Fahrbericht BMW F 800 ST
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Im letzten Herbst konnte ich mich von den Vorzügen der neu eingeführten
Modellreihe bei BMW in Form der F 800 S überzeugen. Sie konnte,
obwohl sie nicht mit Topwerten in Sachen Leistung aufmerkt, bis auf
das Klong-Getriebe auf der ganzen Linie begeistern. Jetzt steht die
Tourenvariante des 800er Twins vor meiner Garage mit Sportkoffern und
Tankrucksack. Sie muss schnell bepackt werden, denn sie soll Gitte und
mich 500 km weit über Landstraßen und -sträßchen
nach Lauenförde im Weserbergland zur Villa Löwenherz bringen,
dem ersten Hotel ausschließlich für Motorradfahrer, aber
das ist eine andere Geschichte.
Die schminkkofferähnlichen Seitenbehälter mutieren mit zunehmender
Füllmenge zu ausgewachsenen Motorradkoffern. Immer wieder faszinierend,
wie sich die Koffer dem Füllvolumen anpassen können. Der wasserdichte
Tankrucksack nimmt ebenso große Mengen auf. Leider schrottet das
wasserdichte Kartenfach meine Generalkarten beim Reinschieben, da die
transparente Sichtfolie eine gummiartige Reibung aufbaut und es mir
so schwerfällt, die Karte einfach reinzuschieben ohne ständig
hängen zu bleiben und schließlich an den Falzen Risse davonzutragen.
Was ist anders an der F 800 ST gegenüber der sportlicheren F 800
S?
Die Erstbereifung:
Statt dem sportlichen Bridgestone BT 014 kommt die ST mit dem Tourensportreifen
BT 020 daher.
Der Lenker:
Die ST wartet mit einem Rohrlenker auf, der im Vergleich zu den in der
oberen Gabelbrücke integrierten Lenkerstummeln mit Klemmböcken
gehalten wird. Man sitzt merklich aufrechter und greift 5 cm breiter.
Die Seitenverkleidung:
Die Lenkerverkleidung wich einer vollen Seitenverkleidung.
Die Scheibe:
Die Verkleidungsscheibe steht steiler, baut höher und zeigt sich
mit starken Konturen.
Die Räder:
Sie bekamen ein modifiziertes Design.
Noch was? Nein! Damit hat die F 800 ST fertig.
Nun - es liegen zwischen beiden Modellen einige Monate Weiterentwicklung
im Werk, was das Getriebe angeht. Nicht umsonst machten Titulierungen
wie "Klong-Körper" die Runde, als die Tests der F 800
S veröffentlicht wurden. Auch meine Testmaschine "beglückte"
mich im Herbst
mit auffällig lauten Klongs beim Schalten und nervte mit großem
Spiel im Antriebsstrang. Diesem Problem ist man bei BMW zu Leibe gerückt.
Die Techniker analysierten eine Diskrepanz zwischen geringer Motorschwungmasse
und großer Drehmasse im Sekundärantrieb. Abhilfe schaffte
ein Distanzring, der eine kleine Reibscheibe in der Kupplung ersetzt,
die die Getriebeeingangswelle beim Schaltvorgang zur stark abbremste.
Die starre vordere Riemenscheibe wird durch eine mit vier Ruckdämpfern
bestückte zweiteilige Riemenscheibe ersetzt.
Das Ergebnis kann mich weitgehend überzeugen. Die lauten Getriebeschläge
gehören der Vergangenheit an. Spiel im Antrieb kann ich nur noch
feststellen, wenn ich in hohem Gang gleite und sich leichtes Konstantfahrruckeln
auf den Antrieb überträgt, der dann mit leichtem Antriebsklappern
antwortet. Jedoch liegen da zwischen den Schlägen der Herbstmaschine
und der aktuellen F 800 wirklich Welten. Im normalen Alltagsbetrieb
geht nun alles angenehm weich vonstatten. Lastwechselreaktionen gehören
ebenso der Vergangenheit an. Es geht doch.
