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Fahrtest mit der aktualisierten
BMW K 1200 LT
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Ich
kann mich noch genau daran erinnern, als ich eine BMW K 1200 LT zum ersten
Mal sah. Unmöglich fand ich dieses rollende Wohnzimmer. Abgekupfert
von den amerikanisierten Gold Wings. Da kann ich doch gleich mit dem Auto
fahren. Wenn ich Motorrad fahre, möchte ich Spaß haben.
So könnte die Lästerpalette weitergehen, für deren Ergänzung
ein wirklich großer Teil der gesamten Motorradfahrer sorgt. Leider
traf ich bisher noch keinen lästernden Bikegenossen, der ein Motorrad
von diesem Schlag auch schon mal selbst gefahren hat. Aber das ist ein
anderes Thema.
Richtig ist, dass die K 1200 LT aus München einen Überfluss
an Annehmlichkeiten suggeriert, dass die Frage nach deren Sinn auf einem
Motorrad durchaus gerechtfertigt zu sein scheint. Genau wie die Frage
nach dem Sinn, ein Motorrad für den normalen Straßenbetrieb
mit katapultähnlichen Beschleunigungswerten und leichtgewichtigen
175 PS auszustatten.
Es
sind Extreme des Motorradbaus. Und sie zeigen, was heutzutage in Serie
hergestellt werden kann. Es sind die beiden Enden einer Modell- und
Imagekette im Motorradbau, die mittlerweile wirklich jeden Schlag von
Motorradfahrer zufrieden stellen kann. Genau wie es im Autobau die Extreme
spritziger Rennsemmeln und tonnenschwerer S-Klasse-Boliden gibt. Für
jeden das seine eben.
Und betrachtet man wissenschaftliche Studien über die Altersstruktur
bei Motorradfahrern, stellt sich heute mangels Nachwuchs ein durchschnittliches
Alter von 38 Jahren ein. Betrachtet man diese Altersklasse realistisch,
so handelt es sich bei der Altersklasse 38 <= X größtenteils
um Wiedereinsteiger nach einer Familienpause, die sich in ihrem ersten
Bikerleben mit den Bikes der 80er Jahre ausgetobt haben. Diese Hauptaltersgruppe
ist nur noch wenig interessiert an Supersportlern. Da steht Tourentauglichkeit,
Sicherheit und Haltbarkeit mit einem eventuellen Touch Sportlichkeit
an oberster Stelle.

Mein Testbericht handelt nun von der absoluten Luxusklasse. Die BMW
K 1200 LT ist mit dem K-bekannten liegenden Vierzylinder ausgestattet,
der von einer elektrischen Einspritzung genährt seine Abgase durch
einen G-Kat entlässt. Dieses Konzept spricht für sich und
ist zukunftsträchtig. Und es beschert dem 387 kg leergewichtigen
Koloss Spritverbräuche um die 5 Liter Super bleifrei. Das ist einzigartig
unter dem Gesichtspunkt meines Fahrstils, der z.T. alles andere als
gemütlich bummelnd ist. So erreichte ich einen Maximalverbrauch
von 5,4 Litern mit Sozia und Gepäck!
Ich beschränke mich hier auf einige wesentliche Testaspekte, denn
die Vielfalt an Ausstattungsmerkmalen und deren Beschreibung würde
diesen Bericht auf Buchumfang wachsen lassen.
In Kürze seien die für das aktuelle Modell vorgenommenen
Modifikationen genannt:
Die
fette K ist nun mit einem rückenschonenden Hauptständer ausgestattet,
der per Hydraulikpumpe die Maschine samt aufsitzenden Personen und dem
gesamten Gepäck in einen sicheren Stand bringt. Ein wirklich komisches
Gefühl, als ich diesen Vorgang per Knopfdruck zum ersten Mal einleite.
Ein hohes Summen kündigt den ausfahrenden Ständer an, der
am Boden angekommen plötzlich die gesamte Fuhre anhebt und abstellt.
Das funktioniert wunderbar einfach und absolut sicher. Obwohl die alte
LT sich auch manuell nicht schwer aufbocken ließ, ist diese Knopfdruckgeschichte
natürlich wesentlich angenehmer.
Damit man bei Dunkelheit den Boden unter der Maschine für das Aufbocken
begutachten kann und man sich anschließend nicht unabsichtlich
in einem Haufen die Lederstiefel beschmutzt, leuchten auf jeder Seite
ein unten im Fallhöcker integrierter heller Scheinwerfer den Unterboden
taghell aus, um dann nach einiger Zeit sanft auszudimmen. Ich war von
dem Spektakel bei einem kurzen Halt auf einem dunklen abgelegenen Parkplatz
total überrascht worden und staunte nicht schlecht, als ich plötzlich
nach dem Abstellen des Motors den Boden unter mir satt beleuchtet betrachtete.
