Fahrtest mit der
Benelli Tornado 900 Biposto
Tre Novocento
Text:
Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner
Ich bin heute etwas aufgeregt. Irgendwie ist der Tag heute anders als
die anderen. Noch kann ich es nicht auf den Punkt bringen, was mit mir
los ist. Als der Tag schließlich immer mehr Richtung Abend wandert,
steigt meine Unruhe und ich bekomme immer wieder einen leichten Tornado
im Magen. Es kribbelt wohlig und ich bin in Vorfreude auf das heutige
Ereignis: am Abend habe ich ein Date mit der Benelli Tornado 900, die
ich für ein paar Tage zu mir nach Hause holen darf. Lange musste
ich warten, bis ich die Göttliche nun endlich treffen kann. Und es
ist wie Liebe auf den ersten Blick, als ich sie sehe.
Man
sieht ihr an, dass sie weiß, dass sie aus der Menge heraussticht.
Sie weiß, dass sie schön ist. Sie wirkt selbstbewusst und
wach wie eine Raubkatze. Und sie lächelt mich verschmitzt an mit
ihren Kühlerschlitzen neben der Leuchteinheit vorne.
Genauso begeistert zeigt sich Reinhard Bergmann vom InTeam in Bechhofen,
der mir dankenswerterweise das Date vermitteln kann und die Maschine
zur Testfahrt bereitstellt. Nicht, dass er nur eine davon bei sich hat.
Derzeit steht neben der Vorführmaschine eine Gruppe von drei nagelneuen
Tornados in zwei Farbvarianten bereit, um zukünftige Liebhaber
zu beglücken. Und wenn er von seinen Erfahrungen mit der Diva erzählt,
beginnen seine Augen zu glänzen, seine Stimme wirkt sonderbar belegt.
Was macht den Zauber aus, den diese Maschine zu versprühen imstande
ist?
Da spielt die Optik schon eine große Rolle. Wer diese bezaubernde,
vor Extravaganz strotzende Schönheit nicht sieht, ist blind oder
ein resoluter Motorradverneiner. Man muss sich nur drauf einlassen und
während
eines Rundgangs um die Maschine das Auge wandern lassen. Es wird sich
immer wieder an Details fangen. So viel Liebe zum Detail im Design eines
Motorrades ist wahrlich selten. Überall haben die Designer Lichtkanten
kreiert, die das Auge zum nächsten Detail führen. Dann wieder
scharfe Ecken und Kanten. Alles in allem ein spannungsgeladenes Gesamtbild
mit Eyecatchern rundherum. Ich kann meine Augen kaum von ihr lassen.
Zudem waren erstklassige Farbmischer am Werk. Das einzigartige Grün
harmoniert wunderbar mit dem Silbermetallic und Schwarz. Diese Komposition
macht die Trecento zum Hingucker.
Klassisch italienisch sitzt das Zündschloss direkt an der Tankvorderseite.
Selbst der Schlüssel ist durchgestylt und einklappbar. Per Knopfdruck
springt er aus der Plastikummantelung wie ein Klappmesser. Der Blick
auf die gelb unterlegten Rundinstrumente wird umschmeichelt vom metallisch
eingerahmten LCD-Instrument, das über vieles Übliche und noch
viel mehr Auskunft gibt. Die Steuerung der Displaymodi geschieht direkt
mit dem linken Zeigefinger an der Unterseite der linken Schaltereinheit.
Vorbei also die kniffelige und nach vorn gebeugte Instrumentendrückerei,
wenn man mal den Anzeigemodus ändern möchte. Und kommt man
ins Dunkle, sind die Instrumente von sattem Blau beleuchtet. Auch das
ein visueller Schmeichler.
Beim
Einschalten der Zündung werden die Instrumente dem üblichen
Selbstcheck unterworfen. Dann der Druck auf den Startknopf in freudiger
Erwartung, die dreizylindrige Diva zum Leben zu erwecken. Fehlanzeige.
Nichts tut sich. Ich probier es mit dem Ziehen des Kupplungsgriffes
und drücke den Starter erneut. Sofort springt der Tripple an und
erzeugt einen Klangteppich aus Motorsurren, Ansaugröcheln und mechanischen
Arbeitsgeräuschen der Trockenkupplung. Auch hier versuche ich ,
das ganze analytisch zuzuordnen, doch das Gesamtbild der Geräuschkulisse
kann und darf nicht getrennt werden. Das ist auch einmalig. Man stelle
sich eine laufende Triumph mit verbauter Ducati-Kupplung und einer Airbox
so groß wie ein Partyfass vor. Vorbei mit der Vernunft ist es
dann bei den ersten kurzen Gasstößen. Die Tornado brüllt
mich direkt an, ich solle sie nun endlich laufen lassen, damit wir zu
einer leidenschaftlichen Einheit verschmelzen können.
Ich
folge der Aufforderung und führe sie hinaus. Ich erklimme 83 cm
Sitzhöhe.Die Sitzposition lässt guten Knieschluss zu. Die
Handgelenke werden überraschenderweise kaum belastet, die Knie
sind nicht überspitzt. Nur die sitzseitige Tankspitze drückt
mir etwas in meinen Waschbärbauch. Mit meinem Umfang passe ich
genau in die Sitzmulde hinein. Hin- und herrutschen wird unmöglich.
