Fahrbericht zur neuen Honda CBR
Fireblade RR
(Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Tango-Turtle)
Wer
als Biker mit wachen Augen durch die Lande fährt, entdeckt möglicherweise
ein Phänomen, das mehr oder weniger bisher dem VW Käfer
zugeordnet wurde. Man kann innerhalb kurzer Zeit Mitgliedern einer
Familie aus sechs Generationen begegnen. So wie der Käfer immer
weiter verbessert und modifiziert wurde, bekam die Honda CBR Fireblade
RR nun zum sechsten Mal eine intensive Modellpflege, die weit mehr
als ein Facelifting beinhaltete.
Der Fireblade-Projektleiter Tadao Baba schrieb sich auch diesmal wieder
ein Maximum an Fahrfreude auf die Fahne. Dieser Fahrbericht soll der
neuesten Baba-Kreation auf den Zahn fühlen.
Es ist heiß, als ich in Offenbach
bei Honda Deutschland ankomme. Einer der heißen Tage Ende Juni,
wo man die protektorenbewehrte Lederhose gerne gegen das badewettertaugliche
Beinkleid tauschen würde, hätte man nicht gewisse Pflichten
zu erfüllen. Die 2002er Fireblade wartet auf mich, um mir für
zwei Wochen ihr Feuer zu zeigen.
Ich komme mit meiner Sozia, die durch Presseberichte auch schon auf
die Fireblade neugierig geworden ist und nun den Soziussitz auf der
Rückfahrt testen möchte.
Nach
der Übergabe verräume ich meine BMW und steige auf die Honda
auf. Mir fällt gleich auf, dass die durch einen um zehn Millimeter
verkürzten Tank stärker vorderradorientierte Sitzposition
deutlich sportlicher wirkt. Der Kniewinkel ist gut auszuhalten für
einen Tourenfahrer wie mich. Das passt und lässt sicherlich längere
Strecken ohne spitze Knie zu.
Ein Druck auf den Startknopf. Die Blade läuft automatisch im
Kaltstartmodus mit erhöhter Drehzahl sauber und rund. Sie schnurrt
richtig. Die Gasannahme beim kleinen Gasspiel vorm Losfahren lässt
vermuten, dass sie satt am Gas hängen wird und sehr spontan auf
jede Bewegung der Gasrolle reagiert.
Meine Sozia nimmt hinten Platz. Sie sitzt stark nach
vorn
orientiert. Für sie geht der Kniewinkel einigermaßen in
Ordnung. Also ist gesichert, dass auch sie ohne jammern zu müssen
ihrenSpaß haben kann.
Raus auf die Frankfurter Autobahn
Richtung Stockstadt. Endlich ist die 120 Kaemha-Begrenzung aufgehoben.
Im sechsten Gang ziehe ich den Hahn auf. Die Blade antwortet unvermittelt
und setzt zum Spurt nach vorne an. Mir fällt auf, dass im Vergleich
zur "alten" Blade der Anzug wesentlich kräftiger ausfällt,
was sicher auf den auf 954 ccm angewachsenen Hubraum zurückzuführen
ist. Ohne Leistungsloch wächst der Durchzug linear an und gebietet
meine Sozia, sich ordentlich fest zu halten.

Ich merke, wie ich unter dem Helm mein Grinsen nicht mehr aus dem
Gesicht bekomme. Ich spüre, wie sich bei dieser Kraftentfaltung
richtige Lustgefühle aufbauen, und ich die Blade weiter ausreizen
mag. Leider wird die Fahrt zu einer Stopp-and-Go-Veranstaltung, wobei
die Stoppphasen sich so um die 150 km/h, die Go-Phasen um die 240
km/h bewegen.
