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Fahrtest mit der BMW R 1150 GS Adventure
Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner, Tango Turtle
"GS" - das Kürzel aus dem Hause BMW kursiert mittlerweile
seit über 20 Jahren in Motorradfahrerkreisen und verheißt
erdigen Bodenkontakt auf den Fernreiserouten dieser Erde genauso wie
auf der Hausstrecke gleich ums Eck. Schnell erhielt sie das Image der
eierlegenden
Wollmilchsau, denn kaum ein Modell konnte viele Einsatzbereiche ähnlich
gut abdecken wie die GS.
Liest man Reiseberichte aus Afrika oder dem hintersten Sibirien, ist
meist das rollende Gefährt eine GS. Selbst die technisch aufwändigere
4V-Variante seit der 1100er-Reihe fand hier seine Liebhaber nicht zuletzt
wegen des Langstreckenkomforts und der Robustheit der dennoch leicht
überschaubaren Technik.
Nichtsdestoweniger erzählen auch Mitglieder der Knieschleiferfraktion
von Zusammentreffen auf kurviger Landstraße mit dem Hinweis, dass
man sich schon wirklich anstrengen musste, um dem GS-Biker ein paar
Meter abzunehmen zu können.
Die letzte
Variante fand in der R 1150 GS das wohl beliebteste Motorrad seit Jahren,
möchte man den Verkaufszahlen glauben. Umbauspezialisten wie WÜDO
oder Touratech entwickelten für die echten Fernfahrer Zubehörteile,
um die von Haus aus schon fast perfekt gelungene GS noch besser zu machen
bzw. für harte Einsatzzwecke zu verbessern. Im eigenen Haus erweiterte man nun die 1150er GS und stellt sie mit
dem Attribut "Adventure" der Öffentlichkeit vor. Laut
Prospekt soll auf ihr die Welt erkundbar sein. Mich interessiert, inwieweit
die Umbauarbeiten die Basis-GS verbessert haben.
Die
Testmaschine steht in der Pressegarage. Als ich sie sehe, bekomme ich
Ehrfurcht ob der Gewaltigekeit ihrer Größe und Masse, die
sie ausstrahlt. Ich stelle mich neben die auf dem Hauptständer
stehende Maschine und überlege, wie ich sie da runter bekomme ohne
sie gleich umkippen zu lassen. Im Kopf gehe ich das Gesamtgewicht durch,
das da vollgetankt vor mir steht. Mit dem 30 Liter fassenden Stahltank
und dem von BMW hinzugefügten Gepäcksystem (zwei massive Aluboxen
und ein Topcase, alles mit schweren wasserdichten Innentaschen) kommen
da sehr gute sechs Zentner zusammen. Der Tank wirkt wuchtig und treibt
den Schwerpunkt weit nach oben. Ich beschließe, die Maschine auf
dem Hauptständer zu besteigen und sie dann herunter zu wippen.
Die GS sinkt tief in die Federn ein. Mit den Füßen bekomme
ich trotz meiner 182 cm Körpergröße nur mit den Spitzen
Bodenkontakt. Ich tippele mit der Maschine rückwärts weg vom
Abstellplatz in der Tiefgarage. Das wirkt anstrengend. Ich fühle
mich unsicher, da bei geringen Schrägneigungen das Gewicht schnell
zu drücken beginnt. Man hat das Gefühl, dass die GS gerne
kippen mag.
Die
Sitzhöhe kommt durch längere Federwege zustande. Die breite
Sitzbank tut ihr übriges. Ich möchte absteigen und entscheide
mich dafür, die Maschine zuerst auf den Seitenständer zu stellen
und mich dann herunter zu bewegen. Ich bin überrascht, wie schräg
die GS sinkt, bis der Seitenständer ihr sicheren Halt gibt. So
- nun die Maschine gerade stellen und rauf auf den Hauptständer.
Geradestellen - ja, da sollte man zusehen, dass sie vollgetankt wirklich
auf geradem Untergrund steht, denn schon hier ist das Aufrichten ein
echter Kraftakt wie ich ihn noch bei keiner Maschine diesen Kalibers
aufbringen musste. Ebenso das Aufbocken erfordert eine gute Koordination
und etwas trainierte Muskelmasse.
Die ersten Berührungspunkte ließen in mir die Frage aufkommen,
wie sich jemand mit einem solchen Riesenteil in die Wüste trauen
kann. Wer hebt denn diese Maschine auf, wenn sie vollbeladen mal umkippt?
Nun ja, ich habe meine Utensilien von meiner alten 80er GS in die Koffer
der Adventure umgeladen und starte in Richtung Autobahn. Es wirkt einfach
alles wuchtig auf dieser Maschine. Aber dann werde ich überrascht
nach ein paar Metern im Stadtverkehr. Sie lässt sich, abgesehen
von den Außenmaßen mit den Seitenkoffern, wie ein normales
Motorrad bewegen. Ich muss zwar wegen der Sitzhöhe an roten Ampel
darauf schauen, dass ich in und nicht neben Spurrinnen zum Stehen komme,
um unter meine Fußspitzen Halt zu bekommen, so dass ich die Maschine
so gerade wie möglich aufrecht halten kann. Aber sonst flutscht
alles wie geschmiert.
