Fahrbericht zur neuen Honda CBR 1000 RR
Text:
Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Für das Jahr 2004 wurde den Anhängern von hyperstarken Supersportlern
eine reiche Auswahl an Neuerscheinungen spendiert. Neben Yamaha und
Kawasaki schickte auch Honda eine Nachfolgerin der Honda Fireblade ins
Rennen um die Käufergunst. Das Augenmerk richtete sich natürlich
sofort auf ein kleines Ausstattungsdetail, dessen Fehlen den Vorgängerinnen
regelmäßig Abzüge bei Testbewertungen und Käufermeinungen
einbrachte: den Lenkungsdämpfer.
Und
Honda hat (endlich) seine Hausaufgaben gemacht und der aktuellen Fireblade
eine Neuentwicklung mit geschwindigkeitsabhängiger Dämpfung
verbaut. Das Thema "Kick back" ist somit fast vom Tisch. Dazu
später mehr.
Meine Testmaschine bekam ich dankenswerterweise von der Firma Honda
Stempfle in Wertingen/Roggden zur Verfügung gestellt, wo ich mir
weitere Farbvarianten in Rot und Schwarz ansehen konnte. Die CBR 1000
RR steht dort so wie die gesamte Modellpalette von Honda (Motorräder,
Roller, Quads) zur Besichtigung bzw. Probefahrt bereit.
Ich stehe vor der Maschine und habe den Eindruck, eine 600er vor mir
zu haben. Sie wirkt zierlich und grazil mit ausladenden Hüften
und schmaler Taille. Die Sitzposition wird sportlicher sein als die
der bisherigen Feuerklingen, die schon fast eine Eignung zum Tourensport
mitbrachten. Die neue CBR 1000 RR ist kompromissloser auf Sport getrimmt.
Die Lenkerstummel wanderten 4 cm nach unten, die Sitzhöhe wuchs
um 3 cm, die Rasten wanderten nach hinten und oben. Das
Ergebnis überrascht mich dennoch, da ich mich darauf einstellte,
diese Maschine nur stundenweise zu fahren, um mich dann wieder in Pausen
zu entfalten. Ist aber gar nicht so wild. Beim Aufsitzen fällt
mir der angenehme und maßgeschneiderte Knieschluss auf. Die Kniewinkel
bleiben jenseits der Schmerzgrenze und erlauben längere Ausritte.
Ich starte den Motor und bekomme von einem grinsenden Mitarbeiter "Viel
Spaß" mit auf den Weg. Dieses Grinsen kenne ich. Es ist dieses
wissende Grinsen nach eindeutiger Positiverfahrung.
Auf der Straße gewöhne ich mich schnell an die weit nach
vorne gebeugte Sitzposition. Mir fällt nach einigen Kilometern
auf, dass ich bei langsamen Wende- und Einbiegemanövern vom neuen
HESD (Honda Electric Steering Damper) überhaupt keine Notiz genommen
habe. Er arbeitet unauffällig, aber wirksam, wie sich schon beim
ersten richtigen Beschleunigen herausstellt. Wo die alte Blade im dritten
und vierten Gang auf Bodenwellen bei geöffnetem Gashahn im oberen
Drehzahlbereich mit zunehmend leichtem Vorderrad plötzlich mit
dem Lenker von einem Anschlag bis zum anderen schlug, bleibt die neue
dank HESK ruhig. Leichtes Zucken ist im Lenker zu verspüren, das
jedoch vernachlässigbar bleibt und den Adrenalindrüsen keine
Mehrarbeit abverlangt.
Das soll nicht heißen, dass die neue CBR keine Adrenalinkicks
auslösen kann. Wird der Motor gefordert und darf er seine Leistung
abgeben, rührt sich bei voll galoppierenden 172 PS eine ganze Menge
und man ist gut beraten, gerade auf der Landstraße den Tacho nicht
aus den Augen zu verlieren, denn nur er zeigt einem CBR-1000-RR-Neuling
die krasse Realität in Form großer digitaler Zahlen. Auf
sein intuitives Fahrgefühl sollte man sich nicht mehr verlassen.
Durch die Stabilität der CBR wirken 100 km/h manchmal so wie wenn
ich meinem Passat Kombi durch ein e
30 km/h-Zone in einer Siedlung rollen lasse. Ein ständiges Unterforderungsgefühl
macht sich breit und verleitet, mal so richtig am Hahn zu drehen und
die elektronische Saugrohreinspritzung zum Arbeiten zu zwingen.
Die 172 PS lassen sich vorbildlich dosieren. Lediglich die harten Lastwechselschläge
nerven ab und zu, wenn ich im Verkehr mitschwimme. Dann spüre ich
auch schnell die Last auf meinen Handgelenken. Ich entscheide mich dafür,
Abhilfe zu schaffen und die Kolonne hinter mir zu lassen. Ohne Hektik.
Einfach im 6. Gang leicht an der Rolle ziehen. Der Vorschub ist beeindruckend
und nimmt ab 5000 Umin vehement zu. Bei gut 8000 Umin brennt die CBR
dann das viel zitierte Feuerwerk ab und dreht wunderbar nach oben bis
über 11000 Umin aus. Das macht einen Riesenspaß und leitet
mich auf meine kurvenreichen Teststrecken mit gutem Teerbelag, wo mich
die CBR mit ihrer äußert gut dosierbaren Leistung überrascht.