Dann, als wir mit ca. 200 km/h auf der linken Spur vor uns "hindümpeln"
(muss ich so schreiben, da die wahre Geschwindigkeit mit der Fireblade
in dem Ausmaß subjektiv kaum spürbar ist), sehe ich im
Rückspiegel einen 3er BMW mit Alpinazeichen im Grill. Genau erkennbar,
da er mit seinem Kühler eigentlich schon neben den Stiefeln von
meiner Sozia ist. Drei kurze Klicks mit dem Schalthebel nach unten
und ein beherzter Dreh am Gasgriff stellt den ordnungsgemäßen
Sicherheitsabstand binnen Sekunden wieder her. Die Blade rennt los
wie vom Teufel gehetzt. Über 9000 Umin ist bis zum Begrenzer
wirklich die Hölle los. Meine Sozia zieht ihren Griff fester
und enger, um nicht verloren zu gehen - und jubilierte aus ihrem Helm,
sichtlich von echter Beschleunigungsfreude ergriffen.
Wie
kommt das, dass die neue Blade wie vom Leibhaftigen gebissen losspurten
kann?
Zuerst schafft sie das dadurch, dass nun alle 150 Pferde versammelt
wie wild nach Auslauf drängen. Ein weiterer Spurtfaktor sind
die 168 kg Trockengewicht. Vollgetankt und fahrfertig bringt die Blade
damit zwei Kilo weniger auf die Waage als eine Suzi GSX-R 1000.
Die Einspritzanlage erfuhr eine Überarbeitung. Sie reagiert sehr
spontan und ist fein ansprechbar. Nur unter 3000 Umin hat die Blade
keine Lust zu arbeiten. Erreicht die Drehzahlnadel die 3000er Marke,
zuckt sie plötzlich nach vorne und geht dann schnurstracks ihrem
Drehzahlzenit entgegen. Dabei sind gute 104 Nm bei 9500 Umin erreicht.

Im Cockpit erwartet den Bladerunner eine für heutige Zeit normale
Instrumentierung. Der Drehzahlmesser sitzt mittig. Links davon informiert
ein übersichtliches LCD-Display über die zum Biken wichtigen
Daten. Nur die Tankanzeige fehlt. Da informiert das Reservelämpchen
darüber, dass demnächst eine Zapfsäule anzusteuern
ist. Normalbenzin reicht der Honda dabei vollkommen aus. Das find'
ich klasse, da es zeigt, dass für wirklich satte Motorleistungen
nicht mehr unbedingt Super getankt werden müssen. Je nach Fahrweise
sind jedoch mit 6,5 bis zu 10 Litern auf 100 km zu rechnen.
Die
Blade leitet ihre Abgase durch einen geregelten Kat. Schade, dass
der Endtopf aus Titan so bullig ausfallen musste. Der passt sich leider
der ansonsten schlanken Linie der Fireblade gar nicht an und steht
seitlich neben dem Motorrad, als ob man zum Ofenrohrtransport unterwegs
ist.
Zurück auf die Straße.
Endlich nun Landstraße. Immer noch zu zweit auf dem Heimweg
ins Ries durchfahren wir kleine und kurvige Odenwaldstrecken, wedeln
über die gewundenen Jagsttalpisten, um dann schließlich
am Abend in Nördlingen gut gelaunt abzusteigen.
Selbst zu zweit ist die neue Fireblade äußerst handlich
zu bewegen. Ihr Fahrwerk schluckt, selbst in Schräglage, feine
Unebenheiten weg und lässt die Fuhre dennoch nicht instabil wirken.
Im Gegenteil. Die Blade behält ihre vorgegebene Linie sauber
und wie von Schienen geleitet. 
Sicher auch mit ein Verdienst der extra für die Fireblade entwickelten
Bridgestone BT 012 - Bereifung. Leider sind sie etwas längslinienempfindlich
und neigen zu Aufstellmoment beim Anbremsen in Schräglage. Andererseits
vermitteln sie durch ihre Eigendämpfung einen Hauch von Komfort.
Die Haftung ist bis in den Randbereich exzellent durch eine weiche
Gummimischung, der Verschleiß jedoch leider recht hoch, wie
ich finde. Unter den Testbedingungen hielt der erste Hinterreifen
gerade mal 1300 km. Aber das ist sicher der Preis für diesen
wirklich Superreifen.
Auf meiner Hausstrecke ist dann die
Stunde der Wahrheit angesagt. Über wellige Sträßlein
ziehe ich die Blade im zweiten und dritten Gang kurz bis an den roten
Bereich. Das Vorderrad wird leicht - und da ist er schon, von dem
alle schreiben und berichten, über den diskutiert wird, der manchmal
Kaufentscheidungen mit beeinflusst: der Kickback. Der Lenker schlägt
heftig aus, beruhigt sich jedoch gleich wieder, als ich kurz vom Gas
gehe.
