Fahrbericht zur neuen Kawasaki Z 750
Text:
Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Bis Anfang des vorletzten Jahres hatte man bei Kawasaki das Gefühl,
dass die Mannen der Entwicklungsabteilung nicht so recht in die Puschen
kommen. Nicht, dass Kawasaki keine interessanten Motorräder im
Markt hatte. Doch die Konkurenz hatte immer die Nase mit Neuentwick-
lungen ein Stückchen weiter vorn. 2003 warf Kawasaki dann die
Reinkarnation der Z 1000 (wir berichteten) auf den Markt und landete
damit einen absoluten Topseller. Schnell war die in Deutschland georderte
Palette verkauft. Die Tests der Presse konnten nur positives berichten.
Ich denke immer noch mit dem kleinen fiesen Grinsen an die zwei Testwochen
mit diesem Landstraßenräuber zurück.
Jetzt in 2004 landet Kawa die nächsten Testsieger am Ufer der
wartenden Bikergemeinde. Die ZX 10 R und die Z 750, die sich im Feld
zwischen den 600er Fazers und 900er Hornets & Co behaupten möchte.
Und
es ist der erste Test für mich dieses Jahr. Die Testma-
schine, eine knallrote Z 750, wurde mir dankenswerterweise von der
Fa. Haman in Donauwörth zur Verfügung gestellt, wo neben
der Z 750 u.a. auch die ZX 10 R für Besichtigung und Probefahrten
bereitstehen. Vorbeischauen lohnt in jedem Fall.
Ein sonniger Tag. Erste Frühlingsgefühle machen sich bemerk-
bar. Auf der Fahrt zu Haman kommen mir die ersten Biker entgegen, die
sich die endlich trockenen Straßen bei ange-
nehmen Temperaturen nicht entgehen lassen wollen. Das Thermometer überschreitet
in diesen Tagen knapp die 20°-Grenze. Traumtage für erste ambitionierte
Ausritte. Und die Z verspricht den nötigen Spaß. Als ich
in den Hof der Fa. Haman in der Berger Allee 11 einfahre, leuchtet mich
das knallige Rot der Z förmlich an. Sie steht vor der Werkstatt
unspektakulär in der Sonne und wirkt wie ihre größere
Schwester etwas zierlich. Ich sehe, dass die Frontverkleidung etwas
geändert wurde und erhoffe mir dadurch etwas mehr Druckfreiheit
bei höheren Geschwindigkeiten, denn bei der Z 1000 hat die Verkleidung
mehr optische als praktische Wirkung.
Der
augenfälligste Unterschied liegt offensichtlich in der modifizierten
Auspuffanlage. Statt 4in4 verpasste man der
Z 750 rechts eine 4in1 mit ovalem Endtopf - alles aus Edelstahl. Die
Hubraumreduzierung auf 748 ccm erreichte man durch eine Reduzierung
der Bohrung des 1000er Aggregats. Die Ventilgrößen wurden
angepasst, der Saug-
rohre der Einspritzanlage wurden im Durchmesser auf 34 mm reduziert.
Doppelte Drosselklappen verhindern massive Last-
wechselreaktionen.
Der wassergekühlte Z 750-Motor ist auf gleichem technischen Stand
wie der Z 1000er und leistet bei gleichem Hub laut Hersteller 110 PS
bei 11.000 Umin und einem Drehmoment von 75 Nm bei 8200 Umin. Das hört
sich ja schon vielversprechend an. Setzt man das in Verhältnis
zu 195 kg Leergewicht, kann man davon ausgehen, dass Landstraßen
zu Spaßstraßen werden können.
Nun aber los. Schlüssel rumdrehen und starten. Wooow, es ist ein
wahrer Ohrenschmaus, mit dem sich die "kleine" Z zur Stelle
meldet. Dumpf, tiefbassig und voluminös entlässt sie ihre
Abgase aus der Edelstahltüte. Und die Symphonie lässt sich
breitbandig steigern. Das Leerlauf-Brummeln entwickelt sich mit steigender
Drehzahl über sonores 1200ccm-Röhren bis hin zu echtem Kawagebrüll.
Mathematiker würden eine Proportionalitätsgleichung erstellen:
der Wohlklang entwickelt sich direkt proportional zur Drehzahl. Das
ist schön zu wissen, denn so kann ich mir meinen Sound individuell
und situationsabhängig basteln. Und das alles vollkommen legal.
Und ich frage mich nach einigen Drehzahlorgien, wie der Kawa für
diesen Sound eine ABE erteilt werden konnte.
Ich
begebe mich wie gehabt in meine Testregion und genieße den Ausritt.
Erstes Grün ist auf den Feldern zu erkennen. Es riecht schon etwas
nach einer erwachenden Natur. Traktoren wühlen sich durch zähen
Lehm und versprühen aus angehängten Riesentanks übelriechende
Flüssigkeiten. Mit der kleinen Z komme ich so richtig ins Genießen.