Alles ist natürlich wie die Instrumentenbeleuchtung per Helligkeitssensor
gesteuert.
Eine
geänderte Sitzbank lässt nun eine Sitzhöhe von 170 cm
zu, so dass auch kleinere Fahrer als bisher in den Genuss des Boliden
kommen können. Zusätzlich lässt sich die Maschine im
Stand sicherer halten. Sollte sie dennoch kippen, fällt sie auf
die seitlichen Stoßfänger, die die Maschine perfekt vor weiterem
Schaden bewahren. Zudem fällt sie dabei "nur" soweit
um, dass sie relativ leicht wieder aufgerichtet werden kann. Unglaublich
- aber wirklich möglich!
Die Motorleistung wuchs nun auf 116 PS an, die bei 8000 Umin abgegeben
werden. Leider erhöhte man nicht den Hubraum und somit das Drehmoment
im unteren Drehzahlbereich. Wer schon mal eine 1800er Gold Wing gefahren
hat, weiß, wie angenehm es sein kann, mit bulligem Drehmoment
einen solchen Luxustourer zu bewegen. Da kommt einfach noch mehr Entspannung
beim Fahren auf. Nicht, dass die K 1200 LT lahm wäre. Mit einem
Anfangsdrehmoment von 80 NM bei diesem Leergewicht kann ich jedoch keine
großen Sprünge erwarten. Sie lässt sich bis ca. 5000
Umin wie eine gut laufende 50 PS Maschine bewegen. Ab der genannte 5000
Umin ist eine spürbare Leistungssteigerung im Vergleich zur Vorversion
mit 98 PS zu spüren. Sie wirkt nun auch richtig drehfreudig und
belohnt das Hochdrehen des Motors mit richtig gutem Abzug. Mir fehlt
jedoch der gleiche Abzug im unteren Drehzahlbereich, der sich sicher
nur mit einer Hubraumerhöhung bewerkstelligen lässt. So könnten
schnelle Überholmanöver ohne lästiges Runterschalten
durchgeführt werden. Ein Gefühl von luxuriöser Souveränität
würde sich eindeutiger einstellen.
Die fünf Gänge lassen sich einfach und relativ klar schalten.
Getriebeseitig verbaute man nun hochverzahnte Getrieberäder für
geräuschärmeren Lauf.
Ein
Plus an Fahrkomfort bringt das wegabhängige Federbein am Hinterrad.
Es wirkt stabil und bewahrt den Fahrer vor den feinen Unebenheiten.
Gleiten ist angesagt. Das ist nichts für Leute, die eindeutige
Rückmeldung zur Straße haben möchten. Hier fühle
ich mich davon fast entkoppelt. Natürlich lässt sich das Federbein
unter der aufgeklappten Fahrersitzbank per Handrad einstellen.
Das vordere Federbein wirkt dagegen nicht ganz so stabil und neigt gelegentlich
bei Schlaglöchern oder abgesenkten Bordsteinen zum Durchschlagen.
Ansonsten verrichtet es seine Arbeit ohne Tadel.
Das Fahrwerk mit Rahmen wirkt sehr stabil und verwindungssteif. So
ist es kein Problem, mit Gepäck und Sozia auf welligen Landsträßchen
einen richtig flotten Strich zu ziehen. Gut, die Schräglagenfreiheit
ist begrenzt. Doch reagiert die LT beim Aufsetzen absolut neutral und
ohne Zucken, so dass man diesen Moment nicht fürchten muss.
Überhaupt bin ich vom leichten Handling dieses Riesenmotorrades
überrascht. Es ist ein ganz anderes Fahren. Der Lenkereinsatz kommt
bei der K 1200 LT wesentlich mehr zum Tragen. Die fast 1 Meter langen
"Lenkerstummel" stellen einen angemessenen Hebel zum Lenkkopf
dar, so dass die Maschine samt Besatzung und Zuladung immer sicher und
leicht in jede Kurve und mögliche Schräglage ohne großen
Krafteinsatz gebracht werden kann. Auch zügige Schräglagenwechsel
sind mit der LT kein Problem. Da kamen mir manche Supersportler schon
schwerfälliger vor.
