Fahrbericht
BMW R 1200 RT
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Vor
exakt vier Jahren hatte ich die BMW R 1150 RT nach einigen Modellmodifikationen
und vor allem mit dem damals erstarkten 4V-Boxermotor mit knapp 1150 ccm
Hubraum im Test und konnte mich von der luxuriös anmutenden Reisetauglichkeit
dieses Modells überzeugen. Hauptkritikpunkt war damals das nervende
Konstantfahrruckeln beim Dahingleiten. Ansonsten war das Motorrad absolut
angenehm und problemlos zu fahren.
Nun war die Zeit reif, die RT neu aufzulegen, nachdem im letzten Jahr
wieder die GS die Vorreiterrolle mit einem neuen Boxermotor einnahm.
Nun war man es von BMW gewohnt, dass Neuauflagen ihrem Wortsinn kaum
nachkamen. Modifikationen waren erst auf dem zweiten Blick zu erkennen,
um die Stammkundschaft nicht zu verschrecken.
Wir progressiv mutet dagegen die neue RT an, die nicht nur mit neuer
Motor- und Antriebstechnik daherrollt, sondern auch im Gesamtdesign
einen kräftigen Innovationsschub bekam. Das Aussehen ist Geschmackssache
- und da streiten sich auch schon die Gemüter, die sich in zwei
Lager getrennt sehen. Das ist normal und bedarf keiner weiteren Erläuterungen.
Beim
Rundgang um die Maschine entdecke ich altbekannte Einzelheiten im neuen
Design. Die zweigeteilte Sitzbank blieb erhalten. Der Fahrersitz kann
zweifach in der Höhe verstellt werden, die optionale Sitzheizung
ist getrennt für Fahrer und Sozius schaltbar. Die gesamte Einheit
aus Sitz und Verkleidung wirkt vorne wuchtiger als bei der 1150er. Allerdings
ist der Fahrer etwas näher an den Lenkkopf gerückt worden.
Die Ausbuchtungen für die Knie wurden großzügiger ausgeformt
und bieten nun besseren Wetterschutz und eine bessere Integration des
Fahrers.
Die Sitzposition ist mir allerdings zu arg auf als im Motorrad. Intuitiv
suche ich vergeblich nach einer Möglichkeit, den Fahrersitz eine
Position runterzusetzen und finde nur die Raste für die Sitzerhöhung.
Die Polster wirken angenehm, aber sehr dünn bezogen.
Die Koffer wirken immer noch wie angepflanzt. Leider sind sie mit den
Haltepunkten des bisherigen Systems nicht kompatibel. Die Koffer sind
nun endlich auch ohne Schlüssel zu öffnen. Und sie sind innen
nicht mehr so zerklüftet wie die "alten", sodass der
Stauraum besser genutzt werden kann. Das System ist im Alltag einfacher
zu bedienen als das bisherige System.
Von
der Seite wirkt das Vorderteil des Motorrades sehr massiv und zerklüftet
- nicht mehr so aus einem Guss wie die gewohnte RT. Von vorne überrascht
die Neue mit einem von großflächigen Scheinwerfern geformten
bösen Blick, fast so, als wolle sie nun anfangen, erste Emotionen
zu zeigen und den aktuellen Designtrends zu folgen. Weiße Blinker
und Stahlflexleitungen gehören zur Serienausstattung.
Technisch optimierte man den auf 1170 ccm aufgebohrten Motor mit einer
höheren Verdichtung, schärferen Nocken und einigen Modifikationen
im Ansaugtrakt und Abgassystem, sodass die Spitzenleistung von 89 auf
110 PS stieg. Das maximale Drehmoment von gut 110 NM erreicht die RT
bei 6100 U/min. Stellt man das in Beziehung zu einer erfolgreichen 20-kg-Diät,
lässt das eine Vorfreude auf den ersten Ausritt aufkommen, schließlich
ist die R1150RT auch kein spurtfaules Mopped und überraschte immer
wieder durch satten Durchzug in allen Lagen. Der neu entwickelte Kardan
sitzt weiterhin rechtsseitig. Die Felgen wirken im Design fast filigran.
Für
den Tourer dürfte die Zuladung von immerhin 223 kg interessant
sein. Da ist im Leergewicht schon das reichhaltige Zubehör und
der volle Tank mit 27 Litern Super Plus mit eingerechnet.