Sie rollt unauffällig vor sich hin, erzeugt motorseitige Wohlklänge
und gibt mir das Gefühl, dass ich sie schon nach 20 Minuten in
und auswendig kenne. Die Sitzposition passt wunderbar. Der Tank ermöglich
engen Knieschluss. Der Lenker sitzt genau da, wo meine Arme beim Aufsitzen
hinfallen. Die einstellbaren Hebeleien ergänzen das Ergonomiepaket.
Nur die Rückspiegel lassen etwas wenig Sicht nach hinten zu.
Die Instrumente informieren in gleicher Weise über alle notwendigen
Details wie bei der großen Schwester in passender roten Beleuchtung.
Das erste Überholmanöver kündigt sich an. Ich schalte,
da es sich schließlich um einen 750er handelt, zwei Mal runter
und gebe Gas. Die Z drückt mit mächtig Gebrüll nach vorne
und schiebt uns rasend schnell an einer kleinen Kolonne von Pkws und
Lkws vorbei. Wieder eine Überholsituation. Ich probier es aus ca.
80 km/h im sechsten Gang. Und wieder schiebt die Kawa los und steigert
ihren Druck mit wachsender Drehzahl. Das überrascht mich, denn
es ist und bleibt eine 750er, die jedoch schon aus dem Drehzahlkeller
ähnlich viel Druck bereitstellen kann wie eine 900er Hornet.
Auf
meinen Haussträßchen lasse ich die Z schließlich mal
richtig laufen. Ab 2000 Umin kann sie schon mit einem satten Vorschub
aufwarten. Ab 6000 Umin erfährt die Beschleuni-gungskurve eine
Steigung, die ihre Neigung bei ca. 8500 Umin nochmals erhöht und
die Z bis an den Begrenzer rennen lässt. Im Fahrbetrieb äußert
sich das Überschreiten der 8000er Marke mit einem wilden Spurt
bis an die 11000 Umin. Nicht, dass nur dieser Drehzahlbereich Spaß
bereitet. Es ist der Bereich, der mir am meisten Konzentration abfordert,
da der Anzug hier schon wirklich fulminant ist und gerade in satten
Schräglagen eine feine Gasdosierung erfordert, um das Hinterrad
nicht wegschmieren zu lassen.
Aber ich muss die Z nicht ständig drehen, um mit ihr einen flotten
Strich zu ziehen. Sie wartet mit einer wunderbar homogenen Leistungsentfaltung
ohne Leistungsloch ab Standgasdrehzahl auf. Im sechsten Gang sind somit
fast alles Fahrsituationen machbar. Flottes Vorankommen ist garantiert.
Die Stimmigkeit des Gesamtkonzeptes "Funbike" wird durch
ein ggü. Z 1000 vereinfachtem Fahrwerk ergänzt. Die 41mm Telegabel
wirkt heutzutage in dieser Klasse zwar etwas mickrig, doch ist sie i.V.
mit dem Federbein über jedemZweifel erhaben. Eine meiner Meinung
nach perfekte Werksabstimmung erübrigt nachträgliche Einstellarbeiten.
So verhält sich die Z bei kleinen Unebenheiten und Flickbelag neutral
und schluckfreudig ohne instabil zu wirken. Bei flottem Ritt gönnt
sie sich keine Schwäche, wirkt zielgenau mit sehr gutem Geradeauslauf.
Der
180er Hinterreifen lässt die kleine Z ggü. der 1000er agiler
und wendiger erscheinen. Kleine Kurvenkombinationen sind auch bei höherer
Geschwindigkeit mit Leichtigkeit zu nehmen und führen bei mir schon
fast zu einer Verkrampfung der Gesichtsmuskeln aufgrund des nicht mehr
nachlassenden Grinsens in meinem Helm.
Vollkommen ausreichend dimensionierte Bremsen mit 300er Scheiben und
Doppelkolbenzangen runden das Bild vollkommen ab.
Fazit:
Die Z 1000 als Topseller hat eine kostengünstigere Gesellschaft
bekommen. Mit mindestens gleichem Spaßfaktor kann die handlichere
Z 750 auf der Landstraße der 19 PS stärkeren Schwester gut
das Wasser reichen, denn sie kompensiert das Weniger an Leistung mit
einem Mehr an Handlichkeit und besserem Windschutz. Weniger kann eben
auch mehr sein, was Kawasaki mit diesem Naked eindrucksvoll unter Beweis
stellt für einen erstklassig kalkulierten Preis von 7195 .- Euro
zzgl. Nk.
Die Z 750 ist ein Vollblutbike mit primusverdächtigen Allroundeigenschaften
für Fahrer mit dem Hang, sich ohne Rücksicht auf Fahrbahnbelag
und Kurvenradien einen kräftigen Schluck aus der Spaßkanne
zu gönnen und zudem auch mal eine richtig flotte Linie zu ziehen. 


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