Fahrbericht:
Cagiva Gran Canyon
Es gibt Dinge,
die tust Du ein Mal - und Du denkst, es darf nicht wieder aufhören.
Du bist im tiefsten Inneren Deiner Emotionen gefangen von der
Idee, es immer wieder tun zu müssen. Und die Gedanken kreisen
ab dem Moment nur noch darum, Dir Dein Suchtmittel zu besorgen.
Vernunft und Realität bilden plötzlich nur noch einen wackeligen
Gegenpol zur Lust und Gier, Deinem Trieb ungezügelt zu befriedigen.
Mich hats gepackt.
Als
ich mir beim race-point in Nördlingen die Cagiva
abholte, wußte ich, daß das Gerät vom modifizierten 904 ccm
-Twin der Ducati 900 SS zum Laufen gebracht wird. Ich war auch
darüber informiert, daß die Maschine bei den Funduros
zur ersten Sahne gehören soll. Martin Osswald vom race-point
übergab mir den Zündschlüssel mit dem Hinweis Die macht
echt Spaß. Gut - also, zuerst in den Tank - nein - die
2 Tanks geguckt, ob genug Sprit drin ist, denn die Tankuhr fehlt.
Eine Kontrollampe leuchtet bei 4 Litern Rest in den 2 Hohlräumen,
die gemeinsam befüllt 20 l beherbergen können. So - jetzt Zündschlüssel
rum, starten - und plötzlich ahnte ich nach sofortigem Anspringen
des Duc-Twins, daß XXL- Power zum Leben erweckt wurde und die
Maschine zu allen Schandtaten bereit war. Mit der Sitzposition
mußte ich mich zuerst anfreunden. Man sitzt sehr gerade in endurotypischer
Position, in der ich mich aber nach den ersten Metern schnell
wohl fühlte. Die ersten Meter - ja - also 1. Gang rein, etwas
Gas und dann Kupplung kommen lassen - ein zig 1000 Mal wiederholter
Vorgang, der Fleisch und Blut ist. Denkste. Hier heißt es aufpassen,
denn bei rechts etwas mehr und links etwas schneller hebt die
Fuhre vorne spontan ab. Der Motor greift sofort und deftig an
und macht klar, daß Du Dir den Dreh am Gasgriff vorher überlegen
solltest, denn ist er erst mal losgelassen, drückt der Bock
nur noch brachial vorwärts. Jede noch so kleine Bewegung am
Gasgriff wird ohne Zeitverzögerung sofort mit Schub beantwortet.
Sicher ein Verdienst der Weber-Marelli-Einspritzung. In jedem
Drehzahlbereich steht Leistung satt zur Verfügung. Martin Osswald
berichtete, daß den im Fahrzeugschein angegebenen 68 PS reale
84 muntere Pferde gegenüberstünden, die im hauseigenen Leistungsprüfstend
gemessen wurden. Dabei drückte die Test-Cagiva 95 NM ab. Das
sagt schon alles.
Das 6Gang
Getriebe ist gut abgestimmt. V-max konnte ich nach Tacho liegend
185 km/h ermitteln. Mit Sozia waren gute 170 drin. Das reicht
locker für das Terrain, für das die Cagiva wie geschaffen zu
sein scheint: kleine, kurvige Sträßchen abseits des großen Verkehrs.
Egal, welchen Teerbelag Du vorfindest, egal wie holprig die
Straße ist, egal wieviel Patchwork die professionellen Straßenflicker
fabrizierten, egal ob alleine oder zu zweit, die Maschine hält
Kurs und wackelt nicht, sie schlingert oder pendelt nicht. Nach
den ersten Kurven packt es Dich dann. Du willst Grenzen testen,
willst probieren, ob nicht doch etwas an diesem Moped aus der
Ruhe zu bringen ist. Du wirst positiv enttäuscht. Fahrwerk und
Reifen arbeiten perfekt zusammen. Und zudem noch recht komfortabel.
Kleinere Stöße werden geschluckt. Das Fahrwerk wirkt straff,
aber nicht hart.
Du denkst, Du mußt die Maschine wuchten und drücken, um sie
mit ihren immerhin gut 240 kg vollgetankt und fahrfertig ums
Eck zu bekommen - wieder Fehlanzeige: die Cagiva fällt wie von
selbst in die Schräge und läßt sich spielerisch hin und her
bewegen. Schräglagenfreiheit gibt es solo scheinbar ohne Ende.
Zu zweit gibts ab und zu Fußrastenkontakt mit dem Asphalt.
Komm, gibs
mir! Zeigs mir! scheint sie Dir mit ihrem stets
sonor- dumpfem Ansaugschlürfen einzuflüstern. Und Du tust es:
Gas runter, und beschleunigen. Immer wieder. Der Schub und Sound
machen triebhaft. Ab 6000 U/min hat sie Dich dann vollends in
der Hand. Sie röhrt Dir donnernd ins Ohr: Mehr, mehr,
... - und Du gibst ihr, wonach sie verlangt.
Einige seltene Blicke auf den Tacho veranlaßten mich immer wieder
(und dann seltener), die Geschwindigkeit zu verzögern. Selten
war ich im Bereich der STVO unterwegs, mit schlechtem Gewissen,
weil ich ein sonst eher harmloser Biker bin. Heute hats
mich. Und ich fühl mich total sicher dabei. Selbst zu schnell
angefahrene Kurven können in saftigen Schräglagen ohne Anzeichen
von Aufstellmomenten runtergebremst werden. Die gut dosierbaren
Nissins vorne und hinten verrichten ihre Stopparbeiten perfekt.
An
diesem Gerät paßt einfach alles - fast alles. Es gibt einige,
aber eher nebensächliche Schönheitsfehler im Gesamtbild, die
dem maximalen Spaßfaktor jedoch absolut keinen Abbruch leisten.
Da wären die spiegelnde Instrumentenabdeckung, der fehlender
Mittelständer, ein etwas zu langer Seitenständer, eine hohe
Handkraft fordernde Kupplung (das ist Duc-typisch, oder?) und
der wirklich unpraktische Doppeltank. Sonst nichts.
Positiv fielen mir die gute Verarbeitung und sinnvolle Details
wie Stahlflexleitungen an allen Bremsen und der Kupplung, einstellbare
Handhebel und einem Alu-Gepäckträger mit integrierten Soziushaltegriffen,
die absolut praktisch positioniert und dem Sozius echt dienlich
sind.
Für
die große Tour wird demnächst nach Info von Hr. Osswald ein
Koffersystem angeboten werden. Denn die Cagiva Gran Canyon ist
durchaus tourentauglich. Fahrer wie Sozius sitzen entspannt,
so daß auf Strecke die leeren Tanks sicher der wahrscheinlichere
Grund für einen Stopp sein dürften.
Sie ist echt was besonderes. Die Cagiva Gran Canyon besticht
durch perfekt aufeinander abgestimmte Technikkomponenten und
auffälligem Design. Sie garantiert ab dem ersten Moment Spaß
pur, der dem geplagten Konto eines Suchtanfälligen jedoch stolze
18.345 .- DM abverlangt.
Aber mal ehrlich: kennen Sie kostengünstige Suchtmittel?
Stand:
10.04.2001
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