dieser Klassiker für die verbauten
Rahmen und Fahrwerke viel zu stark waren. Musste man damals für
mehr Stabilität größere Eingriffen am Fahrwerk vornehmen, bekommt
man heute Bikes, die in jeder Beziehung ein rundes Bild abgeben.
So auch natürlich die ZRX 1200 S. Um den Motor verbauten die Kawaschrauber
schwarzes Rundrohr aus Stahl. Die klassische Doppelschleife eben.
Die
Schwinge ist ein echte Hingucker. Aus feinstem Alu schmiedete man
der ZRX eine stabil anmutende Dreiecksverbundschwinge. Zwei konventionelle,
jedoch voll einstellbare Federbeine sorgen für den notwendigen Fahrbahnkontakt.
Vorne
kommt eine in Zug- und Druckstufe einstellbare 43er Gabel zum Einsatz.
Alles gute Voraussetzungen für eine Straßenlage, die auch sportlichen
Einsatz der Maschine unterstützt. Stimmt! Die Kawa liegt in jeder
Lage spur- und seitenstabil. Ich hatte gleich Vertrauen in das Fahrwerk
geschöpft. Die Kawa ist sowohl für Tour als auch für flotte Fahrt
auf der äußersten Rille ausgelegt. Sie schluckt feine Unebenheiten
fast komplett weg. Harte Stöße gibt es praktisch keine.
Schade nur, dass sie in Schräglage auf Bodenwellen mit dem Heck
zu stempeln beginnt, wenn man sich im Grenzbereich aufhält. Das
war wirklich ein kleiner Wehmutstropfen, der ab und zu die Linie
störte. Ansonsten kann ich über das Fahrwerk nur Gutes berichten.
Sicherlich das Ergebnis der individuellen Einstellmöglichkeiten,
die für Jeden für jede Einsatzmöglichkeit eine Einstellvariante
parat halten.
Besonders
positiv empfinde ich das Handling des immerhin vollgetankt 249 kg
wiegenden Muskelprotzes. Dank der Serienbereifung (Bridgestone BT-020)
und des breiten Lenkers i.V. mit der gesamten Fahrwerksauslegung
lässt sich die ZRX sehr leicht bewegen und ums Eck rumscheuchen.
Kurvenkombinationen lassen sich genauso spielerisch meistern wie
schnell gefahrene Kurven. Wenden ist Dank des kleinen Wendekreises
ohne Probleme auf einer normal breiten Straße in einem Zug möglich.
Die Schwerpunktfixierung lässt dabei kein zur Unsicherheit führendes
Wackeln aufkommen. Die Kawa ist somit wirklich in jeder Lage handlich.
Dank des gut durchdachten Konzeptes ist Kawa mit der ZRX 1200 ein
wirklich alltagstaugliches Bike gelungen. Die S-Version ist mit
einer zusätzlichen Halbschale ausgestattet. Die hell leuchtenden
Augen in Form von Multifunktionsscheinwerfern entstammen der schnellen
ZX 12 R. Die Halbschale bietet ausreichenden Windschutz ohne lästige
Verwirbelungen bis
hin zur Topspeed. Bei Vmax muss man sich jedoch schon etwas verkrümeln.
Ansonsten wird vor allem der Brustbereich druckfrei gehalten. Interessant
wird die Kawa auch als Tourer sein. Die ausladende Sitzbank bietet
zwei Personen genügend Platz, weite Strecken zurückzulegen. Unter
der Sitzbank befindet sich ein wirklich riesiges Staufach, in dem
Regenkombis oder das kleine Picknick durchaus ihren Platz finden.
Das Werkzeug ist extra im Bürzel untergebracht.
Nun
noch zwei Highlights:
-
Die Bremsen der Kawa verdienen ein großes Lob. Fein dosierbar sind
sie kräftemäßig über jeden Zweifel erhaben. Vorne drücken immerhin
ein Dutzend Kolben in Richtung zwei rotierender Bremsscheiben. Das
ist erste Sahne. Die neu verwendeten Bremsbeläge dienen dabei der
Dosierbarkeit, da die alten bekannterweise für zu heftige Bremseinsätze
sorgten.
-
Die aufwändige Excenterverstellung der Kettenspannung hinten macht
das Schrauben zur Minutensache - und wirkt dabei noch hochwertig.
Ebenso gestaltet sich damit der Radausbau vergleichsweise einfach.
Fazit:
Mit der ZRX 1200 S ist Kawasaki ein Allroundbike gelungen, das sich
bei Bedarf auch sehr sportlich bewegen lässt. Der Spritdurst dürfte
etwas geringer ausfallen. Der Muskelkraft des Aggregats wurden mit
ausgereiften Bremsen und einstellbarem Fahrwerk ausreichende Sicherheitsreserven
hinzugefügt. Wer Kraft und Stabilität mit großem Einsatzsprektrum
möchte, wird mit der Kawa gut bedient sein.
Stand:
28.06.2003
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