Fahrtest mit der BMW R 1150 R Rockster
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Tango Turtle
Im
Sommer 2001 konnte ich der BMW R 1150 R in einem ausgiebigen Test auf
den Zahn fühlen. Ich habe diese zwei Wochen in äußerst
angenehmer Erinnerung, denn die R versprühte auf allen Landstraßen
Spaß pur. Nun kam Anfang 2003 die überarbeitete Version an
die Kunden im Outfit eines sportlichen Tourengigolos. Was ist an der
Rockster nun wirklich anders als an der "einfachen" R 1150
R? Konnte BMW sie wirklich verbessern? Ich habe wieder zwei Herbstwochen
Zeit, diesen Fragen nachzugehen.
Vorab möchte ich für mich geklärt haben, was genau an
der Maschine modifiziert wurde. Am auffälligsten gucken mich die
zwei asymetrischen Scheinwerfer an. Ich fühle mich an die 1150
GS erinnert. Nicht umsonst, denn sie stammen genau aus dem selben Sortimentregal.
Der Lenker ist flacher und breiter und verspricht so eine fahraktivere
Sitzposition. Der Motor erhielt (endlich) serienmäßig eine
Doppelzündung. Das Fahrwerk entspricht in seinem Setup dem der
R 1100 S.
Die
Serienausstattung verurteilt die Sozia zum Verbleib auf dem heimischen
Sofa, denn anstelle des Soziuspolsters strahlt eine Metallplatte den
Betrachter an. Ich kann das ja nicht verstehen, welchen Sinn es macht,
einer klassischen Naked-Tourenmaschine die Soziussitzfläche zu
nehmen, um sie dann als Zubehör aufpreispflichtig wieder anzubieten.
Das klingt für mich nach einem Streich der Bürger von Schild.
Will man sich da etwa in den Kreisen der Steetfighter etablieren? Ich
glaube, dass da mehr dazu gehört als das Weglassen des Soziusplatzes.
Wie will ich denn, wenn ich mit meinem Fighter vor der Eisdiele extrem
viel Aufsehen erregt habe, eines der interessierten Mädels mitnehmen?
Allein dieses Beispiel zeigt, dass der mögliche Streetfightergedanke
im weißblauen München nicht zu Ende gedacht wurde. Ich bestellte
mir die Testmaschine jedenfalls mit besagter Sitzfläche und dem
Gepäcksystem von BMW, da dies den Nutzen der Maschine in jedem
Fall erhöht.
Ihr Aussehen spricht mich auf meinem Rundgang an. Sie strahlt Eleganz
und Kraft aus. Beim ersten Probesitzen fällt mir die schon beschriebene,
weiter nach vorn gebeugte Sitzposition auf. Ich habe das Gefühl,
mehr Kraft am Lenker ausüben zu können.
Der Kaltstart funktioniert problemlos. Willig zündet der Boxer
und läuft gleich rund mit Hilfe des drehzahlerhöhenden Chokehebels,
der jedoch boxertypisch nach kurzer Zeit wieder in seinen Ruhezustand
versetzt werden kann. Die Rockster wirkt auf den ersten Metern straff.
Das Handling erscheint mir etwas zäher als mit der 1150 R, was
sicher am 180er Hinterreifen liegt. Sie verlangt boxeruntypisch viel
Aufwand, um sie richtig einzulenken.
Nach
einigen Kilometern beginne ich, die Rockster an mein Landstraßentempo
hinzubringen. Ohne Probleme. Der Boxer verrichtet seine Arbeit vehementer
aus unteren Drehzahlregionen. Dank der Doppelzündung liegen einige
Drehzahlen niedriger als bei der normalen R schon beachtliche Durchzugswerte
an. Ich habe den Eindruck, dass sich da einiges getan hat durch die
Motormodifizierung. Sie Rockster hängt sensibel am Gas und lässt
keinen darüber Zweifel aufkommen, dass sie mit ihren 85 PS und
101 NM bei 5200 Umin den verbrannten Kraftstoff in kraftvollen Vorschub
umsetzen kann. Dank der 1130 ccm Hubraum braucht sie keine hohen Drehzahlen
für angenehme Durchzugswerte. Der meistgenutzte Gang ist Stufe
sechs. Häufiges Schalten kann ich mir sparen. Die Rockster zieht
aus jeder Drehzahlregion mit ausreichender Kraft an, hat sie doch zwischen
3500 - ca. 6700 Umin immer mehr als 90 NM zum Abdrücken parat.
Das reicht in jedem Fall für einen zügigen Strich und einer
runden Fahrweise, die ich mir schnell angewöhne. Es gehört
ja einiges an Vertrauen zum Material dazu, um vor Kurven
nicht zu viel Geschwindigkeit herauszunehmen, um zügig unterwegs
sein zu können.
Die Rockster ist, wie auch ihre Basisversion, mit einem wirklich exakt
und stabil funktionierenden Fahrwerk ausgestattet.
Über Tele- und Paralever brauche ich hier nicht mehr zu schreiben.