Meine
Begeisterung für solch dynamisches Fahrverhalten mit einem solchen
Riesenbrocken kann ich nicht zurückhalten. Ich beginne, dieses
Fahren richtig zu mögen. Schließlich bin ich nicht wesentlich
langsamer auf meinen Hausstrecken unterwegs als mit einigen sportlich
angehauchten Testmaschinen bisher. Der Unterschied liegt darin, dass
ich nicht durchgeschüttelt werde, hinter der elektrisch verstellbaren
Scheibe bei geringer Windlautstärke meine Lieblingsstücke
der Jazz Kantine hören kann und dabei noch seelenruhig völlig
entspannt den Rap-Rhythmus auf den Fußrasten wippe. Das geht mit
vier Lautsprechern immerhin bis Tempo 150 bei geöffnetem Visier.
Viele werden sagen, dass sie das nicht brauchen. Ich brauche es auch
nicht, aber ich kann es genießen. Das ist der Punkt. Mit der LT
kann ich Situationen genießen, die ich mit anderen Motorrädern
nicht erleben kann. Und dafür ist sie ja schließlich so gebaut
worden und kostet im Vergleich zu einem normalen Motorrad soviel mehr
wie ein 760i zum A6.
Was ich mit der K 1200 LT ob ihres hohen Gewichtes öfter einsetze
ist der per Drehschalter zuschaltbare Rückwärtsgang. Eine
angenehme Einrichtung, wenn ich mich beim Wenden verschätzt habe.
Einfach im Leerlauf den Schalter über der linken Fußraste
umlegen, den Anlasserknopf drücken - und schon läuft alles
rückwärts. Dabei rangiere ich über die Spiegel wie mit
einem Lkw.
An
Ausstattungsmöglichkeiten besteht bei der K 1200 LT kein Mangel.
Bei kühler Witterung empfehlen sich die für Fahrer und Sozia
getrennt einstellbaren Sitzheizungen, die sehr gute Arbeit verrichten.
Ebenso effektiv arbeitet die Griffheizung. Die Zentralverriegelung bedient
per Funkfernbedienung neben dem Gepäcksystem die Wegfahrsperre.
Ein optionaler CD-Wechsler erspart das Anhalten zum Wechseln des Tonträgers.
Höhenverstellbare Soziustrittbretter steigern den Sitzkomfort für
die Sozia so wie die höhenverstellbare Fahrersitzeinheit für
den Fahrer. Für's richtige Ankommen sorgt das sauber funktionierende
Navigationssystem.
In diesem Stil könnte man weiterfahren. Die gesamte Ausstattungsvielfalt
kann man sich beim BMW-Händler einen Nachmittag lang mal zeigen
lassen.
Mäkelpunkt ist für mich nach wie vor das Bremssystem mit
elektrischem Bremskraftverstärker. Wie in vielen anderen BMW-Modellen
überzeugt es zwar mit fulminanter Verzögerungsleistung, ermöglicht
jedoch kaum eine Feindosierung der Bremskraft mit den bekannten Folgen.
Leider
ist es den Ingenieuren in München bisher nicht gelungen, hier effektive
Abhilfe zu schaffen.
Das ABS empfinde ich als übersensibel. Die Regelintervalle sind
auch im Modelljahr 2004 immer noch zu lang, so dass z.B. auf feuchten
Straße mit Bitumenflicken größte Vorsicht angebracht
ist. Das ABS öffnet bei einfachen Bremsvorgängen sehr schnell
und für meine Empfindung zu lang die Bremsen bis zum nächsten
Zupacken. Man hat das Gefühl, trotz betätigtem Bremshebel
einige Meter ohne Verzögerung unterwegs zu sein.
Fazit:
Luxus auf zwei Rädern ist Ansichtssache, aber durchaus möglich.
Die neue BMW K 1200 LT gewinnt an Dynamik durch den leistungsgesteigerten
Motor. Langes Touren kann mit dieser Maschine zum entspannten Vergnügen
werden. Wer sich diesen Luxus gönnen kann und will, wird in seinen
Bedürfnissen nach Komfort sicher nicht enttäuscht werden.
Die K 1200 LT ist ein überraschend agiler und handlicher Luxustourer,
dem man sein Gewicht nur im Stand anmerkt. Man ist per neugestalteter
Rundinstrumente und Flatscreen über alles informiert, was das Herz
begehrt. Seine Sparsamkeit im Kraftstoffverzehr ist richtungsweisend
im Motorradbau, ein 4,x-Verbrauch kein Kunststück. Um absolute
Perfektion ausstrahlen zu können sollte die Bremsanlage in Feinheiten
überarbeitet werden.
So dürfte sich zum Schluss für Interessierte nur die Frage
stellen, ob gut 20.000.- Euro für diese gediegenen Ambitionen zur
Verfügung übrig sind. 
Und noch ein paar Fotos mehr ...


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