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"Alles
wird gut" - oder soll es besser heißen: "Alles wird besser"? - Jeder,
der ein Produkt auf dem Markt hat, unterhält eine Entwicklungsabteilung,
die dafür zu sorgen hat, dass die Produkte beständig dem aktuellen
Wissens- und Technikstand angepasst werden. "Verbesserung" heißt
die Devise. "Innovation." Die Entwickler und Techniker von BMW zeigten
mit dem Erscheinen des R 1150 RT-Updates, dass sie in ihrer Entwicklungsabteilung
auf Hochtouren arbeiten und darauf bedacht sind, vor allem die Verkehrssicherheit
ihrer motorisierten Zweiräder zu erhöhen.
Neuestes
Ergebnis intensiver Entwicklungsarbeit ist das Integralbremssystem
in Verbindung mit einem elektronischen Bremskraftverstärker, der
bei Motorrädern eine absolute Novität darstellt und Bremswege erheblich
verkürzen helfen soll. Inwieweit dies zutrifft, wollte ich in einem
2wöchigen Test herausfinden. Die RT hat eine lange Geschichte hinter
sich. Schon immer war sie für Fernreisende konzipiert. Komfort i.V.m.
einem durchzugstarken Boxermotor war ihr Markenzeichen.
Über ihr Aussehen scheiden sich die Geister. Manche meinen, statt
der RT könne man auch gleich Auto fahren. Andere sind von der Ausstattung
und den Reisequalitäten bis in die Haarwurzeln überzeugt.
Als
ich die RT in der Tiefgarage im BMW-Werk vor mir sehe, denke ich
mir, dass diese 2 Wochen mit dieser Maschine zwar bequem und windgeschützt
sein werden, doch hege ich mächtige Zweifel daran, dass diese gewaltige
Erscheinung auf 2 Rädern auch Spaß machen soll. Immerhin gilt es,
279 kg fahrfertigen Leergewichts durch die Landschaft zu wuchten.
Die RT verspricht jedenfalls guten Wetterschutz. Beruhigend, wenn
ich daran denke, dass Petrus oben anscheinend seit langer Zeit mit
heftigem Wasserüberschuss zu kämpfen hat und uns damit zu beglücken
versucht. Es regnet wie aus Eimern geschüttet.
Ich
laufe um die Maschine herum. Auf den ersten Blick hat sich zur R
1100 RT nicht viel geändert. Die Verkleidung wurde modifiziert zugunsten
eines besseren Wetterschutzes. Zudem erhielt die Neue Klarglasscheinwerfer
mit integrierten Nebelscheinwerfern in der Leuchteneinheit. Schade,
dass hier an einer Nebelschlussleuchte gespart wurde. Die Bedienungselemente
sind übersichtlich in Griffnähe plaziert. Neben Blinker und Aufblendlicht
betätigt der linke Daumen die elektrische Scheibenverstellung und
die wichtigsten Radiofunktionen.
Ja - liebe Leute, ein eingebautes Radio bei einem Motorrad. Ich
gehöre - nein - gehörte auch zu denjenigen, die darüber den Kopf
schütteln. Klar ist der Hörgenuss bei 100 km/h deutlich eingeschränkt.
Man muss die Anlage so aufdrehen, dass die eingebauten Lautsprecher
zu scheppern anfangen.
Das wäre auch nicht meine Verwendung. Mein Einsatz wäre bei der
Fernreise über die Autobahn während der kleinen Pause die Verkehrsmeldung,
da man sich bekanntlich während der Hauptreisezeit mit vielen Gleichgesinnten
zum gemeinsamen Plausch auf der BAB im Stau trifft. Will man das
umgehen, ist das Radio eine willkommene Hilfe. Aber das ist Ansichtssache.
Ich weiß schon.
Das
Cockpit ist komplett ausgestattet. Nichts fehlt mir. Ich erhalte
beim Einschalten der Zündung Infos über die aktuelle Tankfüllmenge,
die Uhrzeit, Motortemperatur, und per Kontrolllampen über die Bereitschaften
von ABS, Bremskraftverstärker etc. Letzterer meldet sich nach dem
obligatorischen Systemcheck beim Betätigen von Fuß- oder Handbremshebel
mit hellem Summen zu Wort.
So,
meine Utensilien habe ich in den serienmäßigen Touringkoffern verstaut.
Choke ziehen und starten. Der Startvorgang dauert etwas länger als
gewohnt. Dann springt der Boxer an und läuft sofort rund. Ich habe
den Eindruck eines Schweizer Uhrwerkes, wenn ich ihm so zuhöre.
Beim Anfahren merke ich das bullige Drehmoment des modifizierten
Boxers, der sich in der GS-Schwester schon tausendfach bewährt hat.
So ist weitläufig bekannt, dass die Hubraumerhöhung auf 1130 ccm
durch eine Vergrößerung der Bohrung erreicht wurde. 95 PS Spitzenleistung
bei einem max. Drehmoment von 100 NM können abverlangt werden. Zwischen
4000 - 5000 Umin trat jedoch ein spürbarer Drehmomentabfall auf,
der im lang ausgelegten 6. Gang ab und zu zum Herunterschalten motivierte.
Auf
der Autobahn bin ich gleich froh um die Verkleidung und die verstellbare
Scheibe. Regen über Regen. Ein Knopfdruck, und die Scheibe bewegt
sich bis auf meine Augenhöhe herauf und nach vorne. Ergebnis: kaum
Regentropfen am Helm und zudem ein Sog, der mich mit zunehmender
Geschwindigkeit immer mehr nach vorne zu ziehen scheint. Ich bekomme
das Gefühl eines Luftpolsters im Rücken. Zudem kaum mehr Windgeräusche.
