Fahrbericht
Honda CBR 600 RR
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Eine Reduktionsdiät führt bekannterweise dann effektiv zum Erfolg,
wenn eine Umstellung der Ernährung mit viel Bewegung einhergeht.
Eine neue Variante strebten die Konstrukteure von Honda an. Sie erleichterten
ihren 600er Sportler um knapp sechs Kilogramm durch präzises Nachdenken
und einem überarbeiteten Gesamtkonzept, das der neuen CBR 600 RR
auch noch etwas mehr Schub brachte.
Ich hole meine Testmaschine in Weißenburg/Bayern bei der Fa.
bike4all ab, die mir die Maschine für den Test dankenswerterweise
zur Verfügung stellt. Sie kann dort, wie die gesamte Modellpalette
von Honda, besichtigt und Probe gefahren werden.
Sie
steht da in der Frühlingssonne und blinzelt mich aus ihrem Rotblau-Graumetallic-Kleid
an. Die Front wirkt nun noch mehr der Front der großen Schwester
ähnlich. Geändert hat man die kleinen Lufteinlässe unterhalt
der Scheinwerfer, der Sitz erhielt eine schmälere Form.
Technisch ging man jedoch wesentlich mehr zu Werke und impfte dem Motor
im mittleren Drehzahlbereich mehr Durchzug durch eine Verengung der
mittleren Abschnitte der Ansaugkanäle. Durch die optimierte Zylinderfüllung
konnte das erhöhte Drehmoment erreicht werden.
Die eigentliche Abspeckung erfolgte am Chassis. Das stelle ich mir
schwierig vor, da die Vorgängerin ja auch nicht gerade unter Übergewicht
litt. Man reduzierte die Wandstärke an den Profilen des Alu-Brückenrahmens,
sparte eine schwere Verschraubung an der Schwinge ein und vereinfachte
die Bauweise der Auspuffanlage.
Eine voll einstellbare 41er USD-Gabel ersetzt die konventionelle Telegabel
und soll mehr Stabilität ins Fahrwerk bringen. Und eine radial
verschraubte Vierkolbenbremsanlage sorgt für angemessene Verzögerung.
Soviel
zur Theorie. Die Praxis soll zumindest auf der Landstraße zeigen,
wie sich die neue kleine RR bewährt.
Schon im Stand surrt der Vierzylinder sauber vor sich hin. Ich habe
gleich das Bild eines Uhrwerkes vor mir, so schön sauber hört
sich das an. Das Instrumentarium bietet für einen Sportler viel
Informationen und sogar eine LCD-Tankuhr. Der Drehzahlmesser zeigt mir
analog an, wo ich mich in dem riesigen Drehzahlband zwischen 0 und 15000
U/min befinde. Rechts davon erhalte ich Input über Tempo, Uhrzeit
und diverse Kilometerstände. Das reicht. Mehr ist bei einer richtigen
Landstraßenhatz eh nicht abzulesen.
Die Sitzposition hat sich zur alten CBR 600 RR kaum verändert.
Klar vorderratorientiert, aber immer noch außerhalb eines medizinisch
bedenklichen Faltstadiums, kann ich mit meinem Waschbärbauch auf
ihr meine Position finden, in der ich mich wohl fühle. Und dann
geht es auch schon los.
Wer die Gegend um Weißenburg/Treuchtlingen kennt, weiß,
dass sich dort nette Strecken finden lassen, auf denen man auch einer
sportlichen Maschine auf den Zahn fühlen kann. Ich begebe mich
ins Kurvengebiet, tauche mit der RR ein und genieße, wie sie hart
am Gas hängend jeden Lenkimpuls sofort und klar mit Schräglage
beantwortet. Sie wirkt handlich, ohne zu kippeln.
Meine
Eingewöhnungszeit ist dank der guten Ergonomie sehr kurz. Und so
kann ich sie bereits nach einigen Kilometern mehr laufen lassen. Ich
treffe auf warmen Asphalt bei Lufttemperaturen von ca. 20° C. Ideal,
um eine wenig toben zu gehen. Ideal, um zum Saisonanfang mit einem adäquaten
Arbeitsgerät endlich wieder mal die Hausstrecken abfahren zu können.
Partiell vorhandener Splitt fordert erhöhte Aufmerksamkeit. Leichte
Rutscher sind mit der RR aufgrund ihrer Stabilität und des satten
Grips des Bridgestone BT 014 kurze Adrenalinauslöser, aber sonst
kein Problem.
Bei gesteigertem Tempo und satteren Schräglagen fängt die
kleine RR an zu zeigen, was sie kann. Obwohl am Brückenrahmen Material
gespart wurde, fühlt sie sich nicht einen Augenblick instabil an.
Sie tut genau das, was ich ihr vorgebe. Dabei begeistert mich die Führung
des Vorderrades. Mit der neuen USD ist es Honda gelungen, den Spagat
zwischen Alltagstauglichkeit und Sportlichkeit zu gehen. Sie nimmt viel
kleine Stöße von den Handgelenken weg und lässt mich
trotzdem nie im Unklaren über das Agieren des Vorderrades.
Das Feedback stimmt - zumindest auf der Landstraße. Auf der Rennstrecke
kann ich diesen Punkt leider nicht probieren, doch lässt das Erspürte
ahnen, dass es hier auch passen wird.
