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Fahrtest
mit der Honda GL 1800 Gold Wing
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn, Rainer Stuis
Seit jeher sind mobile Menschen dazu bestrebt, weite Strecken so komfortabel
wie nur möglich zu überwinden. Und es verwundert kaum, dass
gerade die Amerikaner in ihrem weiten Land für ihre Touren dazu entsprechende
Fahrzeuge entwickelten, die diesem Anspruch gerecht werden. War bis Anfang
1980 die HD E-Glide der Inbegriff von komfortablem Touring auf zwei Rädern,
schickte Honda mit der vollverkleideten Gold Wing eine bisher äußerst
erfolgreiche Konkurenz auf den Markt. Auch bei uns fand diese Maschine
ihre Freunde. Die neueste Version wurde mir dankenswerterweise von der
Firma bike4all GmbH in Weißenburg für einen Fahrtest zur Verfügung
gestellt.
Ich
gehörte bis letztes Jahr auch zu den Verachtern dieser rollenden
Wohnzimmer, dieser "2-Zimmer-Küche-Bad"-Monster mit zwei
Rädern zu wenig, da man statt dessen ja gleich mit dem Auto fahren
könnte. Stimmt - könnte man, muss man aber nicht, aber man kann
ja auch mal eine Fahrt auf dem dicken Schiff riskieren, um dann wirklich
mitreden zu können.
Die Ausmaße der Gold Wing sind schon enorm und respekteinflößend.
Zuerst denkt man an die 393 kg Leergewicht und überlegt sich gleich,
wie man es wohl anstellt, das Bike wieder auf zwei Räder zu stellen,
wenn sie einem mal umkippt. Ist echt komisch, aber da denken die meisten
wirklich dran, wenn man über die Gold Wing spricht. Dann kommen
die Sprüche davon, dass man sich ja gleich fahren lassen kann,
denn bei soviel Komfort ist aktives Biken doch gar nicht mehr möglich.
Ich kann hier nur versichern, dass dies ein Irrglaube ist. Das heißt
nicht, dass ich nun von meinen touren-vorallem-sportlichen Ambitionen
abrücken werde. Nein, hier geht es einfach um eine ganz andere
Art, Motorrad zu fahren, aktiv - versteht sich!
Ich
nehme vorsichtig in dem Fahrersessel Platz und bringe die Maschine in
die Gerade. Bei solchen Aktionen ist das Gewicht zu spüren, doch
da gewöhne ich mich sehr schnell dran. Sogar mit einem Sozius meiner
Gewichtsklasse ist das alles überhaupt kein Problem. Will man rangieren,
hilft der über einen Knopf zuschaltbare und dann per Anlasserknopf
steuerbare Rückwärtsgang. Und den nutze ich öfter als ich
es vorher annehmen wollte, denn die GW rückwärts zu schieben
ist ein echter Kraft- und Balanceakt.
Der Motor springt ultraschnell an und surrt vor sich hin. Sechs Boxerzylinder
kreieren ihren ganz eigenen Sound - eine Mischnung aus BMW-Sechszylinder
und Corvette-Brummeln. Die Schaltung ist leichtgängig und präzise,
die Sitzposition erwartungsgemäß wie auf einem Thron. Man
fühlt sich auch irgendwie erhaben auf der Wing. Und man ist der
unumschränkte Herrscher der 1000 Knöpfe.
Ja,
da muss ich mir erst mal eine umfangreiche Einweisung geben lassen, denn
in der Wing ist fast alles elektrisch bzw. elektronisch gesteuert. Leider
hat man dies bei der Windschutzscheibenverstellung vergessen, denn die
hätte ich mir ähnlich wie bei der BMW K 1200 LT schon elektrisch
gewünscht. Bei der Gold Wing geschieht die Verstellung noch per Handarbeit.
Man muss erst die Klemmmechanismen öffnen und kann dann die Scheibe
etwas hakelig in die gewünschte Position bringen.
