Fahrbericht
BMW R 1200 ST
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Selten
habe ich so gespaltene Lager erlebt wie während der Testwochen mit
der neuen BMW R 1200 ST. ST könnte für Streitobjekt stehen.
Endlich, wie ich finde. Endlich hat es ein Design aus der bajuwarischen
Boxerschmiede geschafft, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Dabei geht
es vor allem um die eigenwillige Frontansicht. Der Zweck ist in der Designdiskussion
in den Hintergrund gerückt. Es gibt derzeit mehr Ablehner als Befürworter.
Beide Lager sind sich aber zu 100% einig - nur eben in der jeweils eigenen
Richtung: Sowas hat man der weißblauen Boxergemeinde bisher noch
nicht präsentiert. Das ist total neu. Und ich meine wieder: endlich.
Denn die meisten, die über die neue ST schimpften, meckerten auch
schon über den in den letzten Jahren produzierten Design-Einheitsbrei
bei BMW, aus dem kein Modell herausstach und mit Eigenwilligkeit Mut zur
Persönlichkeit zeigte.
In
diesem Jahr zeigen sich die Münchner mutig, haben den Designern
anscheinend wesentlich mehr Freiheiten gelassen und schieben ein Modell
nach dem anderen in die Läden, um um die Gunst der Käufer
zu buhlen.
Als ich die ersten Fotos der ST sah, fiel bei der Scheinwerferkonstellation
gleich die Nähe zur Duc Multistrada auf. Ungewöhnlich hoch
angebrachte, übereinander liegende Scheinwerfer, die im Windschutz
integriert sind und die Instrumentenpartie verdecken helfen. Das haben
sie beide gemein. Die Lampenfront der ST macht zusätzlich mit ihrer
Form auf sich aufmerksam, die in der Höhe fast die Scheibe in zwei
Hälften zerteilen möchte. Alles eckig, angelehnt an ein Sechseck.
Darunter die BMW-Nieren als Lufteinlässe. Insgesamt ungewöhnlich
und Stoff für Diskussionen.
Seitlich harmoniert sie jedoch durch eine ausgedehnte Wellenlinie, die
sich durch alle Elemente (Tank, Seitenverkleidung bis hin zum optionalen
Heckträger) durchzieht und für geschlossene Harmonie sorgt.
Leute, diskutiert darüber und realisiert, dass es ein Serien-Mopped
von BMW bisher noch nicht schaffte, diese Aufmerksamkeit zu erregen
- nur durch ihr Design. Und dabei ist über die Technik, Leistung
und Fahrbarkeit noch kein Wort verloren worden.
Dazu komme ich jetzt. Hier ist zur bereits guten Vorgängerin R
1150 RS ein deutlich spürbarer Sprung nach vorne geschafft worden.
Die ST wiegt vollgetankt nur noch 229 kg. Vergleicht man das mit dem
letztjährigen Verkaufsrenner von Honda, der CBF 600 S, dann liegen
zwischen den beiden Maschinen gerade mal 9 kg Gewichtsunterschied.
Der 1200er Boxer mit exakt 1170 ccm Hubraum liefert 115 NM Drehmoment
bei 6000 U/min und 110 PS bei 7500 U/min an den schon in der GS verbauten,
allerdings für den 180er Hinterreifen modifizierten Leichtbau-Kardan.
Da ist mächtig Schub angesagt. Beim Fahrwerk bediente man sich
ebenfalls aus dem Teileregal für die GS und verbaute den auf 110
mm Federweg reduzierten Telelever für die Vorderradführung.
Hinten setzte man auf das bewährte, mit Handrad einstellbare Federbein
mit wegeabhängiger Dämpfung, das vor drei Jahren in der R
1150 GS Adventure erstmals zum Einsatz kam und sich mit erstklassigem
Komfort und hervorragenden Fahreigenschaften auszeichnete.
Die
Fahrerergonomie passt für tourensportliche Ambitionen. Sowohl die
Sitzhöhe (810/830 mm) als auch die Höhe der Lenkerstummel
können (stufenlos 25 mm) eingestellt werden. Kurzbeinigen steht
ein auf 780 mm Sitzhöhe abgespecktes Polster optional zur Verfügung.
Beim ersten Aufsitzen fällt der enge Knieschluss mit dem Tank
auf. Der Kniewinkel fällt vergleichsweise spitz aus, was mich auf
weiteren Touren zu vermehrten Stretchingübungen veranlasst. Die
Hände fallen wie von selbst auf die Lenkerstummel, die ich gerne
in der obersten Position arretiert habe. In dieser Sitzposition fahre
ich am liebsten und habe die Maschine am besten im Griff.