Ich frage mich nur, warum die Maschine bei BMW nicht vor der öffentlichen
Erstvorstellung der F-800-Serie soweit getestet und modifiziert wurde,
dass Käufer der 2006er F-800-Maschinen diese Macken nicht hätten
mitkaufen müssen. So räumte Dr. Christian Landerl, der Leiter
der Projekte Reihenmotoren bei BMW, in einem Interview mit MOTORRAD
ein: "Wahrscheinlich haben wir bei internen Test- und Versuchsfahrten
jene Fahrsituationen, bei denen Sie Kritik am Lastwechselverhalten und
der Schaltbarkeit übten, nicht mit der nötigen Sensibilität
durchfahren."
Man kann sagen, dass BMW wenigstens reagiert und nachgebessert hat.
Andererseits frage ich mich, wie die Versuchsfahrten durchgeführt
wurden, wenn diese Erscheinungen den BMW-Testfahrern nicht genug auffielen,
jeder Motorradtester aus Pressekreisen jedoch sofort auf diese nervigen
Marotten stieß.
Die Maschine ist gepackt. Auf die große und stabile Gepäckbrücke,
die seitlich ausladende Haltegriffe integriert, zurre ich die Gepäckrolle.
Mit Langlöchern ist es für mich ein Leichtes, die Zurrgurte
sauber zu führen und die Rolle so zu fixieren, dass sie Gitte später
beim Fahren nicht einengt.
Mittels
Handrad bringe das Federbein auf maximale Federvorspannung. Mittels
Drehknopf erhöhe ich werkzeuglos die Zugstufendämpfung. Diese
einfachen Verstellmöglichkeiten würde ich mir bei vielen anderen
Motorrädern ebenso wünschen.
Auf Tour. Wir sitzen beide in erfreulich entspannter Sitzposition und
kommen zügig voran. Trotz ausgereizter Nutzlast zieht der Rotax-Twin
in jedem Drehzahlbereich kraftvoll durch. Lediglich um die 4000 - 4500
U/min leistet er sich einen im letzten Gang spürbaren Durchhänger,
der es bei zügigen Überholmanövern erfordert, dass ich
ein bis zweimal runterschalte. Ansonsten hängt der Twin direkt
und sauber am Gas und stellt unter Beweis, dass die angegebenen 85 PS
bei 8000 U/min und die 86 NM bei 5800 U/min Realität sind.
Wie bei der S-Variante geht alles spielerisch vonstatten - nein, spielerischer,
denn durch die aufrechtere Sitzposition in Verbindung mit dem breiteren
Lenker ist die ST handlicher geworden. Die neu gestaltete Scheibe schützt
effektiv vor Fahrtwind, wobei die Helmstirn dem Winddruck ausgesetzt
ist bei meinen 182 cm Körperhöhe, was jedoch nicht sonderlich
stört. Wunderbar leise und mit sehr wenig Verwirbelungen hält
mich die Scheibe bis zur Visiermitte druckfrei. So sind auch dauerhaft
höhere Geschwindigkeiten zum Kilometerfressen entspannt möglich.
Überrascht bin ich auf Streckenstücken mit unschönem
Flick- und Wellenbelag, wie stabil die ST bleibt. Das Federbein bietet
auch voll beladen genügend Reserven. Durchschlagen gibt es nicht.
Aufschaukeln auch nicht. Das Fahrwerk
gibt sich schluckfreudig komfortabel und mir immer das sichere Gefühl
durch absolute Linientreue in Schräglagen. Manchmal vergesse ich,
dass ich voll beladen unterwegs bin, so spielerisch lässt sich
die F 800 ST dirigieren.
Die üppig dimensionierten Bremsen lassen nichts anbrennen. Nur
der schwammige Druckpunkt stört. Auch die Feindosierung könnte
etwas besser sein. Die Bremsleistung jedoch zählt zum Feinsten.