Aber nun drauf auf das gute Stück. Der Kaltstart benötigt
nun keinen Choke mehr. Das Motormanagement übernimmt die gesamte
Steuerung. Der Motor startet willig und schnell und boxert im Stand
so vor sich hin begleitet von einigen mechanischen Klappergeräuschen,
die sich bei Betriebstemperatur jedoch legen.
Mit mächtigem Anfahrdrehmoment beginnt die RT zu rollen. Sie hängt
satt am Gas und bedeutet mir bei jeder kleinen Bewegung an der Rolle,
dass sie bereit ist, das Ganze sofort in mächtigen Vorwärtsschub
umzusetzen. Das massive Leistungsloch, das ich bei der 1200er GS um
die 4000 U/min feststellen konnte, scheint eliminiert zu sein. Jedenfalls
ist es nicht mehr spürbar. Über das gesamte Drehzahlband liefert
die RT prächtigen Druck, sodass ich schnell im kürzer übersetzten
6. Gang lande und mühelos die meisten Fahrsituationen meistere.
Das ist schon genial, wie der Boxer diese doch in ihren Ausmaßen
groß geratene Maschine nach vorne katapultieren kann. Ab ca. 6000
U/min zündet der Zweizylinder noch mal einen Nachbrenner, der im
zweiten Gang des Öfteren für ein leichtes Vorderrad sorgt.
Auf gemütlicher Tour durch die Voralpen begnügt er sich mit
5,8 Litern. Lasse ich es zügig laufen, schluckt er bis zu 7,9 Liter
Super Plus. Im Durchschnitt errechne ich einen Verbrauch von gut 6,7
Litern, was ich aufgrund der eher zügigen Testgeschwindigkeiten
als ok bewerte in Anbetracht des hohen Leergewichtes.
Als
ich während der Fahrt das elektronisch verstellbare Fahrwerk verändern
möchte, merke ich, dass ich mich mit der Fülle von Knöpfen
und Schaltern vor der Fahrt hätte auseinandersetzen sollen. Nicht
umsonst hat die Bedienungsanleitung ohne Soundsystem über 160 Seiten.
Ich halte an und studiere kurz, was es da alles zu stellen und schalten
gibt. Links kann ich den Tempomat, den Warnblinker, die Lichthupe und
das Fernlicht, die Hupe, den linken Blinker, das Soundsystem, die Titel-
oder Senderwahl, die Lautstärke und das elektronische Fahrwerk
(ESA) bedienen. Rechts sind Anlasser, Killschalter, Multifunktionsdisplayumschalter,
Sitzheizung (Fahrersitz), Griffheizung, Blinker rechts und Blinkerausschalter
zu finden.
Ich setze meine Fahrt fort. Die neue ist mehr als die alte RT ultrahandlich.
Ohne Kraftaufwand "fällt" sie förmlich in jede Schräglage
und bleibt richtungsstabil auf meiner vorgewählten Linie. Stelle
ich das Fahrwerk auf die Stufe "Sport", wartet sie mit maximaler
Stabilität mit fast sportlichen Fahreigenschaften auf. So ist es
kein Problem, die dicke RT mit überraschend hohem Tempo über
wellige Sträßlein 3. Grades zu jagen. Kein Wackeln, kein
Verwinden. Selbst mit Sozia hält sie um die 200 Km/h in satten
Schräglagen ihre Spur und lässt sich auch durch starken Seitenwind
nicht aus der Bahn bringen.
Die an der Maschine verbaute elektronische Fahrwerkseinstellung (Aufpreis
600.- €) kann in neun Varianten auf die aktuellen Gegebenheiten
angepasst werden. Im Stand stelle ich bei laufendem Motor durch einen
langen Druck auf die ESA-Taste die Federvorspannung ein. Das Heck der
Maschine wird so wie von Geisterhand gehoben bzw. gesenkt. Schließlich
wähle ich während der Fahrt die gewünschte Dämpfungsstufe,
was wunderbar funktioniert und auf meinen ausgiebigen Fahrten oft zum
Einsatz kommt.
Für das touristische Tempo stelle ich das Fahrwerk auf "Normal"
um. Die RT wartet mit Stabilität und Komfort auf und überbügelt
kleine Unebenheiten. Das überzeugt voll und schont das oft geschundene
Rückgrat, sodass einer langen und komfortablen Reise von dieser
Seite nichts im Wege steht.
