|
Fahrtest mit der
BMW R 1100 S
Boxer Cup Replika
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn
Die Zeit vergeht. Vier Jahre ist es bereits her, als ich die BMW R 1100
S im Test hatte und mit ihr gleich noch ein Fahrertraining auf dem Hockenheimring
absolvierte. Ich war richtig begeistert von dem Motorrad. Alles passte
wunderbar zusammen. Sitzposition, Fahreigenschaften, Alltagstauglichkeit.
Und für einen richtig flotten Strich war nicht nur auf dem Hockenheimring
gesorgt.
Auf der Rennstrecke in Brünn konnte ich nochmals das Potenzial
der Maschine begutachten, als mir kein geringerer als Peter Öttl
auf seiner Boxer Cup Maschine per Einzelinstruktion die Ideallinien
und Bremspunkte zeigte.
Die
Replika 2004 wird von BMW als zusätzliche Ausstattungsvariante
der R 1100 S angeboten. Sie mutet sehr sportlich an. Die dreifarbige
Lackierung wirkt mitsamt der Sponsoraufkleber als Blickfang. Selbst
hartgesottene Speedfahrer und Lenker hochmotorisierter Japanbikes gönnten
sich an diversen Motorradtreffs mehrere Sightseeingrunden um die BMW,
worüber ich mehr als überrascht war. Schließlich gilt
die 1100 S in dieser Klasse eher als absolut untermotorisiert. Optik
zählt heute also immer noch.
Als weitere Modifikationen spendierte man der Replika einen Satz Laser
Endschalldämpfer, Carbonschutzhauben auf den Ventildeckeln und
ein Sportfahrwerk mit verlängertem Federbein im Heck. Letzteres
soll die Schräglagenfreiheit erhöhen, damit die Zylinder nicht
so schnell wie bei der normalen S mit dem Asphalt in Berührung
kommen.
Als
die Testmaschine vom Spediteur entgegennehme, fällt mir gleich
das richtig hohe Heck auf. Ich stehe neben der Maschine und frage mich,
ob ich mir zu meinen Ausfahrten noch schnell ein paar Plateaustiefeletten
kaufen soll, um an den Ampeln sicheren Bodenkontakt zu bekommen. Ich
verwerfe den Gedanken ob meiner Eitelkeit und entscheide mich dafür,
beim Anhalten darauf zu achten, mit den Rädern nicht zwischen zwei
Spurrillen zum Stehen zu kommen. Kurzbeinigere Leser werden sofort wissen,
was ich meine;-)
Die Sitzposition wirkt aufgrund des erhöhten Sitzpolsters stark
vorderradorientiert. Die Handgelenke müssen mehr Gewicht aufnehmen,
was ich bereits im Stand als störend empfinde. Der Druck auf den
Startknopf entlässt die Abgase mit sattem und sonorem Boxerbrummeln
aus den Lasertöpfen. Der Sound törnt an - und ich finde, dass
jede originale Boxer-BMW etwas von diesem Klang ab Werk mitbekommen
sollte. Das Ohr genießt schließlich mit.
Mit
den Fußspitzen am Boden spiele ich etwas am Gas, bevor ich die
Replika durch unsere Siedlung bewege. Ist schon echt klasse, dieser
Sound. Die Siedlungsstraßen in meiner Gegend sind wellig und klassisches
Flickwerk. Jedes kleine Bodenwellchen bekomme ich ungefiltert an Po
und Handgelenke weitergeleitet. Sie wirkt hart und knochig und erinnert
mit etwas an mein erstes Auto - einem Audi 50, dem ich ein gelbes Koni-Fahrwerk
implantierte. Wenn ich danach über ein 5-Mark-Stück fuhr,
konnte ich per Popometer erahnen, ob Zahl oder Adler oben lag.
Auf der Landstraße zieht die S im unteren Drehzahlbereich sauber
weg und vibriert dabei boxertypisch. Nur fällt es mir mehr auf,
da mich die stärker belasteten Handgelenke die Motorvibrationen
in größerem Maß spüren lassen. Auf der Landstraße
ist das kein Problem mehr. Der Fahrtwind entlastet trotz gutem Windschutz.