Bullig
das Anfahrdrehmoment, das der Boxer abdrückt. Schon mit Standgas
bringt er die Fuhre mächtig ins Rollen. Auf der A 8 kann er dann
schnell zeigen, dass er mit dem Gewicht gut. Zwischen 2500 und knapp
6000 Umin zeigt er den größten Vorschub. Drüber wird's
etwas zäher, doch noch lange nicht müde. Begünstigt wird
der Durchzug durch das sehr gut abgestufte 6-Gang-Getriebe. Mit kurzem
ersten und kurzem sechsten Gang bestückt ist die Adventure richtig
flott zu bewegen. Im ersten Gang ist jederzeit ein Wheelie durch bloßes
Gasgeben drin. Interessanter ist der kurze Erste in Geländeetappen,
da man in langsamen Passagen nicht immer gezwungen ist, mit schleifender
Kupplung zu fahren.
Im sechsten zieht die GS bis kurz vor die 200er Tachomarke. Der Windschutz
wurde im Gegensatz zur Basis-GS durch ein höheres und breiteres
Windschild verbessert. Leider habe ich jedoch auch bei der Adventure
mit z.T. mächtigen Verwirbelungen zu kämpfen. Anscheinend
liegt das an meiner Körpergröße, da ich gleiche Erfahrungen
von einem Adventure-Fahrer ähnlicher Körperlänge berichtet
bekomme. Er ist, so wie später auch ich, ganz ohne Windschild unterwegs.
Die Instrumentenverkleidung bietet bis zum Helm genug wirbelfreien Windschutz
bis hin zur V-max.
Die Adventure
wirkt im Fahrbetrieb wie eine Sänfte. Es gibt kaum Unebenheiten,
die sie mich spüren lässt. Die neue Federbeintechnik hinten
erlaubt es, maximalen Komfort zu bieten ohne dabei im harten Kurveneinsatz
oder auf Schlaglochpisten an Stabilität zu verlieren. Eine wirklich
sehr gut gelungene Kombination. Zudem kann die Federvorspannung bequem
per Handrad eingestellt werden.
Vorne wirkt der Telelever dem Eintauchen beim Bremsen entgegen. Das
vordere Federbein, ebenso mit verlängertem Federweg versehen, beweist
sich auch schnell als schluckfreudiges Fahrwerkselement.
So komfortabel die GS-Adventure wirkt, so wenig Fahrbahngefühl
lässt sie auch zu. Das ist für mich anfangs stark gewöhnungsbedürftig.
Schnell bin ich soweit, dass ich mich auf meiner Hausstrecke in die
für diese Strecke üblichen Schräglagenregionen wage.
Die GS bleibt stets gut beherrschbar und wirkt sogar leichtfüßig.
Einlenkimpulse müssen bei Fahrten im Grenzbereich etwas früher
als gewohnt gegeben werden. Hat man sich daran gewöhnt, ist man
mit der Adventure nicht langsamer unterwegs als mit jeder anderen GS.
Das bedeutet, dass die Adventure trotz Gewicht und Umfang sehr handlich
bleibt und auf der Straße alles mitmacht, was eine "normale"
1150 GS auch kann. Man sitzt nur etwas höher und aufrechter, kann
aufgrund der größeren Bodenfreiheit etwas schräger und
genießt den großen Überblick im Verkehrsgeschehen.
Das macht schon tüchtig Spaß.
Auf
langen Etappen laden die massiven Zylinderschutzbügel dazu ein,
die Beine einfach drauf zu legen und sich einer Art Cruiserfeeling hinzugeben,
denn der Boxer kann durch und durch schaltfaul gefahren werden.
Ein großes Lob gebührt der Bremsanlage. Serienmäßig
mit dem Evo-Bremse ausgestattet, genügen geringe Handkräfte
aus, um für satte Verzögerungen zu sorgen. Das vermittelt
Sicherheit pur. So setzt man automatisch auf der Landstraße die
Bremspunkte später. Die Adventure verhält sich dabei stets
neutral. Optional kann sie mit dem abschaltbaren ABS II ausgestattet
werden, bei dem ich jedoch nach wie vor finde, dass im Grenzfall die
ersten Intervalle zwischen dem Lösen der Bremse und anschließendem
Erhöhen des Bremsdrucks zu lang sind. Dabei wird bei einer Notfallbremsung
noch immer zu viel Bremsweg verschenkt. Ich selbst würde immer
noch zur Variante ohne ABS tendieren. Fairnesshalber muss ich bemerken,
dass ich auf meinen Testfahrten natürlich Grenzen auslote, die
bei einer Adventure sehr hoch gesteckt sind, so dass sie wirklich als
sehr sicheres Motorrad ihren Namen machen kann.
