Fahrtest mit der
Honda VFR 800 ABS
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Als
im September 1985 die erste Maschine der VFR-Reihe vorgestellt wurde,
konnte kaum jemand ahnen, dass das Motorrad mit der Modellbezeichnung
RC 24 den Beginn einer endlos erscheinenden Erfolgsserie darstellen wird.
Schnell wurde das Kürzel "VFR" zum Synonym ergonomisch-sportlicher
Alltagstauglichkeit mit hohem Verarbeitungsqualitätsstandard. Zudem
war über die Jahre hinweg spürbar, dass die VFR für die
Honda-Konstrukteure anscheinend immer eine Herausforderung zum Verbauen
technischer Finessen war. Die aktuelle Variante der VFR läuft nun
seit Anfang 2002 unverändert und erfreut sich, wie sollte es anders
sein, großer Beliebtheit. Ein Test soll mit Augenmerk auf die neue
VTEC-Technologie zeigen, ob die neue VFR sich als würdig erweist,
in die Ahnengalerie der "Von-und-zu VFR" aufgenommen zu werden.
Vorab
einige Details zum VTEC-Motor. Damit bricht Honda die alte VFR-Tradition
des zahnradgetriebenen Ventiltriebs. Nun sind die zwei Nockenwellen
per Kette angetrieben. Die Ventilsteuerung geschieht über Tassenstößel.
Das VTEC-System bewirkt einen variablen Einsatz der vorhandenen vier
Ventile. Bis zu einer Drehzahl von 6800 Umin werden zwei Ventile (je
ein Ein- und ein Auslassventil) durch einen Gleitbolzen daran gehindert,
aktiv zu arbeiten. Der durch Feder- und Öldruck gesteuerte Gleitbolzen
wird ab 6800 Umin durch den steigenden Öldruck zur Seite geschoben,
so dass die passiven Ventile aktiviert werden. Aus dem Zwei-Ventiler
wird ein Vier-Ventiler.
Beim
Fahren macht sich der Einsatz durch abrupte Leistungssteigerung und
einer kernig-aggressiven Soundänderung bemerkbar. Bewegt sich die
VFR im Bereich bis knapp 7000 Umin eher zivil und alltagskonform, bricht
sie danach los wie wenn sie den Leibhaftigen im Genick hätte. Dieser
Leistungskick erinnert mich an alte Turbozeiten, aber auch an niedervolumige
Bikes, die dann bei 10000 Umin plötzlich gnadenlos heftig mit ihrer
Leistung einsetzen. Zwar ist bei der VFR der Leistungsunterschied deutlich
wahrnehmbar, jedoch nicht in der Vehemenz wie bei
Turbo & Co.
So wie die Art des Vortriebs ändert sich auch immer der Charakter
der Maschine. "Ach zwei Seelen pochen in meiner Brust.", könnte
die Eigenbeschreibung der VFR lauten.
Auf
einer Tour samt Sozia, Koffer und Gepäck nach Vorarlberg kann die
VFR ihrer Reisequalitäten unter Beweis stellen. Die Sitzposition
passt für Fahrer und Sozia. Sie freut sich über das angenehme
Sitzpolster und die Fußrastenposition, die aktives Mitfahren ermöglicht.
So kann sie sich bei Bremsmanövern gut mit den Beinen abstützen,
was uns in den Bergen und kehrenreichen Pässen zugute kommt.
Als Fahrer finde ich automatisch Griffe und Rasten. Sie sitzen so günstig,
dass man wie von selbst genau die erforderliche Fahrposition einnimmt.
Sie wirkt leicht sportlich, aber dennoch entspannt. Alles ist gut im
Griff und Blickfeld. Die umfangreiche und qualitativ hochwertige Instrumentierung
lässt keine Wünsche nach Information offen. Das Außenthermometer
allerdings scheint sich nicht immer an der realen Themperatur zu orientieren.
So zeigt es bei einer Fahrt spätabends in Bregenz gemütliche
17° C an. Als wir durch den 6,7 km langen Pfändertunnel fahren
und die Hitze darin schier unerträglich zu werden scheint, versucht
es uns mit den immer noch angezeigten 17° C mental zum Durchhalten
zu motivieren.
