|
Home
zurück
Email
zum
Seitenanfang
zum
Seitenanfang
zum
Seitenanfang
zum
Seitenanfang
|
Fahrbericht
BMW R 1150 RS
Der Trend unserer Zeit ist Schnelllebigkeit. Nichts bleibt lange,
wie es war. Technische Produkte werden immer besser, Computer immer
schneller und vergleichsweise günstiger. Hightech wohin das
Auge durch Pencams blicken kann.
Die
Motorradbranche geht, soweit möglich, in ihren dafür vorgesehenen
Marktsegmenten diesen Weg mit. Jedes Jahr werden bisher als perfekt getestete
Bikes nochmals verbessert, schneller gemacht und zu verdaubaren Preisen
angeboten. Verkleidungsgesichter blicken noch böser drein. Alles
verändert sich rasend schnell.
Schaut man sich die neue BMW R 1150 RS an, fällt dem ungeübten
Betrachter auf, dass sich der Schriftzug verändert hat. Ansonsten
wirkt die Sporttourervariante der 4V-Boxerfamilie ähnlich der schon
seit 8 Jahren gebauten 1100er Version. Was ist denn nun wirklich anders?
Schließlich entwickeln die Bikebauer in Fernost doch auch Jahr für
Jahr ihre Modelle etwas um. Sind die bei BMW da so erzkonservativ, dass
Ihnen nichts neues mehr einfällt?
Ich
beschäftigte mich einige Zeit mit der 1100 RS, las darüber,
fuhr sie - und fand, dass sie, wenn sie für ihre Zwecke und Zielrichtung
genutzt wird, genau das richtige Bike ist. Es geht ums zügige Tourenfahren,
um einen schnellen Strich über Landstraßen zu ziehen oder um
gemütlich dahin zu dümpeln. Das sind in erster Linie die Einsatzbereiche,
für die die RS konzipiert wurde. Und da war sie erste Sahne. Warum
also etwas Bewährtes und Gutes total umbauen?
Der
R 1150 RS konnte ich über knapp drei Wochen auf den Zahn fühlen.
Die Maschine wurde mir dankenswerterweise vom BMW-Werk zur Verfügung
gestellt.
Wie
immer, wenn ich meine Testmaschinen in München hole, versteckt sich
der weiß-blaue Himmel hinter dicken dichten Regenwolken. Es ist
wie ein Komplott, denn ich kam beim Abholen von Testmaschinen bisher noch
nicht trocken nach Hause. Egal. So kann das jeweilige Bike gleich zeigen,
wie es mit dem Wind- und Regenschutz gestellt ist.
Auf der Autobahn fällt mir als erstes auf, dass innerhalb kürzester
Zeit meine Handschuhe tropfnass sind. "Und das trotz so viel Plastikverschalung",
denke ich mir verärgert. Ansonsten kann ich jedoch kaum klagen. Der
Windschutz ist klasse.
Die
Scheibe lässt sich wie bei der RS gewohnt über eine Art Handrad
hoch- und runterdrehen. Die Idee der verstellbaren Scheibe ist echt in
Ordnung. Nur stört, dass ich mich weit nach vorne strecken muss,
um den Verstellgriff zu betätigen. Die Folge der Aktion ist, dass
mein Ärmel aus der Handschuhstulpe herausrutscht, wodurch Wind und
Regen freien Zugang ins Ärmelinnere bekommen. Das nervt. Ich denke
an die R 1150 RT, wo ich die Aktion einfach per Knopfdruck durchführe,
und frage mich, warum dieses Feature in die RS nicht übernommen werden
konnte. Der Preis der Maschine würde es jedenfalls rechtfertigen,
dass man statt der windigen Verstellkonstruktion eine solide und komfortable
Lösung vorfindet. Ein mir unverständlicher Umstand, vor allem,
weil dies die japanischen Modelle dieses Einsatzsegmentes à la
Yamaha FJR 1300 etc. schon serienmäßig umsetzen.