Das schafft zügig Vertrauen. Ich kann mich darauf verlassen, dass
die Maschine mich in satten Schräglagen beim Herausbeschleunigen
aus schnellen Kurven nicht mit plötzlicher und unerwartet heftiger
Leistung in die Knie zwingt. Und ich verstehe das Grinsen des Mitarbeiters
umso mehr. Es macht mir einen Heidenspaß, mit dieser Maschine
durch meine Kurvenstrecken zu schwingen. Nichts bringt diese Maschine
aus der Ruhe. Leistung ist immer vorhanden und scheint wirklich nie
auszugehen, zumindest auf der Landstraße. Weitere Nachmittagsstrecken
können so vollkommen entspannt genommen werden. Der laufruhige
Motor trägt sein Übriges dazu bei.
Auf welligen Streckenabschnitten zeigt sich die straffe Sportabstimmung
des Fahrwerkes, das jedoch nicht hart wirkt. Es ist mit genügend
Einstellmöglichkeiten versehen, so dass von sanft bis sportlich
hart alles eingestellt werden kann. Mir passt die Werkseinstellung.
Für die heftigere Hatz gebe ich dem wie bei der 600RR in der Schwinge
angelenkten Federbein zwei Klicks mehr Druckstufe. Das passt nun wunderbar.
Die Blade
liegt ruhig und wirkt unerschütterlich, selbst auf absolut grausam
zerflickten Teerbelägen, bei denen ich mir die Frage stelle, wer
eigentlich für die Ausführung und Kontrolle dieser straßenbautechnischen
Scheußlichkeiten zuständig ist. Eigentlich sollten diese
Personen als Steuerverschwender für ihre Untaten in Regress genommen
werden, so dass diese Streckenstücke professionell repariert werden
können.
Zum Glück gibt es Maschinen wie die neue CBR 1000 RR, die sich
von den Folgen dieser laienhaften Flickschustereien nicht aus der Ruhe
bringen lässt.
Das Konzept wirkt passend. Auch wenn sie im Vergleich zur Vorgängerin
um zwölf Kilo aufspeckte, wirkt sie agil und recht leicht im Handling.
Das Einlenken erfordert vor allem beim Angasen eine gute Portion Nachdruck.
Ist die Richtung dann eingeschlagen, würde die Blade diese wahrscheinlich
bis zur absoluten Tankebbe einhalten. Sie ist richtungsstabil und überzeugt
auch weit über 200 km/h mit stoischem Gerade-
auslauf. Sicher ein Verdienst der Entwicklungsabteilung, die die Massen
soweit möglich um den Schwerpunkt platzierte.
Die Bremsen lassen keinen Zweifel an ihrer Wirksamkeit aufkommen. Radial
verschraubte Bremssättel mit Einzelbelägen und eine Radialpumpe
sind mittlerweile in dieser Klasse Standard geworden. Honda kreierte
eine klassische Zwei-Finger-Bremse mit eindeutigem Druckpunkt, präziser
Dosierbarkeit und fulminanter Wirkung. Auch im heißen Zustand
ist kaum ein Wirksamkeitsverlust zu spüren.
Eine
leichtgängige hydraulische Kupplung und die präzise zu schaltende
Getriebeeinheit unterstützen die Bediener-
freundlichkeit. Ebenso ein überraschend großer Lenkein-
schlag, der Wendemanöver auf einer Landstraße oder das Rangieren
absolut erleichtert.
Ich bewege mich durch das Gewirr meiner Hausstrecken und lasse die
CBR ab und zu richtig fliegen. Wir haben uns schnell angefreundet und
gehen an der Tanke einen trinken. Ich nehme nach gut 100 km einen kräftigen
Schluck aus meiner Wasserflasche, die CBR gut 8,5 Liter Super bleifrei
aus der Pistole. Viel, wie ich finde. Aber immerhin nährt sie so
172 arbeitende Pferde. Dennoch, andere in der Klasse tun das auch und
gehen mit dem apothekenteuren Brennstoff sparsamer um.
Wieder wandert mein Blick über die CBR. Mir gefällt die Verarbeitungsqualität,
die sich auf sehr hohem Niveau bewegt. Schließlich sind über
13000.- Euro zu bezahlen, wenn man diese Maschine zu seinem Eigen machen
möchte. Viel Geld, aber auch viel Gegenwert bei zu erwartendem
niedrigen Wertverlust.

Fazit:
Eine Fireblade bleibt nicht immer eine Fireblade. Sie wurde kompromissloser
und schielt nun mehr in die Sportecke der Klasse. Eine perfekte Fahrmaschine
mit genug Leistung und riesigen Reserven in Fahrwerk und Bremsen. Der
Lenkungsdämpfer hinterlässt ungebremsten Spaß für
Drehzahlorgien mit leichtem Vorderrad. So vereint die neue CBR 1000
RR Leistung, Schnelligkeit, Handlichkeit und Stabilität. Beste
Voraussetzungen für breites Grinsen und Spaß pur. 
Und noch ein paar Fotos . . . .



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