Fahrbericht Kawasaki GTR 1400
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Sehr aufmerksam verfolgte ich die Erstvorstellungen und die Pressemeldungen
von Kawasaki zur GTR 1400. Da war von Innovationen die Rede, vom stärksten
Komforttourer auf dem Markt, manche sprachen gar von einem Sporttourer.
Kawasaki nennt das Konzept schlicht und selbstbewusst Mega-Sport-Touring.
Verwendet wird an der GTR 1400 der Motor der bärenstarken ZZR
1400, dessen Abstimmung jedoch letztes Jahr im Test mit einer eher zurückhaltenden
Leistungsabgabe unterhalb von 5000 U/min nicht so recht überzeugen
wollte. Bei der GTR wurde der Motor auf Durchzug modifiziert. Die Spitzenleistung
liegt bei nur 155 PS bei 8800 U/min, das maximale Drehmoment
stellt sich mit 136 Nm bei 6200 U/min ein. Die Veränderung begründet
sich in den um 4 mm reduzierten Drosselklappen, in der Verwendung neuer
Kolben und einer reduzierten Verdichtung von nunmehr 10,7:1. Die stufenlose
Verstellung der Einlass-Nockenwelle gilt als Novum und rundet die Modifikationen
um den Motor ab.
Die GTR wirkt beim ersten Hinsehen bullig und schwer. Alles wirkt etwas
größer als auf anderen Motorrädern, jedoch typisch für
diese Motorradkategorie, in der sich ebenfalls Tourer vom Schlag einer
BMW R 1200 RT, K 1200 GT, einer Honda Pan European oder der Yamaha FJR
1300 tummeln.
Ich nehme auf dem Hof von Kawasaki Deutschland in Friedrichsdorf auf
der mir zugedachten Testmaschine Platz. 20 Jahre ist es her, seit Kawasaki
die letzte GTR auf den Markt brachte. Damals galt die GTR als Sinnbild
für schnelles Touring. Diesen Eindruck vermittelt die 1400er GTR
auch beim ersten Aufsitzen. Die großen und sehr gut ablesbaren
Instrumente ähneln denen der ZZR bis auf die schwarz hinterlegten
analogen Anzeigen für Tempo und Drehzahl. Das große LCD-Display
informiert an der GTR zusätzlich über den Luftdruck der Reifen.
Das
breite einteilige Sitzpolster bettet mein Hinterteil sehr komfortabel.
Schade, dass es keine Höhenverstellung gibt. Ich sitze leicht nach
vorne gebeugt mit angenehmem Kniewinkel und habe den Eindruck perfekter
Ergonomie. Der Blick in die relativ tief angebrachten Spiegel zeigt
mir in der unteren Hälfte die Koffer, darüber erst das Geschehen
hinter mir. Das wirkt gewöhnungsdürftig, ist später jedoch
auf den 2500 Testkilometern nicht weiter störend.
Mir wird das Diebstahlsystem der GTR präsentiert. Zuerst brauche
ich den überdimensioniert wirkenden Schlüssel. Den kann ich
zwar einstecken, doch lässt sich die Kawasaki damit nicht zum Leben
erwecken. Dazu benötige ich den sogenannten Transponder, ein kleines
Kunststoffkästchen mit integriertem Reserveschlüssel, das
maximal 0,5 1 m vom Fahrzeug entfernt sein darf. Am besten, ich
trage es in der Jacke oder besser noch Hose. Ungewöhnlicherweise
kann der Schlüssel dauerhaft im Zündschloss verbleiben. Wenn
ich das Lenkschloss sperre, muss der Schlüssel sogar am Fahrzeug
verbleiben, denn ich kann ihn dann gar nicht abziehen.
Entsperren kann ich alles nur, wenn ich mit am Fahrzeug befindlichem
Transponder den Zündschlüssel kurz eindrücke. Das Display
meldet mir mit einem Icon, dass nun der Schlüssel gedreht werden
kann. Ich kann die Zündung aktivieren und die Maschine, wie gewohnt
starten.