Der identisch in der R 1200 RT verbaute Boxer zeigt die üblichen
Vibrationen. Das Instrumentarium stammt aus der GS mit analogem Drehzahlmesser
und analogem Tacho. Die restlichen Informationen bietet das daneben
platzierte LCD-Display.
Auf der Landstraße baut die ST durch ihr sattes Drehmoment schnell
Tempo auf. Der sechste Gang ist im Vergleich zur RT spürbar kürzer
übersetzt. Um die 6000 U/min dann die klassischen Motorvibrationen.
Wer öfter mit einem 1200er Boxer gefahren ist, kennt das. Unterhalb
dieser Drehzahlmarke fallen Vibrationen kaum ins Gewicht. Nur die höheren
Drehzahlen werden an den Fahrer spürbar vor allem über den
Lenker übertragen.
Ab
Standgas schiebt die ST satt vorwärts und steigert sich nach oben
fast ohne Leistungsloch. Im Bereich um die 4000 - 4800 U/min kann ich
einen leichten Einbruch spüren, der bei der RT gänzlich fehlte.
Scheinbar gibt es hier eine leichte Streuung zwischen den Modellen.
Knapp vor 6000 U/min beginnt bei schon starkem Vorschub ein regelrechter
Endspurt einzusetzen, der leider jäh vom eingreifenden Drehzahlbegrenzer
unterbrochen wird. Leider, da diese Beschleunigung derart fulminant
einsetzt, dass ich manchmal meine, einen Supersportler unter mir zu
haben. Es macht Spaß, diese Spritzigkeit und Drehfreude auszukosten.
Auch die ST ist ein Motorrad zum schnellen Wohlfühlen. Nach einigen
Kilometern sind die Eigenarten gecheckt. Herrliche Frühlingsdüfte
liegen in der ruhigen, milden Luft. Warmer Asphalt lockt. Einige Regengüsse
vorangegangener Tage säuberten die Straßen vom Staub. Bikerherz,
was willst du mehr.
Ich
bin wie immer am ersten Testtag auf meinen mir in und auswendig bekannten
und ausgedehnten Streckenlabyrinthen unterwegs. So kann ich mich voll
auf das Motorrad konzentrieren. Die ST liegt komfortabel auf der Straße
und bügelt feine Unebenheiten glatt. Die ersten schnellen Kurven
folgen. Ich muss mich umstellen, denn heute Vormittag fuhr ich noch
die R 1200 RT, nun ist es die ST mit ihrer mehr nach vorne orientierten
Sitzposition. Anbremsen, ablegen, leicht am Gas hängen und mit
steigendem Gasdruck wieder raus aus der Kurve. Ohne Umstellungsprobleme.
Die nächste Kombination. Ohne Anbremsen, mehr Tempo - mehr Schräglage,
satt herausbeschleunigen. Das geht so einfach, dass ich das Gefühl
habe, dass ich die ST schon wochenlang gefahren bin. Nein, der Tacho
sagt, es seien erst knapp 60 km gewesen. Der neue Reifen ist somit eingefahren.
Für die nächsten Kurven nehme ich noch mehr Tempo mit und
komme bereits am Rand der hinteren Lauffläche aus der Kurve. Die
ST liegt dabei stur und stabil wie eine Diesellok auf dem Gleis.
Der neue Asphalt wechselt in wellige Flickschusterei mit Bitumenstreifen
über, was die Linientreue der ST jedoch nicht einschränken
kann. Weiterhin bügelt sie und folgt meinen Zielvorgaben in stoischer
Ruhe. Leider erhalte ich jedoch bauartbedingt über den Telelever
keine Rückmeldung über das Tun des Vorderrades. Da hilft weiterhin
nur blindes Vertrauen.
Auf einigen gemeinsamen Touren mit Supersportfahrern mit Fireblade
und Co kann die ST mit ihren sportlichen Qualitäten glänzen.
Erntet die ST bei ihrem Anblick vor den Touren neben der üblichen
Designdiskussion von den knieschleifenden Athleten ein müdes Lächeln,
zollen sie ihr nach den Touren mächtigen Respekt. Sie können
auf der Landstraße die für die Rennstrecke sicherlich zur
Überlegenheit führenden Leistungsgewichte im Vergleich zur
ST kaum zu ihrem Vorteil nutzen, da die ST auch im Grenzbereich noch
immer sicher zu bewegen ist, was sich in durchaus vergleichbaren Kurvengeschwindigkeiten
ausdrückt. Leider muss ich an der Tanke aber zum teuren Super Plus
greifen, um die volle Leistung vom Boxer abverlangen zu können.
