Fahrtest mit der neuen
Kawasaki Z 1000
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, G. Schöllhorn, G. Kistner, R. Heidelberger
Es
schloss sich wieder ein Kreis für mich, als ich Ende letzten Jahres
die Ankündigungen der neuen nackten Kawasaki Z 1000 las. Die erste
Z 1000 war schließlich die Maschine über 1,5 PS, auf der ich
meine ersten Runden drehte. Mit meinen damals noch zarten 17 Lenzen war
ich den Anzug einer Hercules M2 mit 49 ccm und Automatikkupplung gewohnt.
Mein Freund Hans war im Besitz der Z 1000 - und so kam es, dass ich auf
und neben der Maschine mit meiner kleinen Schwester für Fotos posierte
und fatalerweise der Zündschlüssel steckte. So grinste ich Hans
an und drehte den Schlüssel auf Zündstrom. Hans nickte kurz
mit einem wissenden Grinsen im Gesicht. Ich startete und flog los - ohne
Lappen und ohne Helm. Das waren Glückshormone, die Frankensteins
Tochter in mir freisetzte. Ich dachte für kurze Momente, sie würde
mir die Arme ausreißen, wenn ich ihr die Sporen gab. Woooowwwwww.
Ab der Zeit war der Virus gesetzt und mir war klar, dass ich irgendwann
einmal im Leben selbst Motorrad fahren werde.
Diese
Erinnerungen kamen sofort hoch, als ich die Bilder dieser
Z 1000 sah. Genauso spektakulär wie damals tritt sie in Erscheinung.
Eine nackte Kurvenfresserin, die mit viel Power im Gepäck die Bezeichnung
"Z 1000" mit Würde trägt und bereit ist, sich und
ihren Fahrer wirksam in Szene zu setzen.
Ich bekomme in der Werkstatt bei Kawasaki Deutschland in Friedrichsdorf
meine kawa-grüne Z übergeben. Die Leute haben ein Grinsen
im Gesicht. Als ich sie darauf anspreche, informieren sie mich darüber,
dass erst einer der Kollegen mit der Z auf der Rennstrecke bei einem
Training den vollverschalten Knieschleifern ordentlich um die Ohren
gefahren sei. Mir selbst war das schon klar, nachdem ich mich im Vorfeld
seit Erscheinen der Z 1000 über ihr Innenleben ausführlich
informierte.
Sie
steht da und stellt für mich eine Mischung aus Streetfighter und
klassischem Naked dar. Da scheiden sich aber die Geister, wie ich in
vielen Gesprächen mit Händlern und Bikern erfahren konnte.
Das ist aber auch nicht so relevant, wie ich finde, denn schließlich
ist es ja egal, in welche Schublade ich die Z 1000 stecke. Sie wird
immer das selbe Bike bleiben.
Kawasaki verwendete einen massiven, aber klassischen Rohrrahmen (Diamondframe)
ohne Unterzüge, den sie hinter Plastikverkleidungen versteckten,
so dass man meinen könnte, es handele sich um einen Alu-Brückenrahmen.
Der Vierzylinder entstammt in Grundzügen von der ZX-9R.. Etwas
Aufbohren brachte exakt 953 ccm Hubraum - also keine waschechte 1000er,
die uns durch die Typbezeichnung vorgegaukelt wird. Auch egal, denn
wenn man die ersten Runden auf der Z über hügelige Landstraßen
dreht, sind die fehlenden 47 ccm schnell vergessen. Aber dazu später.
Dem
Fahrwerk spendierte man Komponenten aus dem Sportlersektor. Vorne eine
massive USD-Gabel, hinten das kawatypische Zentralfederbein mit Uni-Track-Hebelei.
Dazu polierte Felgen mit lackierten Speichen. Das Sitzmonocoque mit
seinem markant blickenden Diodenrücklicht entspricht dem der kleinen
Schwester ZX-6R..
Ja, und dann ist da noch die Auspuffanlage, die im Design an die vier
Rohre der guten alten Z 900 (aber auch der Z 1000, denn viele Eigner
rüsteten die Zwei-Rohr- in eine Vier-Rohr-Anlage um) anknüpft.
