Fahrbericht zur neuen Kawasaki
ZX12R
(Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn)
Motorräder
wie die Kawasaki ZX 12 R oder die Hayabusa sorgten bei ihrer Neuerscheinung
für ausreichend Gesprächsstoff an Stammtischen und in den
Medien. Erstmals wurde die 300 km/h-Grenze von Serienmaschinen überschritten.
Sofort fühlten sich die Boulevard-Medien dazu aufgerufen, auf
uns Raser zu verweisen mit dem Hinweis, dass solche Motorräder
Todesmaschinen bzw. Geräte zur aktiven Sterbehilfe seien. Alle
Fahrer solcher Bikes seien natürlich von allen guten Geistern
verlassen und nur noch jenseits der 300 km/h unterwegs.
Dass diese Geschichten, die leider
von einem erfolgreichen Motorradrennsportler mit einer Maschine eines
solchen Schlages durch unnütze Aktionen vor laufender Kamera
unterstützt wurden, mit der Realität kaum etwas zu tun haben,
ist mittlerweile landläufig bekannt geworden. Schließlich
gibt es genügend ZX 12 R - Fahrer, die noch leben bzw. noch keinen
Prozess wegen mörderischem Fahrens am Hals haben.
Die
Selbstbeschränkung nahm endlich der 300-km/h-Diskussion das Futter,
so dass man sich wieder auf die Maschinen selbst konzentrieren kann.
Die Kawasaki ZX 12 R galt nach Erscheinen
der Hayabusa als stärkste Serienmaschine. Vor zwei Jahren bei
uns im Test, soll nun die überarbeitete Version an den Start
gehen, um im Alltag zu zeigen, wo ihre Stärken liegen.
Die "alte" 12er glänzte
vor allem durch stoische Fahrstabilität in geraden schnellen
Passagen. Schwerarbeit war hingegen angesagt, wagte man sich mit dem
Leistungsprotz auf kleine verschlungene Landstraßen mit welligem
Belag.
Bei der neuen 12er war es für
die Techniker bei Kawasaki oberstes Ziel, der Maschine mehr Handlichkeit
zu verleihen. Man veränderte den Monocoque-Rahmen und verlegte
den Drehpunkt der Schwinge nach vorne. Der Lenkkopfwinkel wurde mit
66,5 Grad spitzer.
Optisch auffällig die neuen Spiegel und die geänderte Verkleidungsfront
mit einer im Vergleich zur alten 12er nun erhöhten und verbreiterten
Windschutzscheibe.
Motorenmäßig erfuhren Kupplung, Kurbelwelle und Zündung
Modifikationen.
Wieder
habe ich eine lange Fahrt vor mir, als ich die Testmaschine bei Kawasaki
Deutschland in Friedrichsdorf abhole. Ich gestehe, dass ich mich schon
drauf gefreut habe, die Maschine nun zwei Wochen lang anzugasen und
178 Pferde, ab 250 km/h, RamAir sei Dank, sogar 190 Pferde genießen
zu können. Glücklicherweise liegt Friedrichsdorf gleich
an der Autobahn, so dass ich gleich mal antesten kann, wie das auf
der linken Spur so geht, wenn man beim Überholen mit dem dritten
Gang ab 150 km/h das Gas aufzieht und die Göttin der Beschleunigung
ihren Segen spricht. Diese Kräfte, die die 12er Ninja freizusetzen
imstande ist, beeindrucken mich tief. Es geht bei solchen Aktionen
nicht mehr darum, an einem Fahrzeug vorbei zu fahren, sondern eher
darum, so schnell wie nur möglich ein Gefühl für die
tatsächliche Geschwindigkeit zu bekommen, mit der man sich ganz
plötzlich bewegt. Ein Klick bei Tacho 240 in den vierten und
wieder angasen. Mittlerweile habe ich den Kopf hinter die Verkleidung
geschoben, da der Winddruck gnadenlos geworden ist. Tacho 2
80.
Mein Blick ist wie durch einen Gartenschlauch. Die Autobahn wird immer
enger. Bei Tacho 298 wird elektronisch dem weiter möglichen Vortrieb
ein Riegel vorgeschoben. Man munkelt jedoch, dass Tests mit offenen
Versionen echte 315 km/h brachten. Wer es braucht ....
Die gekappte Serienversion reicht jedenfalls mehr als genug.
Ich befinde mich noch immer auf der
Autobahn, bewege mich nun durchweg im sechsten Gang und schwimme im
Verkehr mit. Das Verkehrsaufkommen lässt weitere Rauschaktionen
nicht mehr zu. Ist auch ok so, da das Heizen jenseits der 250 km/h
schon auch mit der Zeit anstrengend werden kann. Die 12er jedenfalls
zeigt sich auf der Autobahnetappe von ihrer besten Seite. Wie die
"alte" 12er gibt es auch bei der aktuellen nichts, was sie
aus der Ruhe bringt. Die Fahrstabilität, der Geradeauslauf sind
vom Allerfeinsten. Sie nimmt präzise die Linie an, die ihr vorgegeben
wird, und bleibt darauf bis zum nächsten Impuls.