Super ginge auch, aber eben mit Leistungsverlust und leicht erhöhtem
Spritverbrauch. Der Verbrauch an sich hält sich im Vergleich zu
früheren Boxergenerationen in Grenzen. So nimmt sich die ST je
nach Anwendung 5,2 - 7,5 Liter zur Brust. Erster Wert auf Tour, letzter
Wert bei richtigem Heizen. Im Schnitt kann ich die ST bei zügiger
Durchschnittsgeschwindigkeit mit 6,2 Litern bewegen. Dafür schluckt
sie aber Öl in größeren Mengen. Auf 1000 km muss ich
schon mal ¾ Liter Schmiergut nachfüllen. Vielleicht bekommt
BMW das ja auch noch in den Griff. Andere können es doch auch.
Die
Bremsen mit optionalem teilintegralem ABS und elektronischem Bremskraftverstärker
sind BMW-Standard wie in allen Modellen. Hart zupackend, schlecht dosierbar.
Zwar gibt es zur vorherigen Generation Verbesserungen, aber diese sind
in puncto Dosierbarkeit kaum spürbar.
Problematisch reagiert das ABS in der ST. Es regelt sehr früh und
lässt mich bei hartem Anbremsen öfter mit verringerter Bremsleistung
auf Kurven zufahren.
Bei einem Vergleichstest mit der Honda CBF 600 S kann es nicht punkten.
Auf einer künstlich angelegten Sandspur wird mehrfach aus ca. 80
km/h voll abgebremst. An der Spur im Sand kann gesehen werden, wie feinfühlig
das Honda-ABS den Reifen an der Grenze hält, das BMW-ABS jedoch
mit großen Regelintervallen Bremsweg verschenkt.
Auf trockenem Belag fährt die bremskraftunterstützte BMW im
Vergleich zur Honda keinen Vorteil ein. Die Bremswege sind beide fast
identisch. Die Funktionsweise ist zu hören. Die Honda quält
den jaulenden Reifen bis zur Haftgrenze, die BMW "tackert"
in Regelintervallen. Zur vollen Überraschung öffnet das ABS
die ST-Bremse bei einigen Vollbremsungen im letzten Moment kurz vor
dem Stehen der Maschine vollständig, sodass ich nochmals knapp
zwei Meter ungebremst weiterrolle und dagegen nichts tun kann. Wehe,
wenn da ein Hindernis steht!
Bei
einem anderen Bremsversuch stehe ich plötzlich auf dem Vorderrad,
wobei sich das Hinterrad gut 30 cm über dem Boden befindet.
Ich glaube, da ist in jedem Fall noch Nachbesserungsbedarf an dem ABS
der ST.
ST bedeutet Sport-Touring. Ich bin auf Tour mit Koffern und Tankrucksack.
Das Mitschwimmen im Verkehr nervt manchmal durch die plötzliche
ruppige Art des Boxers bei niedrigeren Geschwindigkeiten. Harte Lastwechsel
veranlassen mich immer wieder zum Suchen in der Schaltbox nach angenehmerer
Drehzahl, wo eine Art Konstantfahrruckeln und diese markigen Lastwechsel
nicht auftreten. Ich finde keine Abhilfe und fliehe durch Überholen.
Da empfand ich den 1150er Motor komfortabler.
Die Flucht wird mir durch das satte Drehmoment vereinfacht. Die ST
überzeugt mit ihren Tourerqualitäten. Ausreichender Platz
für den Fahrer, guter Windschutz ohne Verwirbelungen mit dem 3-fach
verstellbaren Windschild, viel Platz für die Sozia, genügend
Stauraum in den Systemkoffern, die endlich auch ohne Schlüssel
geöffnet werden können. Die ST überzeugt hier auf der
ganzen Linie. Und eine Fahrt im Dunkeln muss nicht gescheut werden.
Die beiden Streitobjekte liefern ein hervorragendes Licht, das sowohl
hell als auch gleichmäßig und großflächig leuchtet.
Und das Fernlicht macht seinem Namen alle Ehre. Wenn nur alle Motorräder
dieses Licht hätten. Da kann auch das Licht der neuen RT nicht
gegen ankommen.
Fazit:
Die BMW R 1200 ST passt nicht mehr in die alten BMW-Kategorien. Schon
das neue Design weist neue Wege. Sie ist nicht nur die Nachfolgerin
der R 1150 RS. Sie vereint prima Touringqualitäten mit dem sportlichleichten
Handling eines Naked-Bikes und der Hochgeschwindigkeitsstabilität
eines Supersportlers.
Motor, Bremsen und Fahrwerk bieten als harmonische Einheit Voraussetzungen
für Spaß und Tourenfreude. Leider muss auf Reisen die Öldose
mit ins Gepäck. Und das ABS konnte mich in seiner Funktion leider
nicht überzeugen. 
Und noch ein paar Fotos ...


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