Ich muss mich an den Tacho halten, da ich anfangs mein Tempo total
unterschätze. Ich bin es gewohnt, den Winddruck zu spüren, der jedoch
mit dieser Scheibenstellung vollständig wegbleibt. Die kühlen Temperaturen
können meine Kleidung mangels direktem Wind nicht durchdringen,
so dass mit der RT lange Etappen durchaus auch um den Gefrierpunkt
zurückgelegt werden können ohne sich dabei Frostbeulen zu holen.
Aber
nun zur modifizierten Bremsanlage. Man ist ja ein Gewohnheitstier.
Gewisse Handlungsabläufe sind wie eingemeißelt fest in unserem Hirn
verankert, wenn wir diese Abläufe immer und immer wiederholen, bis
sie endlich in Fleisch und Blut übergegangen sind. Als Motorradtester
darf das eigentlich nicht sein, denn jede Maschine ist einfach anders.
Von meiner alten GS bin ich gewohnt, die Fußbremse kraftvoll zu
betätigen, um der Trommel ein Mindestmaß an Leistung abzuverlangen.
Auf der Autobahn trete ich wie gewohnt in einer haarigen Situation
voller Elan auf den Fußhebel mit der Wirkung, dass ich mich fast
vornüber katapultiere. Die Bremsleistung setzt derart vehement ein,
dass ich mich erst fangen muss, um zu realisieren, dass ich gerade
schier eine Vollbremsung hingelegt habe. Dabei taucht die Maschine
vorne wie hinten heftig in die Federelemente ein. Das Heck schwänzelt
etwas.
Sichtlich beeindruckt lasse ich den Fuß nun weg und probier es mit
der Hand. Nach einigen Millimetern Leerweg ohne Bremswirkung setzt
die Integralbremse ruckartig ein und bedeutet mir, doch bitte nur
zwei Finger zu benutzen. Das ist Bremsleistung satt. Was jedoch
fehlt, ist die feine Dosierbarkeit. Möchte man die Geschwindigkeit
nur etwas nach unten korrigieren, muss man trotz Fingerspitzengefühl
am Bremshebel eine unvermittelt stark einsetzende Verzögerung in
Kauf nehmen. Daran muss ich mich erst mal gewöhnen. Und das ist
nicht einfach, denn diese Art des Bremseinsatzes versaut mir oft
die Linie. Ich muss wirklich zusehen, vor jeder Kurve die richtige
Fahrgeschwindigkeit drauf zu haben. Manchmal nervt mich dieser Umstand.
Aber ich denke mir, dass dies die erste Generation einer elektronisch
verstärkten Bremsanlage ist - und die Jungs von BMW sicher daran
arbeiten werden, die Feindosierbarkeit einer konventionellen Bremsanlage
zu erreichen. Es täte jedenfalls meiner Meinung nach Not.
Wenn
ich nun schon beim Meckern bin, mache ich gleich weiter. Es wurde
in den Neuvorstellungen viel darüber geschrieben, dass nun das Joch
eines 4Ventil-Boxertreibers, das Jammertal des Konstantfahrruckelns
überwunden sein soll. Bei meiner Testmaschine ist das eine glatte
Fehlanzeige.
Ist
es denn wirklich nicht möglich, bei einer Maschine, für die ein
Kunde immerhin an die 28.000.- DM über den Tresen schieben muss,
diese wahrlich nervige Angelegenheit dauerhaft zu beheben? Meine
RT ruckelt jedenfalls unbeeindruckt von jeder technischen Modifizierung
beständig vor sich hin. Besonders nervig auf der Landstraße bei
Tempo 100 im 6. Gang. Also da muss wirklich nachgebessert werden,
ist diese Unsitte nun doch seit Jahren bekannt. Aus Presseberichten
war zu entnehmen, dass andere Tester mit der RT ähnliche Erfahrungen
machten.
Äußerst
positiv wirkt das Gesamtkonzept des Fahrwerks. Den Kardan spüre
ich fast nicht. Die Federelemente von Showa sprechen sehr sensibel
an und verschonen mich von feinen Unebenheiten. Wie in einer Limusine
fühle ich mich. Der modifizierte breite Fahrersitz tut sein Übriges.
So können Kilometer gefressen werden ohne Rückenschmerzen. Komfort
pur. Trotz ihres Leergewichtes von knapp 280 kg wirkt die RT agil
und leicht steuerbar. Selbst sportliche Fahrweise lässt dieses Dickschiff
klaglos zu. Kurvenkombinationen auf kleinen Landstraßen erfordern
zwar etwas Nachdruck, jedoch so im Rahmen, dass es dank des Lenkerhebels
fast nicht auffällt. Schade, dass im Soziusbetrieb das hintere Federbein
zum Durchschlagen neigt. Insgesamt wirkt die RT voll beladen zu
weich bei schneller Fahrt. Bodenwellen beantwortet sie mit Aufschaukeln
des Hecks, was Unruhe in die Fuhre bringt. Ansonsten ist sie jedoch
wirklich dank günstiger Schwerpunktlage problemlos und leicht zu
handhaben.
Ich
denke, dass die RT trotz einiger Kritikpunkte ein wirklich ausgewogenes
Reisebike darstellt mit einem Komfort und einer Ausstattung wie
eine Limusine, die zottelnd wie sportlich über die Landstraßen bewegt
werden kann. Selbst lange Autobahnetappen können zum Genuss werden.
Die Fernreisegemeinde wird ihr sicherlich wie ihren Vorgängermodellen
den ihr gebührenden Platz einräumen.
Stand:
24.04.2001 

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