Es hat seine Vor- und Nachteile. Dennoch ziehe ich die Chipschlüssel
anderer Hersteller vor, da ich nicht doppelt nachdenken muss, was wo
gerade ist. Ungewohnt ist in jedem Fall, dass ich nach Abstellen der
Maschine einfach weggehen kann, ohne den Schlüssel abziehen zu
müssen. Und die Wegfahrsperre ist automatisch aktiviert.
Ich habe vor, mit der GTR in die Alpen zu fahren. Wo kann man einen
Tourer besser testen als auf Bergstrecken, wo ich in kurzer Abfolge
alles an möglichen Fahrsituationen erleben kann. Aber zuerst fahre
ich die Maschine über viele Landstraßenkilometer durch den
Spessart nach Dillingen. Der Motor wirkt sofort um einiges agiler und
durchzugswilliger als der der ZZR 1400. Bereits ab 1500 U/min fängt
er an zu drücken, ab 3000 U/min kann von Leistung gesprochen werden,
ab 5000 U/min zeigt er vehement, was in ihm steckt. Dennoch bin ich
wieder etwas enttäuscht, denn von 1400 ccm aus 4 Zylindern habe
ich mir wieder mehr spürbaren Bums erwartet. Nicht, dass keine
Kraft spürbar wäre, im Gegenteil. Was die GTR 1400 über
den absolut nicht spürbaren Kardan ans Hinterrad liefert, reicht
immer für eine flotte Hatz
über Straßen jeder Art. Dennoch, mir fehlt manchmal ein satter
Leistungseinsatz. Die GTR geht sehr sanft ans Gas und überrascht
mich nicht mit plötzlichen Beschleunigungsattacken. Sie gibt ihre
Leistung linear zur Drehzahl ab. Je mehr, desto mehr. Das beruhigt andererseits
und gibt mir ein Gefühl von gelassener Souveränität.
Überholen im 6. Gang ist jedoch so eine Sache, denn dieser Gang
ist als Overdrive sehr lang ausgelegt, sodass ich oft ums Herunterschalten
nicht herumkomme.
Genial der Kardan, weil absolut nicht spürbar. Kawasaki nennt
das Prinzip mit je einer Drehmomentabstützung oberhalb und unterhalb
des Wellenkanals Tetralever. Wenn nur alle Kardankonzepte so gut funktionieren
würden
Nach ca. 2 Stunden Fahrt spüre ich ein schwächelndes Sitzpolster
wie auf der ZZR. Der Rand der Sitzbankschale fängt an, an
den Unterseiten meiner Oberschenkel zu drücken nicht heftig,
aber stets spürbar. Schade, denn an sich ist die Sitzbank sehr
komfortabel. Kurze Pause, schnell was trinken und dann weiter. Die Sitzbank
hat sich schnell erholt. Die Polsterung stimmt wieder.
An einer Ampel bekomme ich heiße Unterseiten an meinen Oberschenkeln,
denn Motorhitze steigt hier auf. Auch bei langsamer Fahrt bleibt das
so, bis ich das Gefühl habe, in dem Bereich gar gekocht zu werden.
Sobald ich auf der Landstraße wieder Überlandtempo einnehme,
ist das Oberschenkelkochen vorbei. Das kenne ich auch noch von der ZZR.
Hier würde ich mir eine geänderte Hitzeabführung wünschen,
denn das kann sehr schnell bei hohen Außentemperaturen unangenehm
werden.

Die GTR wirkt im Stand kopflastig, was sich aber nach den ersten Metern
legt. Ich kann sie sehr leicht einlenken, unterstütze dabei aber
immer mit einem Tick aus der Hüfte. Schneller Wechselkurven erfordern
dann schon kräftigeres Hinpacken und Einlenken, was mit einem 180er
Hinterreifen sicher leichter ginge.
Die letzten Kilometer fahre ich im Dunkeln und freue mich über
einen breiten und gleichmäßig ausgeleuchteten Lichtkegel.
Das Fernlicht macht seinem Namen alle Ehre ein großes Sicherheitplus.
Gitte und ich planen eine Tour ins Allgäu und in die Lechtaler
Alpen. Schnell sind meine Klamotten in den beiden 35-Liter-Koffern verstaut.
