|
Fahrbericht
Yamaha FZS 600 Fazer
Ob
Kirk dies so wollte, sei dahin gestellt. Wenn nicht, dann
hatte er sich in jedem Fall ein irdisches Vergnügen vorenthalten.
Die Yamaha FZS 600 bzw. FZS 600 S Fazer (das S
steht für die aufwendigere Zweifarbenlackierung) ist für
das neue Jahrtausend weiterentwickelt worden. Keine kosmischen
Veränderungen, sondern eher Details sollen die Fazer milleniumstauglich
machen.
Als Eigner großer Reisemaschinen war ich gleich doppelt
gespannt auf das Fahrzeug, das mir von der Fa. Scheiterlein
in Satteldorf-Bronnholzheim zur Verfügung gestellt wurde.
Die Motorradpresse hatte ja schon genug getestet und verglichen.
Alle waren sich darin einig, dass die 600er in jeder Beziehung
als Alltagsmotorrad, aber auch als Sportler durchgehen
kann. So legte ich ein besonderes Augenmerk auf die Sitzposition
und die Lenkerhaltung. Ich kann gleich vorweg sagen, dass
ich mich auf der Fazer wohl fühlte. Die nun besser gepolsterte
und breitere Sitzbank hält einer längeren Tour sicherlich
stand, ohne dem Hinterteil des Fahrers nach einiger Zeit
die harte Schale spüren zu lassen. Zudem war der Kniewinkel
für meine 1,82 m Körpergröße angenehm. Freude auch über
die kaum belasteten Handgelenke. Die Schalter und Hebel
sind Standard, der Bremshebel jedoch einstellbar. Positiv
auch der Warnblinker, den ich mir am Ende eines der zahllosen
Staus oft gerne schon wünschte.
Schade nur, dass mir die Spiegel mehr von meinen Armen
und Schultern zeigten als vom rückwärtigen Geschehen.
Jetzt kam die Frage auf, wie es denn mit dem Soziusplatz
aussah. Der war ja bei den alten Modellen
immer wegen der hohen Soziusrasten der Kritikpunkt, der
Fazerfahrer zu Solofahrern bzw. die Sozias zu yogaähnlichen
Sitzhaltungen verdammte.
Die Yamahaingenieure setzten den Auspuff etwas tiefer,
wodurch auch die Rasten 3,5 cm tiefer montiert werden
konnten. Nun klappts auch mit der Nachbarin, die
auch gerne etwas größer sein darf. Meine Sozia konnte
mit ihren knapp 1,75 m Lebensgröße angenehm und relativ
bequem die Fahrt auf der Autobahn bei guten 180 km/h oder
im auf welligen Sträßchen im Jagsttal genießen.
Apropos Autobahn: man mag es nicht glauben, aber diese
kleine Verkleidung sieht nicht nur gut aus, sondern schützt
auch noch wirksam vor Fahrtwind. Brust und Hals waren
praktisch druckfrei. Bei höheren Geschwindigkeiten brauchte
ich meinen Kopf nur etwas einziehen, so dass die Scheibe
den Winddruck weitgehend vom Helm ableitete. Die Windgeräusche
bleiben in gut verträglichem Maß.
Das
andere Augenmerk galt dem Fahrwerk. Auch hier verspricht
Yamaha Alltagstauglichkeit mit sportlichem Charakter.
Stimmt, kann ich kurz und knapp sagen. Die Fazer ist so
handlich, dass ich keine Eingewöhnungszeit brauchte. Draufsetzen
und los. Nicht nachdenken, sondern Gas geben und rein
in die Kurven. Die Fazer bleibt starr und stur in der
gewählten Linie. Bodenunebenheiten, Frostlöcher und Wellen
schluckt sie weg, ohne schwammig zu wirken. Wer es härter
mag, kann an der Gabel die Federvorspannung erhöhen.
Tourentauglicher Fahrkomfort kann der Fazer wahrlich nicht
abgesprochen werden. Ihrem Namen macht sie hier auf jeden
Fall keine Ehre. Glücklicherweise, wie ich finde. Es gibt
beim Motorradfahren schon genug, was einen durcheinanderbringen
kann. Nein, die Fazer bewirkt eher das Gegenteil, soweit
man die gesetzlich vorgeschriebene Gangart wählt.
Wer jedoch vorhat, mit der Fazer mal so richtig zu feilen,
wird von ihr sicher nicht enttäuscht werden. Auch in heftigen
Schräglagen, auch mit Sozia auf avantgardistischer Straßenflickkunst,
behielt sie die von mir vorgegebene Linie sauber ein,
ohne in kreative Schaukelbewegungen oder Hüpfaktionen
überzugehen. Ich musste nur den Motor auf Drehzahl halten,
wie es die 600er Viertöpfe verlangen. Eine Leichtigkeit
mit diesem gut abgestuften und präzise zu schaltenden
6-Gang-Getriebe. Zudem eine mechanisch betätigte Kupplung,
die die Unterarmmuskeln zu schonen weiß.
Die Fazer zog sauber und ohne Loch praktisch ab guten
5500 Umin in jeden Drehzahlbereich durch. Ab 9500 Umin,
genau der Bereich, an dem das max. Drehmoment anliegt,
ging es dann ordentlich zur Sache. Der Motor läuft seidig,
verursacht aber bei 130 km/h im 6. Gang leichte Lenkervibrationen,
die sensible Spezies bei langer Tour stören könnten.
Der Sound und die Drehfreude des Aggregats motivieren,
höhere Drehzahlregionen zu erklimmen und sich in ihnen
aufzuhalten, um die Fazer entsprechend zügig zu bewegen.
Kein Problem, denn passend zum sportiven Vortrieb spendierte
Yamaha der Unruhestifterin Bremsen erster Güte. Mit den
Bremssätteln der R 1 und den 298er Scheiben vorne nimmt
man im Alltagsbetrieb am besten nur 2 Finger zur Verzögerung,
die wirklich brachial sein kann. Ich hatte bei einigen
satten Einbremsaktionen das Gefühl, dass das Hinterrad
an Bodenkontakt verliert.
Beide Bremsen sind vorzüglich dosierbar und klar im Druckpunkt.
So mag ichs. Das gibt Sicherheit.
Die Ausstattung der Fazer ist
reich. Im Tacho befindet sich eine LCD-Anzeige, die wahlweise
die Uhrzeit, Gesamtkilometer und 2fach Tageskilometer
preisgibt. In der Tankanzeige wird zu Beginn der Reservemenge
eine Warnlampe geschaltet. Dazu zählt im Kombiinstrument
ein Kilometerzähler extra die 3,5-Liter-Reservespritstrecke
an. Eine nützliche Einrichtung, wie ich finde.
Für die Kleinigkeiten unterwegs findet man unter der Sitzbank
ein 9 Liter großes Staufach. Unter der Sitzbank ist die
Haltevorrichtung für das Yamaha-Bügelschloss.
Auch wenn ich eher auf Großvolumiges stehe, konnte mich
die Fazer vor allem in ihrer Alltags- und Tourentauglichkeit
überzeugen. Das Konzept der Maschine wirkt durchdacht
und für jedermann(-frau) tauglich.
Überzeugend empfand ich auch die gute Verarbeitung des
Bikes. Eine gute Mischung aus High Tech und solider Handwerksarbeit.
Stand:
12.04.2001
|