Hinten stelle ich die Zugstufe etwas härter, um ein zu schnelles
Ausfedern zu verhindern. Ein kleiner Dreh, und das Fahrwerk passt mir
wie eine Birkenstocksandale. Und es fängt an, mit der CBR so richtig
Spaß zu machen. Spürbar ist der Durchzugszuwachs ab 5000
U/min. Ab ca. 9000 U/min kommt dann das berühmte Feuer, jedoch
ohne Kick. Dazu ist die Leistungsentfaltung eher homogen ausgelegt.
Spielen andere Hersteller mit einem kleinen Leistungsloch, um dann den
10000er Leistungskick noch spürbarer zu machen, setzt man bei der
CBR 600 RR auf eine möglichst homogene Leistungsentfaltung. Hört
sich langweilig an, ist es aber durchaus nicht. Die neue RR hat nun
auf einem breiteren Drehzahlband verwertbare Leistung zur Verfügung
und kann ab 5000 U/min schon gehörig losstarten.
Irgendwann erliege ich dem Drehzahlbann und lasse die 600er drehen.
Auf kleinen winkeligen Sträßchen bin ich fast nur im 2. und
3. Gang unterwegs. Die Nadel des Drehzahlmessers beginnt freudig zu
wandern und hetzt manchmal schier atemlos hin und her zwischen 9000
und 15000 U/min. Der Sound - nein - das Singen des Kurzhubers wandelt
zwischen sattem Dröhnen bis hin zu Luft zerschneidendem Hochtonschreien.
Eine Arie der anderen Art. Durchaus belebend und harmonisch, aber dennoch
eine Herausforderung für alle Sinne. Schließlich geht es
nicht nur um die auditive Wahrnehmung. Schließlich setzen mit
Beginn des Gesangs Beschleunigungskräfte ein, die über 10000
U/min nur mit sattem Vorschub zu beschreiben sind.
Das
ist es, was den Zauber einer 600er ausmacht. Man kann, ohne gleich mörderisch
wie auf einem 1000er Supersportler unterwegs zu sein, den Motor drehen
und das Gefühl haben, man arbeitet, um Leistung zu bekommen. Und
die Leistung von 117 PS bei 13.000 U/min reicht immer aus, um die Maschine
auf Tacho 270 zu beschleunigen. Auf der Landstraße bekomme ich
nie das Gefühl, dass ich Gefahr laufe, dass mir beim Kurvenbeschleunigen
das Hinterrad wegschmiert aufgrund eines überraschend einsetzenden
Leistungsschubes.
Längst ist die Lauffläche des Hinterreifens bis an den Rand
hin genutzt. Ich fühle mich auf der CBR sicher und kann sie fliegen
lassen mit einem immer breiteren Grinsen im Helm. Nicht die Leistung,
sondern die Homogenität des Motorrades an sich lassen mich immer
mehr ausprobieren. Sie bleibt stets auf vorgegebener Linie, auch wenn
Asphaltschnitzereien sie davon abbringen wollen. Sie verzeiht Fahrfehler,
reagiert jedoch mit Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage.
Auch im Hochgeschwindigkeitsbereich kann ich mich auf die CBR verlassen.
Stoisch wie auf einer Straßenbahnschiene folgt sie der von mir
einprogrammierten Fahrlinie. Änderungen nimmt sie gerne an und
setzt diese gleich wieder mit hervorragender Stabilität um. An
dem Fahrwerk gibt es im Landstraßenbetrieb nichts zu mäkeln.
Es ist schon wirklich schwer, hier an Grenzen zu kommen. Die hängen
dann aber eher noch mit schwindendem Schräglagengrip des wirklich
ohne Fehler arbeitenden Reifens zusammen als mit dem Fahrwerk. Die Grenzen
setzt hier nun mal die Physik.
Eine
spürbare Aufwertung erfuhr die 600er RR durch die modifizierte
Bremsanlage. Wirkte bei der Vorgängerin der Druckpunkt etwas schwammig,
verwöhnt sie nun mit einem klaren und nicht mehr wandernden Druckpunkt.
Auch bei heiß gefahrenen Bremsen, auch wenn die Bremsscheiben
schon eine deutlich dunkle Färbung annehmen, bleibt der Druckpunkt
da, wo er immer ist.
Die Bremse glänzt durch die gesamte Spanbreite von der feinen Dosierbarkeit
bis hin zu stirnaderfüllenden Verzögerungen, die manchmal
das Hinterrad Höhenluft schnuppern lassen.
Fazit:
Die neue Honda CBR 600 RR schaut daneben gestellt genauso aus wie die
große Schwester. Und sie ist besser geworden als ihre eh schon
richtig gute Vorgängerin. Leichter, mit spürbar mehr Druck
im mittleren Drehzahlbereich, weiß sie mit erstklassigen Bremsen
und einer einer richtigen Sportlerin angemessenen Stabilität noch
immer zu faszinieren. Sie vereint mit eindeutiger Ausrichtung auf den
Sport die Kompromisslosigkeit eines Sportlers mit der Alltagstauglichkeit
eines sportlichen Tourers, was für 10.340.- € plus Nebenkosten
erstanden werden kann. Viel Spaß damit. 
Und noch ein paar Fotos ...




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