Mit hart eingestellter Feder und "Sport"-Einstellung kann
die RT auch richtig schnell bewegt werden. Auf meiner Heizstrecke treffe
ich einen Bekannten mit einer ZX 10. Wir lassen unser Bikes laufen,
wobei sich herausstellt, dass auf kleinem kurvigem Terrain der Supersportler
der RT nur wenige Meter abnehmen kann. Dabei überrascht mich die
Schräglagenfreiheit, die im Vergleich zur 1150er RT gewachsen ist.
So erlebe ich während der Hatz keinen Aufsetzer. Der verbaute Bridgestone
BT 20 hält die RT sauber und sicher bis an den vorderen Laufflächenrand
auf Kurs. In manchen Kurven hinterlässt er satte Beschleunigungsstreifen.
Das harmoniert wunderbar. Allerdings bilden sich vorne nach schon 1000
km die typischen Sägezähne.
Leider
empfinde ich den zweifach einstellbaren Sitz nicht mehr so bequem wie
die der 1150er. Ich vermisse den Seitenhalt und merke, wie ich immer
auf dem Sitz hin und her rutsche. Auf langer Strecke fühlt sich
mein Steiß nach gut 10 Stunden Fahrt geschunden an. Das kannte
ich von der 1150er RT mit ihrer Sitzschale nicht.
Ein großes Lob gebührt dem nun endlich verwirbelungsfrei
gewordenen Windschutz. Man hat bei BMW die Technik der Hinterbelüftung
der Scheibe entdeckt. Was bei anderen Herstellern schon seit langem
Einzug hielt, wird an der RT nun auch eingesetzt. So bekommt die breite
Windschutzscheibe in jeder Position eine Portion Hinterluft, was die
lästigen Helmturbulenzen fast auf null reduziert. So kann ich die
Fahrten allesamt, solo oder zu zweit, genießen. Das ist genial.
Und ich bin froh, darüber bei dieser Maschine nicht meckern zu
müssen. Denn ein turbulenzerzeugender Windschutz ist nichts wert,
schafft eine große Geräuschkulisse und mindert auf langen
Touren die Konzentration. Nicht so bei dieser RT. Der Windschutz ist
wie selbstverständlich. Ich nehme ihn eigentlich nicht mehr wahr,
so unauffällig verrichtet er seinen Dienst.
Optisch
schön gelungen sind die leider nicht blendfreien, aber gut ablesbaren
Rundinstrumente. Leider kann jedoch tagsüber das Display dazwischen
bei Sonnenschein nicht mehr abgelesen werden. Zu wenig Kontrast und
die Spiegelungen auf der Instrumentenscheibe verhindern die Ablesbarkeit.
Einer Überarbeitung wurde auch die teilintegrale Bremsanlage mit
elektronischem Bremskraftverstärker unterzogen. Ich frage mich
jedoch nach den Schwierigkeiten gerade mit diesem elektronischen Verstärkersystem,
warum man bei einer Neuauflage der RT nicht gleich eine Bremsanlage
ohne Elektronik entwickelt hat und das Geld lieber z.B. in aufwändigere
Bremssättel investierte. Immerhin erhöhte man die Wirkung
der Restbremsfunktion für Bremsungen ohne Bremskraftverstärker
(z.B. ohne Zündung oder bei Ausfall des Systems).
Positiv fällt mir die feinere Dosierbarkeit auf. Ich kann feiner
als bei den bisherigen BMW-Modellen anbremsen, habe aber auch etwas
mehr Handkraft aufzuwenden, um einen gleichwertigen Anker zu werfen.
Allerdings reichen nach wie vor zwei Finger am Bremshebel aus, um die
schwere Fuhre auf null zu bremsen.
Fazit:
Die neue RT ist in vielen Dingen eindeutig besser geworden als die
alte. Der 1200er Boxer zeigt in jeder Lebenslage, dass er Kraft im Überfluss
bereitstellen kann. Das Fahrwerk vermittelt eine agile Handlichkeit,
wie man es eher von kleineren Maschinen her kennt. Der Komfort und die
optionalen Ausstattungsmöglichkeiten lassen kaum Wünsche offen.
Mit reichhaltiger Ausstattung, ausreichendem Sitzplatz und genügend
Zulademöglichkeiten behauptet die neue RT eindrucksvoll ihren Platz
in der Reihe der Luxustourer. 
Und noch ein paar Fotos ...


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