Auf der Fahrt rauf zur Bieler Höhe mit ihren über 30 Spitzkehren
wünsche ich mir die Laufkultur meiner alten RC 24. Unter 3000 Umin
ruckelt der V-Vier und zeigt sich mürrisch, so dass ich versuche,
ihn drüber zu halten. Genau das ist aber in den Spitzkehren nicht
immer möglich. Abhilfe schafft die schleifende Kupplung, was mir
persönlich aber auch nicht sonderlich gefällt. Da könnte
bei Honda noch so nach-
gebessert werden, dass das merklich unangenehme Ruckeln bis 3000 Umin
wegfällt bzw. die geringen Ausmaße meiner alten RC 24 bekommt.
Ebenso empfinde ich die Lastwechsel und die im unteren Drehzahlbereich
verzögerte Gasannahme speziell in den Pässen als lästig.
Es sind die Situationen, in denen ich vor einer Kehre vom Gas gehe und
beim Einlenken die Maschine mit leichtem Gas auf Zug halten möchte.
Manchmal setzt das Gas zu spät ein, manchmal zu derb, so dass es
mir immer wieder die Linie vermiest. Da muss in jedem Fall noch nachgebessert
werden.
Ansonsten ist die VFR problemlos zu fahren. Und da man sich mit ihr
ja nicht dauernd in alpinen Passpassagen bewegt, fallen die genannten
Macken auch nicht so stark ins Gewicht.
Auf
der Hausstrecke oder auf der normalen Tour zeigt sich die VFR von ihrer
Sonnenseite. Kaum spürbare Vibrationen bis 7000 Umin, danach dieses
aggressive Anziehen bis leicht an die 12000 Umin lassen mir die Wahl,
ob ich es gemütlich oder sportlich angehen möchte. Auf Tour
komme ich selten an den Drehzahlbereich heran, da es für zügige
Landstraßen-
geschwindigkeit immer reicht.
Bin ich alleine unterwegs und fliege über meine Hausstrecke, dann
ist diese 7000er Marke oft überschritten. Dann stimulieren Sound
und Anzug die Sinne. Bis ca. 11500 Umin dreht die VFR gierig nach oben.
Das Schalten hat maximalen Genussfaktor. Leicht, direkt und spielerisch
klickt man sich mit kurzen Schaltwegen durch die sechs Gänge, die
in ihrer Abstufung optimal zusammen passen. Bedingt durch das Motorenruckeln
bis 3000 Umin würde ich mir eine etwas kürzer übersetzte
erste Fahrstufe wünschen. Die traditionell hydraulisch betätigte
Kupplung trennt kalt perfekt und ist mit relativ geringem Handkraftaufwand
zu bedienen.
Eine Bereicherung ist das nun straffere und sportlicher ausgelegte
Fahrwerk. Die Dämpfung kann hinten in der Zugstufe eingestellt
werden, die Federvorspannung bei der ABS-Version
mit Handrad. Es ist auffällig, wie schon geringe Veränderungen
der Einstellung das gesamte Fahrverhalten ändern können. So
wirkt die VFR mit Koffern in der Werkseinstellung und mit den auf der
Pressemaschine (leider) verbauten Metzelerpneus (MeZ4) im Einlenken
etwas zäh. Die Verstellung auf max. Federhärte und maximale
Dämpfung bringt schnell positive Änderung, so dass ich die
Maschine agil und zügig bewegen kann ohne auch nur den Hauch einer
fahrwerksbedingten Unsicherheit zu spüren. Eine leichte Verbesserung
bringt eine Erhöhung der Feder-
vorspannung an der 43er Telegabel.
Ohne Koffer und Sozia wird das Handling spielerisch. Die VFR kippt
trotz 180er Hinterreifen wie von alleine in Kurven und Kombinationen.
Die lässt sich in jedem Tempo direkt und stabil auf Kurs halten.
Schräglagenfreiheit ist für den zügigen Alltagsgebrauch
genügend vorhanden. Die Angstnippel melden ersten Bodenkontakt,
der jedoch noch lange nicht das Ende bedeutet. So ist der Einsatz auf
der Rennstrecke für mich durchaus denkbar.
Ein
absolutes Plus der VFR ist die Bremsanlage in Verbindung mit dem ABS.
Das ist derzeit für mich das beste Konzept auf dem Markt.
Die bewährte CBS-Bremse lässt sich fein dosieren und ist in
ihrer Wirksamkeit über jeden Zweifel erhaben. Im sportlichen Einsatz
beginnt der Bremspunkt leicht zu wandern, das Ertasten des Druckpunktes
wird etwas teigig. Es bleibt jedoch alles in dem Bereich, der nie Unsicherheit
aufkommen lässt.