Aber sonst hat man nichts vergessen. So ist die gesamte Radio-Funk-Steuerung
vor einem auf dem vermeintlichen Tank plaziert. Und was man da alles einstellen
kann. Nicht umsonst ist das Fahrerhandbuch ein Wälzer, der fast an
einen Brockhaus für unterwegs erinnert. Vor den Sound-Bedienknöpfen
ist der zentrale Monitor plaziert, wo alle Einstellungen abgelesen werden
können. Eine gute Möglichkeit, mit der Gold Wing auch bei
schlechtem Wetter in der Garage kurzweiligen Zeitvertreib zu finden, denn
es gibt an der Maschine fast nichts, was nicht eingestellt werden kann.
Die für das eigentliche Fahren wichtigen Elemente sind griffnah
angeordnet. Zusätzlich zu den "normalen" Bedienelementen
findet man links Knöpfe für die Soundsteuerung, rechts die
für den Tempomat oder dem Rückwärtsgang. Letzteres ist
so wirklich ergonomisch plaziert, denn so ist die Umschaltung beim Rangieren
sehr einfach vorzunehmen.
Aber nun raus auf die Piste. Der Sechs-Zylinder summt los und beginnt
ab dem Standgas so richtig massiv eine Drehmomentarie anzustimmen. Das
bedeutet, dass ich gleich in den fünften Gang gehe und das Gleiten
probiere. Das ist S-Klassen-Feeling auf zwei Rädern. Keine Vibrationen,
kaum Windgeräusche geschweige den Fahrtwind von vorne. Der drückt
von hinten und bildet bei höherem Tempo ein richtiges Luftpolster
an Helm und Rücken.
Ich habe kurz das Gefühl, dahinzuschweben bis zu den ersten richtigen
Fahrbahnunebenheiten. Da plötzlich merke ich wieder, dass ich
Motorrad fahre. Die für meine Begriffe etwas unterdämpften Federelemente
lassen die Wing vor allem hinten immer wieder aufschaukeln, nicht besonders
störend, aber gleiten ist das dann nicht mehr. Ich halte an und erhöhe
per Knopfdruck die Federvorspannung. Weiter geht's. Diesmal etwas härter
gefedert, dafür über nicht mehr so auf und ab schaukelnd wie
vorher. Nach ein paar Tagen Wingen stellt sich heraus, dass die richtige
Federvorspannung (hier geht es wirklich um Nuancen) mehr Stabilität,
jedoch nicht mehr Komfort bringt. Die Unterdämpfung ist anscheinend
der Preis für den Komfort. Der jedoch geht voll in Ordnung. Und darum
geht es schließlich beim Wingen.
Ein
passendes Adjektiv für die Wing wäre auch "riesig".
Da wirkt wirklich alles riesig. Die Instrumente sind groß und sehr
klar abzulesen. Alle Knöpfe könnten auch mit drei Promille und
Lammfellfäustlingen sicher bedient werden. Die Rückspiegel zeigen
wahre Panoramen an. Die Kofferräume sind mehr als großzügig
bemessen. Die Ausmaße des gesamten Motorrades erreichen fast die
der Golf-Klasse. Und trotzdem lässt sich diese Maschine ultrahandlich,
ja schon fast spielerisch bewegen. Ist sie erst mal am Rollen, fällt
sie fast von selbst in die Kurven hinein. Das hätte ich wirklich
nicht gedacht. Ist doch eine K 1200 LT schon für ihre Masse recht
handlich, setzt die Gold Wing in dieser Klasse der Bikes über 350
kg Leergewicht sicher für die Zukunft die Maßstäbe in
Sachen Handlichkeit. Da gibt es leichtere und kleiner Bikes, die wesentlich
mehr Arbeit und Krafteinsatz verlangen als eine Wing, um ums Eck zu sWingen.
Und dann aus der Kurve heraus einfach die Gasrolle etwas drehen, und
die Fuhre wird durch den 1800er Motor satt herausbeschleunigt. Bei 4000
Umin liegen dann 167 Nm an, die einen bei Bedarf ganz schön heftig
ins Sitzkissen drücken. Dabei zieht sie sich ca. 7 - 8 Liter Normalbenzin
aus dem 25 Liter fassenden Tank, der unter der Sitzbank seinen Platz
bekam.
Und
hier beginnt das, was das Wing-Fahren aktiv werden lässt. Einfach
mal fliegen lassen diese knappe halbe Tonne inklusive Fahrer und Gepäck.