Diese Techniken sind bekannt und zeigen gerade im Landstraßenbetrieb,
wenn es mal härter zur Sache geht, ihre Vorteile.
Die in der Rockster verbauten Federbeine bedürfen jedoch einiger
Nachjustierungen, da sie in der Werkseinstellung für mein Empfinden
recht knochig wirken. Also probiere ich, hinten die Federvorspannung
und bei beiden Dämpfern die Zugstufe zu verändern, um eine
Einstellung zu finden, die einerseits nicht jede Unebenheit weiter gibt
und andererseits die Maschine in sich stabil sein lässt. Nach einigen
Stopps habe ich eine Einstellung gefunden, die für die Rockster
und mich der beste Kompromiss zu sein scheint.
Es kann zur Sache gehen. Schließlich möchte ich an einem
goldenen Herbstnachmittag mit angenehmen Temperaturen um die 20 °C
fighten gehen. Die Reifenwahl verpricht satten Gripp, verbaut BMW bei
der Rockster den Metzeler Sportec M1 als Erstausstattung. Er hält
auch wunderbar auf meiner Hausstrecke. Die Rockster lässt so ziemlich
alles mit sich machen, was ich auf dieser Strecke gewohnt bin. Saftige
Schräglagen
wechseln mit kurzen Tempostrecken und krassen Bremsmanövern. Alles
im grünen Bereich. Die Rockster scheint in ihrem Element zu sein.
Das ist anscheinend das, woran die Jungs in München dachten, als
sie die 1150 R zur Rockster modifizierten: die Hatz über die Landstraße
mit maximalem Spaßfaktor.
Ich muss hier natürlich ehrlich sein. Die Rockster lässt
mir an diesem Nachmittag oft das Grinsen im Gesicht auftauchen, als
ich mit ihr über "meine" wunderschönen Frankenjurastrecken
fliege. Aber einen großen Unterschied zur "normalen"
R 1150 R kann ich nicht feststellen. Diese wirkte in ihrem Fahrwerk
sogar noch homogener und ausgeglichener. Auf ihr fühlte ich mich
spontan wohler, was heißt, dass man in jedem Fall beide probefahren
sollte, wenn man den Kauf einer der beiden anstrebt. Das ist eine echte
Gefühlssache. Die eine etwas sportlicher in der Auslegung, die
andere etwas komfortabler, aber beide in sich super Moppeds.
Die
Doppelzündung bringt in jedem Fall eine Beruhigung im Fahrbetrieb
mit sich. Vorbei sind die Zeiten, als der 4V-Boxer seinen Fahrer mit
nervigem Konstantfahrruckeln plagte. Der Zweizylinder verrichtet nun
seine Arbeit ohne Macken und Tadel. Leistungslöcher sind keine
spürbar. Er dreht sauber aus und fühlt sich in Drehzahlregionen
jenseits der 6500 Umin nicht mehr so zäh an wie der Einfachzünder.
Das ist ein wirkliches Plus. So steht nun ein wirklich boxeruntypisch
weites Drehzahlband mit Leistung zur Verfügung. Und das bringt
echte Laune mit sich.
An den Bremsen gibt es ebenfalls nichts auszusetzen. Das aufpreispflichtige
Teilintegral-ABS mit elektronischem Bremskraftverstärker ermöglicht
gnadenlose Verzögerungen, bei denen es mir öfter mal das Blut
in die Stirn treibt. Schade nur, dass die Feindosierung bei der Rockster
nicht so gut funktioniert. Das alte Problem mit diesem System. Satte
Bremsleistung - ja, Feindosierung - kaum. Möchte ich die Geschwindigkeit
nur leicht korrigieren, muss ich selbst bei feinfühligstem Einsatz
am Bremshebel immer mit hackigem und überhöhtem Verzögern
rechnen. Das hemmt anfangs die Freude am Fliegen, macht aber letztlich
den Fahrstil runder, da ich einfach weniger bremse.
Im Soziusbetrieb mit Koffern gibt es keine Probleme. Das hintere Federbein
der 1150 R schlug da schon mal durch. Das der Rockster bleibt stabil
und gibt sich keine Blöße.
Fazit:
Die Rockster ist die andere R 1150 R. Es ist kein neues Motorrad, sondern
eine Variante der eh schon erfolgreichen Naked-Serie aus Weiß-Blau-City.
Und sie macht ihre Sache wirklich gut. Aber letztlich muss jeder für
sich selbst entscheiden, welche der beiden er für sich wählt.
Die Rockster kommt in jedem Fall mit einem erfrischenden Outfit und
sportlichem Fahrgestell daher, das für jeden flotten Strich leicht
ausreicht. Grenzen konnte ich kaum feststellen. Auch während einer
Hatz gemeinsam mit einem Multistrada-Treiber aus der Desmoecke zeigte
sie keinerlei Schwächen. Die Landstraße ist ihr Revier. Und
hier ist es wirklich schwer, ihr ihren Platz streitig zu machen. Qualität
und Ausstattung runden das ganze positiv ab. 
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