Das ist sofort erkennbar und nachvollziehbar. Aber auch hier scheiden
sich die Geschmäcker, denn den einen sind die Rohre zu dünn,
die anderen finden sie passend ins Gesamtkonzept der Maschine.
Ich nehme auf der grünen Lady Platz und bin beeindruckt, wieviel
Wohlfühlpunkte ich schon jetzt vergeben kann. Nach vorne orientiert
ist die Sitzposition angenehm entspannt mit nicht allzu spitzem Kniewinkel.
Der
nicht übermäßig breite Lenker lässt mir die Z in
sich noch kompakter erscheinen. Alles sitzt ergonomisch günstig.
Die Hebeleien sind bremsseitig einstellbar. Die Instrumente wirken kompakt
und auf mich etwas zu verspielt. Nicht, dass sie nicht mit äußerst
vielen Informationen aufwarten können, nur ist dieser LCD-Drehzahlmesser
äußerst gewöhnungsbedürftig. Aber ich weiß,
auch das ist Geschmackssache.
Mit
etwas Choke springt sie sofort an und brummelt leicht heiser unter mir
vor sich hin. Nach ein paar Metern kann der Choke wieder herausgenommen
werden. Die Z läuft ruhig und seidig und versprüht mit ihrem
röhrig-heiseren Sound das Gefühl von Kraft und versteckter
Wildheit.
Schon im Stadtverkehr kann ich spüren, dass die Kawa mir sehr
gut passt. Die Knie schließen sauber mit dem Tank. Die Sitzposition
unterstützt leichtes Handling und gute Übersicht im Straßenverkehr.
Dann die Autobahn Richtung Frankfurt. Ich ziehe die Z schon auf der
Beschleunigungsspur im zweiten Gang hoch und muss schnell schalten,
da sie ab 8000 Umin schon fast in den Begrenzer springt. Dabei geht
sie wirklich heftig zu werk. Sie zieht und zieht und - ja - da ist es
wieder, dieses Gefühl, das ich schon auf der alten Z 1000 verspürte.
Längere Arme und Glückshormone.
Aber die längeren Arme kamen nicht nur vom kräftigen Anzug,
sondern ab 160 km/H vor allem auch vom Fahrtwind. Windschutz auf der
Z 1000 war für die Konstrukteure offensichtlich kein Thema, denn
ich bin dem Tornado ungeschützt ausgesetzt. So mag eine Vmax von
245 km/H (Herstellerangabe) auch eher ein theoretischer Wert sein, denn
ich frage mich, wann man das ausreizen möchte?
Bei Dauertempo 150 mit Spitzen bis zu 235 km/H freue ich mich ehrlich
gesagt auf die Landstraßen quer durch den Odenwald über das
Jagsttal bis zu mir ins Ries, denn als Autobahnheizer geht die Z wirklich
nicht durch.
Soll
sie auch nicht, denn es sind die Landstraßen - und -sträßlein,
für die die Z 1000 eindeutig konzipiert wurde. An Amorbach vorbei
geht es Richtung Kailbach. Eine schöne Strecke, um sich ein wenig
"warm" zu fahren, was zügiges Kurvenwedeln abelangt.
Dann ein Abstecher hin und zurück auf die Strecke nach Beerfelden.
Die Reifen (BT 012 in Ausführung J) beginnen, aufzureißen
und Popel zu werfen. Die Z lässt sich absolut spielerisch und sicher
durch so ziemlich alles dirigieren, was mit Asphalt durch Landschaften
gebaut ist. Der Zustand der Teerdecke spielt dabei eine eher sekundäre
Rolle, denn die Grundeinstellung des Fahrwerkes lässt sie viele
Unebenheiten wegschlucken. Wellen in Schräglagen beantwortet sie
wegen des 190er Hinterreifens mit leichtem Aufstellen ohne instabil
zu wirken.
Es ist dann der Moment gekommen, als ich mich mit ihr so richtig verwachsen
fühle und beginne, die Heimfahrt zur Genussfahrt werden zu lassen.