Endlich
komme ich in meine Testregion, wo ich mittlerweile jeden Winkel und
Straßenbelag kenne. Die Replika darf endlich zeigen, ob die Umbauten
ein echter Gewinn für die R 1100 S sind. Doch zuvor stoppe ich
und stelle die hintere Feder mit dem Handrad fast komplett auf die weichste
Stufe. Sie ist mir einfach zu hart und dadurch zu unruhig. Vorne passt
die Werkseinstellung soweit, nur die Zugstufe öffne ich etwas.
Jetzt tauche ich ein in die wunderbaren fränkischen Straßen
dritter Gattung. Der wellige Belag lässt die S noch immer leicht
unruhig erscheinen. Ich habe das Gefühl, dass die Replika bei forscher
Fahrweise mehr Konzentration und Lenkkorrekturen erfordert. Zudem muss
ich für satte Schräglagen und schnelle Richtungswechsel mehr
Kraft aufbringen als mit der "einfachen" S. Die Ursache darf
sicherlich im 180er Hinterreifen gesucht werden. Es fehlt mir die fahrerische
Gesamtharmonie, wie ich sie von der Basis-S in Erinnerung habe. Da musste
ich nicht viel am Fahrwerk verstellen, dass es passte. Dieses Gefühl
stellte sich während der gesamten Testzeit nicht ein. Ich konnte
mich immer nur dem Optimum nähern, es jedoch nicht erreichen.
Das
heißt natürlich nicht, dass die Boxer Cup Replika ein schlechtes
Fahrwerk habe. Sie liegt wirklich satt und sicher auf der Straße.
Es dauert mir nur zu lange, bis ich richtig Vertrauen habe und sie auch
sportlich fliegen lasse. Sie wirkt unruhiger, die Handgelenke müssen
mehr Stöße verdauen und beginnen auch schon mal zu schmerzen.
Das kannte ich bisher nicht von BMW-Motorrädern, dass ich bei Ausfahrten
immer wieder mal meinen Arm ausschütteln und die Handgelenke lockern
musste.
Dennoch kommt nach einiger Zeit gegenseitigen Kennenlernens richtige
Fahrfreude auf. Schließlich ist und bleibt die Basis die R 1100
S. Der Motor zieht unterhalb von 5800 U/min sauber aus den Ecken und
drückt saubere Leistung ab. Drüber wirkt er baubedingt etwas
zäh.
Es macht Spaß, mit der Replika den Sportec M1 so warm zu fahren,
dass er in manchen Kurven eine schwarze
Linie hinterlässt. Das geht auch mit einer Boxer S und ist nicht
hochmotorisierten Sportlern aus Japan oder Italien vorbehalten. Aber
man muss die S dann schon richtig treiben - ja fast quälen, um
in einer solchen Gruppe beim Landstraßengasen mithalten zu können.
Positiv empfinde ich von Anfang an die Bremsen der Replika. Ich ziehe
die "normale" Bremse der Variante mit elektronischer Bremskraftverstärkung
vor. Zwar benötige ich eine relativ hohe Handkraft, doch stimmt
hier die Feindosierung, die die Bremsanlage mit elektronischer Bremskraftunterstützung
stark vermissen lässt. Keine unangemessene Bremsattacken beim feinen
Korrekturbremsen in Schräglage, die die Linie stören. Da ist
alles wunderbar im grünen Bereich. Und bei Bedarf kann die Replika
dennoch kraftvoll und sicher verzögert werden.
Fazit:
Die Boxer Cup Replika stellt ihre Sportlichkeit auch optisch in den
Vordergrund. Auf der Landstraße kann sie gegen die Basis jedoch
kaum punkten. Der Käufer muss für sich selbst abwägen,
ob er bereit ist, den saftigen Aufpreis zu zahlen. Schließlich
muss man über 13000.- Euro übrig haben, um sich eine R 1100
S mit sportlichem Zubehör zu kaufen, mit einem Zubehör, das
die Maschine ohne Frage durchaus rennstreckentauglicher macht als die
Basisversion. Wer das möchte, wird mit der Boxer Cup Replika sicher
gut bedient sein. Sie ist kompromissloser als die Basis, nicht aber
unbedingt besser.

Und noch ein paar Bilder ...



|