Die Ausstattung
ist fernreisetauglicher als die der Basis-GS. So freut man sich über
effektive und stabile Handprotektoren und einem Lenkprallschutz. Ein
breiterer und längerer Schnabel sorgt auf der Autobahn für
Abtrieb am Vorderrad. Eine modifizierte Gepäckbrücke lässt
für das Gepäck viele Verzurrmöglichkeiten offen.
Wer die Adventure durchs Gelände hetzen mag, kann sich über
einen verlängerten und massiven Motorunterschutz freuen. Da kommt
kein Stein an den Motor heran.
Ein großes Plus der einteiligen Sitzbank. Vorbildlich gepolstert
beugt sie auf langen Reiseetappen effektiv dem Sitzwolf vor. Zudem erlaubt
sie eine große Bewegungsfreiheit für Fahrer und Beifahrer,
der ebenso ultragemütlich die Ausfahrt genießen darf.
Für Dunkelfahrten ist die Lichtausstattung der Basis-GS verbaut
worden. Dabei wirkt auf mich das Fernlicht etwas mager und eng in der
ausgeleuchteten Fläche. Breit und gleichmäßig hell ist
dagegen das Abblendlicht.
Wer mag, kann die Adventure durch Ellipsoid-Nebelscheinwerfer ergänzen.
Sie wirken auf mich jedoch nicht allzu stabil. Die Lichtausbeute ist
gut bis sehr gut.
Standard sind zudem äußerst effektive Heizgriffe, Steckdose
und die Möglichkeit, ab Werk schon wählen zu können,
ob die Kreuzspeichenräder mit Straßen- bzw. Stollenreifen
bestückt werden sollen.
Per Codierstecker kann die Adventure auf Normalbenzin umgestellt werden.
Sicher auch ein plus für die Fernreise. Ich stelle mir jedoch die
Frage, warum dieses Feature nicht gleich als Serie verkauft wird.
Das
angebotene Gepäcksystem, das an "meiner" Adventure laut
Information vom Fuhrparkchef in einer Vorversion montiert ist, bedarf
eindeutig der Überarbeitung. In dieser Preisklasse kann man besseres
erhalten.
Die Boxen sind schwer und massiv. Sie halten sicherlich einen Sturz
aus. Leider sind jedoch die Schließen nicht die effektivsten.
Die Schließe meines Topcases ließ sich im ver- und abgeschlossenen
Zustand so leicht bewegen, dass der Deckel ohne viel Hinzutun aufsprang.
Da war zu viel Spiel, so dass die Nase der Halterung nicht komplett
in der Aussparung der Schließe saß. Zudem sind sie mit einfachen
Nieten montiert. Das darf bei einem Gepäcksytem vor allem dieser
Preisklasse einfach nicht passieren.
Die Maschine musste ein Wochenende im Regen stehen mit dem gesamten
Gepäcksystem. Das Ergebnis waren in beiden Seitenkoffern Wasserpfützen.
Man sagte mir, dass die Innentaschen wasserdicht seien und man die Boxen
mit den Innentaschen als Gesamtsystem betrachten muss. Ich denke mir
jedoch, dass selbst einfache Koffer schon dicht sind, und dass man hier
einfach nachbessern muss. Schließlich geht es bei einer Fernreise
mit einer Offroadmaschine darum, dass die Boxen Wasser nicht nur im
stehenden Betrieb abhalten sollen, sondern vor allem beim Fahren. Da
bieten Fremdhersteller zur Zeit eindeutig bessere Ware für die
GS an. Mir wurde jedoch versichert, dass die Boxen in der verkaufsfertigen
Endversion 100% dicht sein werden.
Fazit:
Die GS-Adventure nimmt eine echte Sonderstellung ein und zielt eindeutig
auf die Gruppe offroadtauglicher Fernreisender. Wirkt sie mächtig
und riesig, lässt sie sich jedoch z.T. leichtfüßig und
sehr einfach bewegen. Klasse der hohe Sicherheitsstandard.
Knackpunkte sind die Verbindung zwischen großer Sitzhöhe
und hohem Schwerpunkt, die Manöver im Stand oder Gelände eindeutig
erschweren. Dennoch kann sie sowohl auf der Straße als auch im
Gelände punkten. Nicht umsonst werden Adventure-Modelle als Instruktorenmaschinen
in Hechlingen beim Endurotraining der "Münchner Freiheit"
eingesetzt, wo sie sich im harten Geländeeinsatz so wie die Basisversionen
bewähren.
Die Zubehörpalette kann sich sehen lassen, so dass sich Interessierte
ihr individuell zugeschnittenes Bike zusammenstellen können. 

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