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Nicht
nur Kennern der Motorradszene dürfte hinlänglich bekannt sein,
dass italienische Motorradkonstukteure in ihren Bikes ihre Leidenschaft
und Impulsivität mit verbauen. Ducatis sind schon immer für
ihre Individualität in Technik und Design anderen Herstellern
Modell gestanden.
In der Ducati ST4 als Mitglied der großvolumigen Tourensportler
lebt diese Tradition in wunderbarer Unauffälligkeit weiter.
Über
Geschmack lässt sich bekannterweise streiten. Puristische Ducatisti
lehnen die für ihre Maßstäbe dicke, zu runde und zu sanfte Duc
ab. Andere wissen gar nicht, dass die ST 4 sich von den reinen
Sportlern durch eindeutige Tourermerkmale abhebt. Bis vor kurzem
gehörte sogar ein Koffersystem zur Serienausstattung.
Um der Ducati ST 4 auf den Zahn zu fühlen, bekam ich dankenswerterweise
ein Exemplar von Andreas Schilling in Wilburgstetten zur Verfügung
gestellt.
Knallgelb stand sie im Laden. Die Farbe ist nur der ST 4 vorbehalten.
Die kleinere Schwester ST 2 muss auf diese auffällige
Farbe verzichten. Beim Gang um die Maschine entdeckte ich kleine,
aber sinnvolle Details (Steckdose, klappbarer Hilfsgriff zum
Aufbocken, Haltegriff am Bürzel, Hauptständer; Kryptonite-Schloss),
die das Bikerleben in vielen Situationen erleichtern. Klasse
durchdacht empfand ich die Spiegel mit Extraflächen in den Außenspitzen,
um den toten Winkel besser zu überblicken, was wunderbar funktionierte.
Sie ersetzen zwar nicht den Blick über die Schulter, doch tragen
sie nochmals zur Sicherheit bei.
Der aus der 916er bekannte Vierventiler lief gleich nach dem
Druck auf den E-Starter rund. Der Choke konnte nach einigen
Momenten herausgenommen werden. Klassisch und bekannt der sonore
und weltweit patentierte Duc-Sound. Animierend, Stoff zu geben
und das Ding schreien zu lassen. Klassisch auch die hohe Handkraft,
die einem die etwas rupfende Kupplung auch dieser Duc abverlangt.
Man muss halt hinpacken, wenn man eine Ducati fahren will.
Etwas gewöhnungsbedürftig für mich war das Handling. Ich musste
mich erst an die recht vorgebeugte Sitzposition gewöhnen. Für
die große, weite Tour war mir etwas zu viel Druck auf den Handgelenken.
Nach
einigen Kurven hatte ich es schnell raus, die ST 4 flotter zu
bewegen. Leichtes und sehr zielgenaues Einlenken motivierte
mich, es zunehmend zügiger angehen zu lassen. Ein tolles Gefühl,
wie satt und unbeirrbar die Maschine vorgegebene Linien einhielt.
Die Federelemente sprachen sehr fein an und reduzierten die
nervigen kleinen Stöße in den Nullbereich. Auch mit Sozia gab
es keinen Moment der Instabilität. Echt super, dieses Fahrwerk.
Sportlich, aber nicht hart. Das lässt vermuten, dass die ST
4 auch auf der Rennstrecke zu Hause sein kann. Der Weg dorthin
kann so mit ihr ohne Kreuzschmerzen etc. zurückgelegt werden,
denn das verbaute Sitzpolster ist angenehm breit und fast schon
komfortabel geformt. Der Kniewinkel forderte von mir keine Stretchingübungen
während der Fahrt ab. Vom Winddruck wird man weitgehend verschont.
Alles in allem hervorragende Voraussetzungen für Spaß und Genuss.
Nun zur Leidenschaft, denn schließlich handelt es sich beim
beschriebenen Objekt um eine echte Ducati.
Leidenschaft
ist eine Herzensangelegenheit. Schon das Bullern des Duc-Doppelherzes
erreichte meines auf direktem Weg. Im unteren Drehzahlbereich
trat die verbaute Leidenschaft eher gedämpft auf, denn die ST
wollte noch nicht sauber am Gas hängen und machte noch nicht
so recht Druck. Ab 5000 Umin mutierte die Müdigkeit in aufgeweckten
und direkten Vorwärtsdrang. Ab 6500 Umin begann die Duc mit
fauchendem Biss nach vorne zu drücken und schrie dabei übermütig
ihre Energiepotintiale durch die 2 Alutöpfe in die Welt. Die
Duc wird sagenhaft schnell. Bei 7000 Umin zeigt die Uhr schon
auf 200. Man sollte den Tacho, der übrigens Bestandteil der
von der 996er übernommenen Instrumentierung ist, auf der Landstraße
regelmäßig im Blick behalten, denn die übermäßigen Potentiale
an Leidenschaft und Energie springen irgendwie über.
Dann
hat sie dich in ihrem Bann. Dann beginnt der innere Machtkampf
zwischen sachlicher Vernunft und emotionaler Hingabe. Und wehe,
du gibst dich bedingungslos hin. Die Kurven werden mit dem höheren
Speed nicht weiter, die Blitzportraits vom Straßenrand nicht
weniger, die Haftfähigkeit der Reifen nicht größer.
So schade es ist, aber die gesunde Mischung machts. Bedingungslose
Hingabe muss dann woanders stattfinden.
Die Sozia wird es Dir danken. Ihr Stammplatz glänzt durch hart
Polsterung.
Der Weg durch die 6 Gangstufen konnte mit kurzen Schaltwegen
flott durcheilt werden. Dennoch wirkte der Hebel beim Raufschalten
teigig. Die Gangstufen 5 und 6 forderten etwas Nachdruck.
Um ungestümen Vorwärtsdrang zu bändigen, bedarf es Disziplin
und dem Fahrzeug angemessener Bremsen, die Ducati in der St
4 verbaute. Vorne sorgen 320er Doppelscheiben mit je einer 4-Kolben-Beißzange
dafür, dass in landstraßenüblichen Aktionen 2 Finger durchaus
für Stillstand der Fuhre sorgen können. Sicherer gehts
noch mit Unterstützung des hinteren Stoppers, der in seiner
Funktion denvorderen um nichts nachsteht.
Fazit:
Die ST 4 geht trotz einiger Kompromisse als echte Duc durch.
Schließlich steht nicht nur Ducati drauf, sondern es ist auch
ganz schön viel echte Ducati drin. Sie ist ein fetziges Allroundgenie
mit Hang zu mehr Sportlichkeit dank großer Schräglagenfreiheit.
Urlaubstouren sind drin und machen sicherlich Spaß. Klasse die
Verarbeitung und die Serienausstattung. Verwunderlich, warum
die Koffer nicht mehr zur Serie gehören. Für 23840 .- DM (all
inclusive) ein vernünftiges Motorrad mit italienischem Feuer
inside.
Stand:
10.04.2001
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