Auch das ABS arbeitet ordentlich, auch wenn es noch nicht die Sensibilität
des ABS z. B. einer Honda CBF 600 hat. Bei Tests zeigte das ABS auf
Sandspur bei mehreren Bremsungen aus ca. 50-80 km/h unterschiedlich
lange Regelintervalle.
Eine Stunde früher als gedacht erreichen wir entspannt die Villa.
Neun Stunden haben wir auf der F 800 ST gesessen und außer Autobahn
so ziemlich alles an Straßengattungen unter die Räder genommen,
was unsere Republik zu bieten hat. Auch Gitte fühlt sich nach der
Zeit gut und erzählt mir später beim Bier, dass sie selten
auf einem Motorrad auf längerer Tour so angenehm gesessen war.
Nach einigen Tagen, wieder daheim, nehme ich die ST für meine
geliebten Teststrecken her. Einzeln, ohne Koffer und sonstigen Ballast
kann ich sie etwas sportlicher bewegen, was ihr genauso liegt wie der
S-Variante. Schließlich sind Fahrwerk und der stabile Aluminiumbrückenrahmen
vollkommen identisch. Den Gewinn an Handlichkeit im Vergleich zur Sportschwester
durch den breiteren Lenker egalisieren die Bridgestone BT 020 wiederum
nahezu vollkommen. Gerade bei höherem Tempo wirkt die Maschine
etwas zäh bei schnellen Richtungswechseln - leider, denn möglich
wäre mit anderer Bereifung sicherlich ein noch deutlicheres Plus
an Handlichkeit. So möchte sie auch bei hohem Tempo mit deutlichem
Nachdruck in Schräglagen gedrückt werden, die die Laufflächenkante
erreichen lassen. Schade finde ich auch, dass nicht der handlichere
Nachfolger BT 021 montiert ist. Aber das ist ein Reifenproblem, nicht
ein Problem der Maschine, denn Reifen kann man wechseln. Ich bin mir
sicher, dass mit einem anderen Reifen (z. B. Metzeler Roadtec Z6, Pirelli
Diablo Strada oder Michelin Pilot Road2 2CT) deutlich mehr Handlingsleichtigkeit
aus der F 800 ST zu holen ist. Auf der BMW F 800 S konnte ich es mit
dem sportlichen BT 014 deutlich spüren.

Nach mehreren Tankstellenbesuchen überzeugt die F 800 ST mit ihrer
Sparsamkeit. Der Twin leistet starke Arbeit und verbraucht dabei wenig.
Wenn ich im Verkehr mitschwimme, bin ich immer deutlich unter 5 Liter/100
km unterwegs. Auf der Tour zu Villa Löwenherz hatten wir vollbepackt
bei zügiger Fahrweise einen Durchschnitt von 5,2 Litern. Und wenn
ich toben war, überschritt ich sehr selten, und wenn, dann nur
knapp die 6-Liter-Marke. Angesichts der Spritpreise empfinde ich das
als sehr erfreulich.
Fazit:
Mit der F 800 ST hat BMW einen vollwertigen Tourer in der Mittelklasse
auf die Beine gestellt. Genügend Ausstattungsoptionen über
Heizgriffe, ABS, Bordcomputer und Steckdose unterstützen neben
der angenehmen Sitzposition für Fahrer und Sozius und dem effektiven
Windschutz entspanntes Touren auch auf langen Strecken. Mehr braucht
man nicht für sicheres und zügiges Vorwärtskommen auf
der Landstraße, wobei Kilometerfressen bei hohem Dauertempo auf
der Autobahn ebenso möglich ist. Sparsamer Umgang mit Sprit bei
mehr als ausreichender Leistungsausbeute und spielerische Handlichkeit
unterstützen das gute Gefühl auf der Maschine. Seit der Getriebemodifikation
kann man auch die Vorteile des wartungsarmen Zahnriemenantriebs auskosten.
Allerdings muss man, je nach Ausstattung, stolze 10000 - 11000.- €
auf den Tisch blättern, um eine F 800 ST sein eigen nennen zu können. 
Und noch ein paar Fotos ...






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