Sie
wirkt sehr bullig und massig, wenn man auf ihr sitzt, doch lässt
sie bei Spurwechseln auch bei hoher Geschwindigkeit schon erahnen,
dass sie handlicher geworden ist.
Auf der Landstraße kommt nun
die Stunde der Wahrheit. Auf der Autobahn fuhr die alte ja auch schon
vorbildlich geradeaus. Die neue kann mich sehr schnell von ihren hohen
Landstraßenqualitäten überzeugen. Schon bei der Autobahnausfahrt
wird deutlich, dass sie sehr präzise in Schräglage zu bringen
ist. Später im Jagsttal durchläuft sie langgezogene Kurven
ebenso linientreu wie Kombinationen von rechts und links. Die Einlenkkräfte
halten sich nun wirklich stark in Grenzen. Sehr willig nimmt sie jede
Instruktion zur Schräglage oder zum Schräglagenwechsel an
und setzt Impulse sofort um. Ich bin echt überrascht, was die
Veränderungen am Fahrwerk an Handling gebracht haben.
Egoschmeichelnd
bringt die 12er Ninja ein Gefühl von Überlegenheit und Ruhe
in meine Fahrweise. Ich sitze gelassen auf ihr und durchfliege schon
fast manche Kurven ohne auch nur den Hauch eines Fahrwerkmeckerns
wahrnehmen zu können. Die Bremsen unterstützen den Fahrstil.
Mit zwei Fingern die vorderen Stopper von gut dosiert bis gnadenlos
in die Scheiben beißen lassen, stets im sechsten Gang nur etwas
am Gas zu drehen und jeder nervigen Situation entfliegen können.
Teilweise habe ich das Gefühl, mit der Kawa mehr zu gleiten als
zu fahren - bis die ersten Fahrbahnflickereinen kommen. Nichts ändert
das an der Stabilität, nur werde ich plötzlich schön
durchgeschüttelt. Die Fahrwerksabstimmung wurde werksseitig gestrafft,
was der Straßenlage in jedem Fall zu gute kommt. An die Stöße
muss man sich gewöhnen, wobei sie nicht mit der Härte von
echten Supersportlern aus Italien zum Fahrer geleitet werden.
Selbst mit Sozia ändert sich das Fahrverhalten nicht. Auf einer
Testrunde konnte ich die Ninja mit Sozia genauso zügig und sicher
bewegen wie alleine.
Nur
der Umstand, dass man sehr schnell in Bereichen diesseits von Führerscheinentzug
und Punkten unterwegs sein kann, bringt mich öfter in Gewissensnot.
Die Kawa kann, wenn ich will, und sie macht's sofort und unvermittelt,
wenn ich an der Rolle ziehe. Und eh ich mich versehe, stehen 200 auf
dem Tacho mit Tendenz zu mehr. Das ist die Sache, die ich auf Dauer
für bedenklich halte. Oft sind es kleine Unebenheiten, die Unruhe
in die Gashand bringen und sofort für kleine Beschleunigungsstöße
sorgen. Wenn man den Tacho nicht im Blick behält, kann es sein,
dass man plötzlich statt der angestrebten 100 ohne viel davon
zu merken 150 auf dem Tacho stehen hat. So ruhig kann ich die Gashand
gar nicht halten. Andere erfahrenen Biker, die die 12er Ninja schon
fuhren bzw. eine besitzen, berichteten von ähnlichen Erfahrungen.
Das bedeutet, dass die Kawasaki ZX12R eine sehr konzentrierte Fahrweise
erfordert. Dann allerdings macht sie echten Spaß und bringt
echte Freude am Fahren mit dem Gefühl, dass die Kraft nie ausgehen
wird. 135 Nm reichen bei 245 kg Kampfgewicht für den Straßenverkehr
durchaus, um Durchzug satt zu erleben.
Die
Bereifung mit den Dunlop D208 mit dem hinteren Monstermaß von
200 mm Breite wirkt passend. Auf Test- und Hausstrecke hielten die
Pneus den Kräften der 12er meist stand. Nur im wirklich heißen
Zustand neigt der hintere Reifen nicht nur zum Malen, sondern beim
Angasen zum Schmieren.
Die Schräglagenfreiheit geht voll in Ordnung. Man muss schon
wirklich schräg sein, bis die Fußrasten die ersten Funken
werfen.
Fazit:
Die neue Kawasaki ZX 12 R ist ein echter Allrounder mit Super-Power
geworden. Sie überzeugt auf fast jedem Asphaltterrain mit glänzendem
Handling und hervorragender Spurstabilität. Ein echter Launebrummer,
der dem Fahrer sicherlich das Gefühl von Überlegenheit vermittelt
und dabei eine Menge Spaß macht. Jedoch sollten 13.595 Euro
+ NK schon locker im Geldbeutel sitzen. Und dann, nutzt man die Kraftreserven
mehr als ein Mal, auch so alle 1500 - 3000 km die nötigen 220
Euro für den hinteren 200er Reifen, denn der verliert sich sehr
sehr schnell im Asphalt. 