Ich denke, dass man bei Honda diese Diskussion sicherlich schnell
beenden kann, wenn man serienmäßig einen Lenkungsdämpfer
installiert. Warum soll eine Maschine, die eigentlich in sich perfekt
ist, mit einem solchen Makel behaftet sein?
Ich muss jedoch hinzufügen, dass dieser Kickback nur dann auftritt,
wenn man die Blade richtig ans Gas nimmt und schon rennstreckenmäßig
unterwegs ist. Ich konnte mich daran gewöhnen und schaffte den
Rest der Zeit mit der Blade sehr zügig unterwegs zu sein ohne
nennenswerte Kickbackeinlagen.
Ein
Traum ist die Bremsanlage. Die Vierkolbenanlage mit 330er Scheiben
vorne lassen feine Dosierungen genauso zu wie ankermäßige
Vollbremsungen. Alles mit zwei Fingern. Das macht eine Heidenspaß,
die Blade so richtig durch kurvige Landstraßen zu treiben. Ein
Gefühl von Sicherheit, das frei macht, um den Fahrspaß
auf der ganzen Linie zu genießen.
Ein paar Worte zu den Veränderungen
beim neuen Fireblade-Modell:
Die Hubraumvergrößerung erreichte man durch die Vergrößerung
der Bohrung um einen Millimeter. Die geänderte Kurbelwelle bewegt
sich in einem ebenfalls modifizierten Motorgehäuse.
Für ausreichend Brennraumfüllung sorgen die um zwei Millimeter
auf 42 mm gewachsenen Drosselklappen mit einer optimierten Steuerelektronik.
Man verbaute einen leistungsfähigeren Prozessor. Vergrößerte
Speicherkapazität in Verbindung mit modifizierten Kennfeldern
für Zündung und Einspritzung verantworten direktere Gasgriffreaktionen.
Die Auspuffanlage besteht komplett aus Titan, was die Blade um glatte
drei Kilogramm erleichterte.
Das Heck kann durch eine geänderte Stoßdämpferaufnahme
in der Höhe verstellt werden. Die Schwinge, eine Variante der
NSR-Werksmaschinen, liefert bei geringem Gewicht hohe Stabilität,
leichtere Felgen nochmals Gewichtseinsparung.
Eindeutig
erkennbar und spürbar sind die Änderungen, die motorseitig
vorgenommen wurden. Die neue Blade kann, wie schon mehrere Vergleichstest
in der Supersportklasse zeigten, ihren Platz gegen die Konkurenz halten
mit der Option auf sehr gute Alltagstauglichkeit, sauberem Handling
und echten Rennstreckenqualitäten. Die Kickbackreaktionen muss
man selbst durch den Anbau eines Lenkungsdämpfers eliminieren.
Bleibt zu hoffen, dass Honda umdenkt und dieses nützliche Teil
in Zukunft zur Serienausstattung einer Fireblade zählen lässt.
Fazit:
Die neue Fireblade ist nicht
nur durch optische Veränderungen besser geworden, sondern vor
allem durch technische. Sie stellt unter den Supersportlern in jedem
Fall die alltagstaugliche Variante dar, obwohl ihre Fahrwerte von
denen der Konkurenz nicht weit abweichen. Vorbildliches Handling,
erstklassige Fahrstabilität und ein Motor, der über jeden
Zweifel erhaben ist, bringen Fahrspaß in jede Fahrsituation.
Lediglich der Kickback bleibt zu beklagen. Zudem sollte man aufgrund
der direkten und sehr spontanen Gasannahme auf nasser Straße
Vorsicht walten lassen. Nicht selten bringt man quasi "unabsichtlich"
das Hinterrad zum Durchdrehen.
Wer also 12.590 Euro + Nebenkosten in ein Fungerät erster Güteklasse
in vorzüglicher Verarbeitungsqualität investieren möchte,
sollte die neue Fireblade in jedem Fall mit in die engere Auswahl
nehmen. 