Das ABS regelt wahrlich mustergültig mit sehr kurzen, kaum spürbaren
Intervallen. Das ist derzeit eindeutig die Referenzklasse, an die z.B.
das ABS aus München nicht um Längen heranreicht. Das Sicherheitsgefühl
bei einer Bremsung auf Nässe, Sand oder auf losem Untergrund bleibt
immer erhalten.
Es ist schade, dass Honda sich die ABS-Option mit fetten 1000.- Euro
Aufschlag bezahlen lässt.
Ich kann es jedem nur empfehlen. Und das Weichei-Gerede beim Thema ABS
dürfte mittlerweile ja auch eher der Vergangenheit angehören.
Ein
weiteres Plus ist die Lichtanlage der VFR. Von Licht kann man da nicht
mehr reden. Die vier Einzelscheinwerfer machen die Nacht zum Tag. Schon
das Abblendlicht gehört zum Besten, was ich bisher auf zwei Rädern
geboten bekam. Das kann nur noch die Gold Wing besser. Eine breite,
sehr hell und gleichmäßig beleuchtete Fläche macht Nachtfahrten
einfach.
Das Aufblendlicht wird einfach hinzugeschaltet, so dass nochmals eine
weitleuchtende Lichtfläche hinzukommt. Das ist erste Sahne!
Etwas
Mecker habe ich über die Abführung der Wärme von Motor
und den unter dem Soziussitz verlegten Auspüffen.
Ich hatte das Pech, die Maschine an einigen heißen Tagen zu fahren
bzw. fahren zu müssen. So konnte ich die leidliche Erfahrung sammeln,
wie es ist, wenn in zähfließendem Verkehr bei Temperaturen
so um die 34° C im Schatten die Kühlerventilatoren zu laufen
beginnen und die Abwärme vorne durch die Verkleidung über
die Hände als auch seitlich in die Nähe der Beine blasen.
Zudem hatte ich rechts ein heißes Unterbein, da gleich neben der
Fußraste quasi ungeschützt die Auspuffrohre zu den Töpfen
verlegt sind. Die strahlten unheimlich Hitze ab.
Meine Sozia freute sich über eine äußerst wirksame Sitzheizung
als Nebenwirkung der Auspüffe.
Vielleicht lassen sich an der Verkleidung bei der Überarbeitung
der VFR noch Lösungen finden, die die Abwärme gezielter am
Fahrer vorbei leiten.
Fazit:
Die neue VFR ist eine echte VFR und würdig, in die Ahnengalerie
aufgenommen zu werden. Maximale Allroundeigenschaften gepaart mit einer
gehörigen Menge Sportlichkeit sind die Attribute, die eine VFR
schon immer ausmachten.
Über die neue Motorentechnik kann man streiten. Sie hat jedoch
ihre Reize, da man zwei unterschiedliche Charaktere in einer Maschine
vereinigt hat. Von handzahm bis bestienwild ist da alles drin.
Das Gesamtkonzept wirkt stimmig und lässt viele Einsatzmöglichkeiten
zu, was vor allem den neuen Federelementen zu verdanken ist. Sie sprechen
fein an und schlucken viel weg ohne instabil zu werden.
Das Thema "Sicherheit" stand bei Honda bei der Entwicklung
der VFR an hoher Stelle. So erwirbt man sich mit der VFR 800 ABS ein
Motorrad auf dem aktuellen Stand von Technik und Sicherheit im Zweiradbau
mit Ambitionen zur Referenzklasse. 
Technische
Daten:
Motor:
Wassergekühlter Vierzylinder V-Motor
4 Ventile/Zylinder
VTEC
782 ccm
Leistung: 80 kW/109 PS bei 10 500 U/min,
80 Nm bei 8750 U/min
Einspritzanlage ø 36 mm mit G-Kat und SLS
6 Gänge
Brückenrahmen aus Aluminium
Sitzhöhe 805 mm
Tankinhalt 22 Liter
Reifen vorn 120/70-17, hinten 180/55-17
Gewicht fahrfertig 244 (ABS-Version: 249 kg)
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h
Verbrauch 6,1 Liter Normal/100 km
Preis: 11.490 Euro (ohne ABS)
Preis: 12.240 Euro (mit ABS)
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Und
noch ein paar Bilder ...
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