Ein paar Tage später endlich trockene Straßen und angenehmere
Temperaturen. Die gut wärmende Griffheizung kann außer Aktion
bleiben. Ich habe mittlerweile alle drei Sitzhöhen ausprobiert und
mich für die unterste entschieden, da ich die Maschine so am handlichsten
finde. Fränkische und schwäbische Landstraßen sind nun
mein Revier. Auf meiner Teststrecke lote ich die Schräglagengrenzen
aus und bin positiv überrascht, wie weit die RS umgelegt werden kann,
bis die Rastennippel aufschleifen. Da ist echt viel Freiheit. Das bedeutet,
dass das Kürzel "S" im Namen nicht ganz zu unrecht enthalten
ist. Sportliches Fahren ist mit der RS wirklich möglich. Klar, dass
man sich mit einer 9er Ninja nicht unbedingt anlegen braucht. Das ist
eine andere Klasse. Aber für eine richtig zügige Waltz hält
die RS in jedem Fall her.
Der Motor bietet schon von weit unten her mächtig Druck an. Ab 5000
Umin wird er dann noch richtig munter und drehfreudig, bis er kurz vor
dem roten Bereich zäh und müde zum Hochschalten ermuntert. Das
Getriebe mit seinen sechs Gängen unterstützt einen flotten Strich,
wenn man den als E-Gang ausgelegten sechsten Gang unbenutzt lässt.
Hier zieht die BMW leider nicht mehr so ganz die Wurst vom Brot. Schade
eigentlich, da ein Getriebe wie in der 1100 R mit "normalem"
sechsten Gang den Spaßfaktor in jedem Fall erhöhen würde.
So bleibt man in den unteren fünf Gängen. Macht auch Spaß,
wenn man sich dran gewöhnt hat.
Störend ist das brummende Vibrieren, das die 1150 RS im Vergleich
zu allen anderen 1150ern von BMW am stärksten zeigt. Das kann dann
auf längeren Touren schon mal auf die Nerven gehen. Ansonsten nimmt
man es halt in Kauf.
Das Handling konnte mit besser abgestimmten Federbeinen vorne wie hinten
leicht verbessert werden. Vorne wie hinten ist die Dämpfung einstellbar.
Hinten zudem die Federvorspannung mittels komfortablem Handrad. Das finde
ich nach wie vor klasse. Für mich ein großer Pluspunkt, vor
allem, was die Sicherheit anbelangt. So stellt man die Feder schon eher
auf die tatsächliche Gewichtsbelastung ein.
Das Handling wird durch die Serienbereifung (Metzler MeZ4) etwas zäh.
Ich denke, dass hier Bridgestones z.B. BT 056 o.ä. bessere Dienste
leisten würden. So muss die Maschine immer mit etwas Nachdruck in
Schräglage gebracht werden. Durch den in Gummi gelagerten Lenker
bleibt die Zielgenauigkeit leider auf der Strecke. Man muss bei zügiger
Fahrt mit 120% Konzentration unterwegs sein, um seine angestrebte Linie
auch wirklich zu fahren.
Es erfordert etwas Übung. Dann aber kann die Kuh wirklich richtig
schnell bewegt werden. Eine 9er fährt zwar immer noch davon, muss
am Zielort aber nicht lange warten, bis die Kuh eintrifft.
Ein
Problem hatte ich in satten Schräglagen kurz vor bzw. beim Aufsetzen
mit den Nippeln bei schneller Fahrt, indem die BMW über beide Räder
gleichzeitig schiebend den Kurvenradius vergrößerte. Nicht
vehement, nicht plötzlich einsetzend, sondern langsam, aber durchaus
spürbar. Ich denke jedoch, dass es sich hier um ein Reifenproblem
handelt.
Für
die große Tour ist die RS wie geschaffen. Man sitzt vorbildlich
in straff gepolsterten, sauber ausgeformten Sitzen, die dem Hintern
auch nach langer Sitzdauer noch schmeicheln können. Das Fahrwerk
bügelt das Gros an feinen Unebenheiten einfach weg ohne dabei
latschig zu wirken.

Sicher wirken die Bremsen. Wie in den anderen Modellen wurde auch in der
R 1150 RS die EVO-Bremse verbaut. Optional mit ABS und elektronischem
Bremskraftverstärker, wirkt der Handbremshebel auf alle Bremssättel
vorne wie hinten. Mit dem Fuß betätige ich ausschließlich
die hintere Bremse.
Bremskraft ist verdammt viel vorhanden, wenn ich mit der Hand den Hebel
anziehe. Anfangs viel zu viel. Das unvermittelt einsetzende Kraftbremsen
stört anfangs viele Linien. Der Fahrstil muss dem Moppett angepasst
werden. Nach kurzer Zeit habe ich meist den richtigen Speed für die
Kurven, so dass ich nicht weiter mit der Bremse korrigieren muss, denn
die Feindosierung erfordert viel Fingerspitzengefühl und ist in manchen
Situationen schier unmöglich. Das ist jedoch eine Erschwernis, die
nach meiner Testerfahrung bremsenspezifisch alle mit dem System ausgestatteten
BMWs haben. Da ist sicherlich Nachbesserung notwendig.

Insgesamt jedoch ist die BMW R 1150 RS ein Motorrad für viele Gelegenheiten.
Dank dem guten Licht werden Dunkelfahrten nicht zum Blindflug. Die Instrumente
sind einfach und klar ablesbar. Das Fahrerinformationsdisplay gibt Auskunft
über Uhrzeit, eingelegtem Gang, der Öltemperatur und den momentanen
Tankinhalt. Die Lenkerstummel sind einstellbar, so dass die Sitzposition
weitgehend den körperlichen Erfordernissen angepasst werden kann.
Fazit:
es muss nicht immer gleich alles total verändert werden, wenn Entwicklung
stattfinden soll. Die schon gute 1100er RS konnte nicht nur durch den
Schriftzug verbessert werden. Sie ist auf dem aktuellsten Stand der BMW-Technik
und rundum ein klasse Motorrad, wenn auch mit einigen Makeln. Für
zügige Tourenfahrer gehört sie jedenfalls mit zur ersten Wahl.
Stand:
2002-01-26
|