Sehr gut empfinde ich, dass die keine Winkel und Nischen aufweisen,
sondern einen glatten Packraum. Das Handling der Koffer ist spielerisch
einfach. Sehr gut gelungen!
Auf dem Tank kann ich dank stählernem Material einen Magnettankrucksack
aufbringen, der jedoch z.T. auf dem kleinen Staufach aufliegt. Anfängliche
Bedenken wegen Instabilität des Tankrucksackes zerstreuten sich
während der folgenden Touren. Das Staufach verwende ich lediglich
zur Aufbewahrung meiner Warnweste. Ansonsten nicht, weil nicht abschließbar.
Leider!

Auf Tour. Der Windschutz beschränkt sich bei herabgelassener Scheibe
auf den Brustbereich. Die Schultern sind im Wind. Bei höher gestellter
Scheibe kommt auch der Kopf aus dem Winddruck heraus, allerdings mit
dem Nachteil von leichten Verwirbelungen, die auch die Lautstärke
im Helm erhöhen.
Plötzlich ein deftiger Regenschauer. Der Wetterschutz an der Kawasaki
funktioniert gut. Sicher gibt es in der Klasse bessere Schutzwirkungen.
Die
Kawa schützt mich jedoch effektiv im Oberkörperbereich, sehr
gut an den Unterschenkeln und ebenso an den Stiefeln, die nur an den
Spitzen richtig nass werden. Die Abrisskante an der hochgestellten Scheibe
saugt die Regentropfen auf dem Visier nach unten ab. Klasse!
Auch klasse, dass durch die Hinterlüftung der Scheibe selbst bei
hohem Tempo kein Druck nach vorne entsteht, sodass der Rücken frei
von Fliegen und Schmutz bleibt.
Gewöhnungsbedürftig zeigen sich bei Nässe die Bremsen,
die immer erst ein paar Umdrehungen brauchen, um Wirkung zu zeigen.
Einige Male verbremse ich mich fast, da ich, weil sie nass sind, den
Bremshebel stärker ziehe mit wenig Wirkung, die Verzögerung
dann jedoch schnell und vehement einsetzt, sodass auch das ABS vorne
bemüht werden muss eh ich wieder den Hebel loslassen kann. Vielleicht
verhilft in Zukunft die Verwendung von anderen Belägen, die auch
im nassen Zustand gleich gut zupacken können.
Ansonsten zeigen sich die Bremsen von ihrer besten Seite. Radial verbaute
Bremszangen und eine Radialpumpe erlauben eine sehr direkte und feine
Dosierung. Die Bremswirkung ist jederzeit
mehr als ausreichend. Im heißen Zustand wie beim zügigen
Durchwedeln des Namlostals wandert der Druckpunkt in Richtung Gasgriff
und ich muss die Hebelei etwas verstellen.
Das ABS regelt vorne sehr spät und fein. Hinten wird einiges an
Bremsweg verschenkt, weil die Regelung sehr früh einsetzt.
Namlostal, das sind die Strecken, die mit der GTR trotz ihres hohen
Leergewichtes von immerhin 313 Kilogramm so richtig Spaß bereiten.
Viele Kurvenkombinationen, Kehren mit nicht zu engen Radien, ein ungeflickter
Straßenbelag ohne viele Unebenheiten drin. Hier kann ich die GTR
durch das Tal pfeilen lassen. Viele Kilometer Spaß pur. Dabei
überraschen mich die schon sportlich anmutenden Schräglagen,
sodass ich am montierten Brigestone BT 021 hinten schnell die Laufflächenkante
erreicht habe ohne ein einziges Mal mit einem Teil der GTR aufgesetzt
zu haben. Auch das Wechseln der Schräglagen in den unzähligen
Kurvenkombinationen funktioniert in dem Tempobereich mit leichtem Nachdruck
wunderbar.
Ich halte den Motor in den Bergaufpassagen in den unteren Gängen,
sodass ich immer Leistung satt abschöpfen kann.
Anders verhält sich die GTR am nächsten Tag auf dem Hahntennjoch.