Ich glaub's kaum, aber ich bin auf kleinen Landsträßchen, die
ich mit meiner alten GS schon förmlich durchflog, mit der Wing fast
genausoschnell unterwegs. Man muss früher einlenken, dann klappt
es leicht mit der flotten Linie. Und wenn die Raster aufschleifen, ist
es noch nicht zu Ende. Die klappen recht weit ein, so dass insgesamt ein
recht hohes Maß an Schräglagenfreiheit zur Verfügung steht.
Das beginnt, richtig Spaß zu machen. Auf einer Geraden schalte ich
das Radio ein und bin verwundert, dass die kleinen Lautsprecher bis gut
150 km/h genug Leistung bringen, dass ich noch mit halb geschlossenen
Visier gut verständlich Musik hören kann. Und das ist es dann
schließlich. Das ist das von vielen geächtete Wingen. Biken
im Sessel mit Radio. Die Windschutzscheibe hält soviel Wind ab, dass
es dahinter sehr wenig Windgeräusche gibt. Der Motor bleibt seidig
und leise, so dass der Musiksound auch bei flotter Fahrt hörbar bleibt.
Und was soll ich sagen - das macht mir auch noch Spaß, vor allem,
weil ich immer mehr spüre, dass diese Maschine sogar mit meiner eher
hurtigen Fahrweise zurechtkommt.
Die
Bremsen, serienmäßig mit CBS und ABS, verrichten ihre Arbeit
meisterlich und vertrauenserweckend. Schließlich muss auch immer
eine halbe Tonne verzögert werden. Aber da brauche ich gar nicht
weiter drauf eingehen. Das passt einfach super.
Auch meine Sozia findet diese Art der zweirädrigen Fortbewegung
plötzlich klasse. Sie hat hinten noch mehr Komfort. Da sind Armlehnen
und richtige Trittbretter. Zu allem Überfluss montierte man bei
Honda noch Haltegriffe für beide Arme. Und das beste sei die Rückenlehne.
Da könne sie wie selten zuvor die vorbeifliegende Landschaft total
entspannt und relativ wettergeschützt genießen. Dazu finde
sie unter den Armlehnen für die kleinen Handtascheninnereien genug
Ablage- und Verstaumöglichkeit wie übrigens auch in der vorderen
Verkleidung, wo sich sogar noch ein abschließbares Fach befindet.
Ein
Wort zur Verarbeitung: Trotz vielem Plastik wirkt die Gold Wing sehr sauber
verarbeitet. Elemente wie der massive Leichtmetall-Kastenprofilrahmen
oder die Schwinge machen einen äußerst vertrauenerweckenden
Eindruck.
Die Maschine ist mit zwei G-Kats ausgestattet. Die Ventile müssen
erst nach 48000 km kontrolliert werden. Sicher ein Verdienst der Tassenstößel,
die als sehr wartungsarm gelten.
Serienmäßige Sturzbügel verhindern größere
Schäden an Motor und Verkleidung bei einem Umfaller. Die Wegfahrsperre
lässt den Sechszylinder ruhen, bis er vom richtig codierten Schlüssel
in Gang gesetzt wird.
Fazit:
Die Gold Wing 1800 ist sicher die derzeitige Spitze der Evolution bei
Komforttourern. Die vereint umfangreichste Ausstattung mit entspannendem
Komfort bei der Möglichkeit, die 118 PS des technisch ausgereiften
Boxers auch für eine richtig flotte Fahrt zu nutzen. Der Wind-
und Wetterschutz lässt einen weitgehend im Trockenen. Leider hat
man bei der Serienausstattung auf Heizgriffe und eine dem Kaufpreis
von gut 24000.- Euro angemessenen elektrischen Scheibenverstellung verzichtet.
Dafür bekam die Gold Wing vorne wie hinten wahre Flutlichter für
die Nacht. Und das Handling kann bei diesen bewegten Massen kaum besser
sein.
Mehr Details würden diesen Rahmen hier sprengen. Wer mehr wissen
möchte, sollte sich einen Nachmittag Zeit nehmen und sich beim Gold
Wing Händler dieses Motorrad erklären und für eine Probefahrt
geben lassen. Das Fahrerlebnis ist durchaus eine Erfahrung wert. 
Und noch ein paar Bilder von der Gold Wing . . .




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