Da sind diese langgezogenen Jagsttalkurven, die sie ohne Mucken einfach
hinnimmt und mir signalisiert, ich solle doch endlich mal richtig an
der Rolle drehen, dass sie mir zeigen kann, zu welchen Schandtaten sie
eigentlich in der Lage ist. Nach innerer Widerwehr erliege ich doch
in manchen Passagen der Versuchung und lasse die Kawa so richtig fliegen.
Wieder Glückshormone, aber keine langen Arme mehr, da ich mich
mittlerweile mehr in als auf die Maschine gesetzt habe. Der Höcker
bietet mir nach hinten guten Halt.
Eigentlich
bin ich der Aufrechtsitz-Knieamtank-Typ. Auf mehreren Ausritten ertappe
ich mich immer wieder dabei, wie ich beim Anfahren schneller Kurven
beginne, auf dem Polster hin und her zu rutschen und das Bein andeutungsweise
abspreize. Hey, was macht diese Lady mit mir? Ich glaube, es ist jeder
Ausritt sowas ähnliches wie der Ritt auf der rosa Wolke.
Obwohl sie bis 3000 Umin etwas unwillig und verzögert die Gasbewegungen
in Vortrieb umsetzen mag, ist sie ab 3000 Umin voll und direkt da. Sie
hechelt förmlich nach eindeutigen Gashandbewegungen, um sich austoben
zu können. So wartet sie mit ansehnlichem Anzug bis 8000 Umin auf,
um dann zur Belohnung bis zum Begrenzer in einen echten Schlusssprint
überzugehen. Schön, dass die Lastwechsel kaum ins Gewicht
fallen und die direkte Gasannahme immer gut beherrschbar bleibt. Sicher
ein Verdienst der neuen Einspritzanlage.
Zwei Drosselklappen pro Einlass regeln die Gemischmenge, wobei eine
computer- und einspritzelektronikgesteuert durch einen Stellmotor betätigt
wird. Mehr Drehmoment von unten raus soll die spürbare Folge sein,
wobei eine 9er Ninja auch nicht weniger Durchzug von unten raus aufbringt.
127 PS bei einem Drehmoment von 96 NM bei 8000 Umin bei
207 kg Kampfgewicht lassen Zweifler an sich zweifeln, denn diese Kombination
ist ein wichtiger Teil dieses Funbikes.
Spaß beim Motorradfahren kommt bekanntlich nicht nur vom Motor
her. Das Gesamtkonzept muss in sich stimmig sein. Die Komponenten müssen
miteinander harmonieren. So lässt sich die Kawa verwindungssteif
durch so ziemlich alles bewegen, was andere Moppeds schon aus der Ruhe
bringt. Der Rahmen und das Fahrwerk wirken passend zum Triebwerk.
Und
die Bremsen sind das i-Tüpfelchen obendrauf. Verhalten sich die
vorderen Stopper im Normalbetrieb eher zurückhaltend und mit einem
Maximum an Dosierbarkeit, beißen sie bei Bedarf so massiv zu,
dass die Maschine mit ca. 10 m/s2 satt und stoppieverdächtig zum
Stand verzögert wird. Das ist wirklich einmalig, wie diese Bremse
alle Gangarten von sanft bis knallig beherrscht.
Fazit:
Mit der Z 1000 ist den Jungs von Kawasaki ein Meisterstück gelungen.
Ein Motorrad mit hervorragender Laufkultur und kantigem Charakter. Ein
Bike für die Tour genauso wie für den schnellen Ritt über
die Hausstrecke. Ein Mopped, mit dem alle Gangarten auf Asphalt möglich
sind. Ein Allroundbike mit maximalem Spaßfaktor
und sportlichen Ambitionen. Hochwertige Verarbeitung und ein stimmiges
Gesamtkonzept sind schon immer die Voraussetzungen für einen Kassenschlager
gewesen. Und wenn man die Verkaufszahlen betrachtet, so hat die Z 1000
mittlerweile heftig eingeschlagen. Sie verkörpert ein Motorrad,
auf das anscheinend viele lange gewartet haben.
Und noch ein paar Bilder ...



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