Die spitzen Kehrenradien an den Steigungen erfordern manchmal den ersten
Gang. Hier geht mir die GTR zu indirekt ans Gas, fast schon leicht verzögert,
sodass es mir einige Male die Linie verhagelt und ich in weiteren Kehren
am Gas bleibe und die Kupplung schleifen lasse als Tempokorrektur. Auf
den weiteren Kurvenpassagen auf deutscher Seite verhält sie sich
wie im Namlostal. Es macht wieder richtig Spaß.
Auf der österreichischen Seite lässt ab der Passhöhe
der Straßenbelag bis nach Imst runter sehr zu wünschen übrig.
Er ist streckenweise auch im trockenen Zustand rutschig und sehr wellig
mit vielen Frostaufrissen. Eine Herausforderung für die Fahrer
und so manches Fahrwerk. (Und ich habe bisher noch keine einzige Überquerung
dieses Passes erlebt, an dem nicht ein Biker sich irgendwo ablegte
so auch dieses Mal, als ein Chopperfahrer vor mir direkt in einer Kehre
sich verschaltete und in der Kehre in die Gegenfahrbahn kam, dabei fast
den Gegenverkehr touchierte und sich schließlich hinlegte)
Auch die Kawasaki GTR 1400 zeigt sich hier störrischer. Ich habe
einige Fahrwerkseinstellungen probiert und schließlich einen Kompromiss
gefunden. Dennoch, sie neigt beim Eintauchen der Gabel in Schräglagen
bei welligem Belag zu sattem Aufstellen, das ich immer wieder mit starker
Hand korrigieren muss. Eine saubere Linie zu fahren wird zur Herausforderung.
Sie zeigt sich insgesamt straff und gibt sehr viel der Unebenheiten
weiter. Dabei kommt keine rechte Harmonie zwischen Vorderrad- und Hinterradfederung
auf. Sobald wir wieder auf gleichmäßigem Belag sind, gibt
sie sich wieder spurstabil und von ihrer besten Seite.

Insgesamt ein Meisterstück ist der Motor. Seine Laufruhe und sein
sonores Arbeitsgeräusch haben etwas Beruhigendes. In kaum einem
Drehzahlbereich vibriert er spürbar. Und er arbeitet ab Standgas
sehr willig und möchte immer etwas Drehzahl, um dann kraftvoll
schieben zu dürfen. Das kann er, auch wenn mir ein Audi S6 mit
großem Motor einmal zeigt, dass selbst Kfz mit 4 Rädern ganz
schön lossprinten können. Dennoch, für die Kawa ist das
auch kein Problem, sich dem Audi zu stellen.
Im Durchschnitt zog das Triebwerk zwischen 6,5 und 7,5 Litern Super
aus dem 22 Liter großen Tank.
Der Windschutz und die Sitzposition lassen sehr schnelle Reisegeschwindigkeiten
zu. Überraschend, aber auch enttäuschend für eine Neuentwicklung
empfinde ich die Unruhe in Form von leichtem Pendeln, die sich z.T.
bereits ab 160 km/h, meist aber erst ab 200 km/h einstellt.
Fazit:
Mit der neuen Kawasaki GTR 1400 ist den Grünen ein guter Wurf gelungen.
Ein bärenstarker Motor mit genialer Laufruhe eingepasst in ein
stabil wirkendes Chassis mit vielen Tourenqualitäten und reichhaltiger
Ausstattung. Dabei hat die Kreuzung von hohem Gewicht, Komfort und trotzdem
sportlicher Fahrweise sehr gut geklappt, wenn man sich auf gut ausgebauten
Straßen befindet.
Leider stehen auch einige Kritikpunkte im Raum, die vor allem das Fahrwerk
betreffen. Ich denke jedoch, dass es von Kawasaki in den Griff zu bekommen
sein sollte, das noch etwas unharmonisch wirkende Fahrwerk für
schlechte Straßenbeläge zu optimieren. Vielleicht lässt
sich dabei gleich noch die Unruhe und Pendelneigung in höheren
Tempobereichen bereinigen. In jedem Fall ist die Kawasaki GTR 1400 eine
interessante Erscheinung im Komforttourersegment mit vielversprechenden
Genen. 
Und noch ein paar Fotos ...




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