Erst fühle ich mich beengt, dann auf der Piste bin ich froh drum,
da mir die Diva wie angegossen passt. Die Hatz kann beginnen. Doch zuerst
rangieren, denn der typisch italienische Lenkeinschlag erzeugt den Wendekreis
eines 40 Tonners mit aktiviertem Lenkradschloss.
Mit 898 ccm gehört die Tornado nicht in die aktuelle Topliga der
Supersportbikes. Es ist auch gar nicht die Leistung, die sich bei den
Ausfahrten in den Vordergrund schiebt. Sie ist so ausreichend vorhanden,
um der Polizei genügend Gründe zu liefern, wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen
die Pappe für immer sicherzustellen. Zwar erreicht sie trotz neuester
Softwareaufspielung noch immer nicht präzise die angegebene Leistung
von 136 PS, aber was macht's schon. Ich denke, dass knapp 130 immer
abrufbar auf ihren Einsatz warten. Und das reicht doch, oder?
Die Tornado wirkt etwas lang übersetzt. So ist die anfängliche
Euphorie gebremst bei den ersten Metern. Ich schalte bei 6000 Umin jeweils
eine Stufe mit dem leichtgängigen 6-Gang-Getriebe höher. Irgendwie
fehlt da was. Es ist eher Zärtlichkeit als Leidenschaft, obwohl
ab 3500 Umin die Diva durch ihre 13 Liter große Airbox zu schreien
beginnt. Ab 6000 Umin verändert sich das Schreien zu einem Fauchen,
was mit gesteigerter Motorleistung einhergeht. Bei der Tornado ist die
Lautstärke wirklich in direkte Beziehung
mit ihrer abgegebenen Leistung zu setzen. Und sie faucht und wird immer
wilder, um mich dann ab 9000 Umin bis weit in den roten Bereich des
Drehzahlmessers hinein auf Wolke Nr. 7 zu begleiten. Sie lebt dabei,
vibriert, schreit und rennt und rennt. Bis hinein in den vierten Gang
spiele ich dieses Prozedere immer wieder durch und spüre die gegenseitige
Verschmelzung der Leidenschaften hin zum Tiefflug durch fränkische
Landschaften. Gangstufe 5 und 6 dienen eher der touristischen Fortbewegung.
Mein Blut kocht. Ich bin betört und kann nicht mehr von ihr weichen.
Sie hat mich in ihrem Bann und wird mich auch nicht mehr loslassen.
An der Tankstelle, die ich nach 100 km ansteuere, zeigt sie durch den
Zapfsäulenzähler, dass sie von nichts genug bekommen kann.
11,5 Liter Super sind der Grund, warum der Tankwart wahrscheinlich einer
der guten Freunde von Tornadoeignern werden kann. Das bringt mich wieder
auf den Boden. Sie
ist eben eine echte Diva. Wie die Diven in Holywood gönnt sich
die Tre Novocento gerne mal einen großen Schluck aus dem Fass.
Ich führe das auf unser leidenschaftliches Tète à
tète zurück, bei dem wir keine Kurve anbrennen ließen.
Später begnügt sie sich mit immerhin "sparsamen"
9,6 Litern Kraftstoff, was bei einer Tankgröße von 20,5 Litern
häufige Einkehrschwünge in Tankstellen verspricht. So gelobe
ich Besserung und eine stark zurückgenommene Gashand.
Ohne Erfolg. Kaum ertönt nach dem Starten diese einnehmende Soundkomposition
in mein Ohr, ist es auch schon wieder vorbei mit meinem Vorsatz. Wir
machen uns die Landstraßen zu eigen und genießen eng umschlungen
Kurve um Kurve.
Das
Fahrwerk wirkt dabei harmonisch und unauffällig. Fast schon weich
schluckt es feine Wellen komplett weg, hält die Diva aber immer
auf dem Kurs, den ich ihr auftrage. Man fühlt sich wie auf Schienen.
Zielgenau kann sie eingelenkt werden und fällt dabei wie von selbst
in die Schräglage, die es braucht, um den gewählten Radius
zu durchfahren. Scharfes Anbremsen lässt das Hinterrad sehr leicht
erscheinen. Die USD-Gabel schiebt sich stark zusammen, geht jedoch nie
auf Block. Vorbildlich die Dämpfung vorne wie hinten. Ein leichtes
Vorderrad bekommt die Benelli sehr selten - und wenn, dann ohne Kick
back, das der auffällig im Blickfeld montierte Lenkungsdämpfer
komplett eliminiert. Sie reagiert exakt auf jeden Lenkimpuls und läuft
stoisch geradeaus. Das begeistert, wie sie sich agil, stabil und zielgenau
gibt.
Anbremsen.
Da mag es die Diva eher zärtlich. Am liebsten nur mit zwei Fingern.
Denn die verbauten Vier-Kolbensättel vorne sind pro Kolben mit
je einem Bremsbelag bestückt. Sie reagiert bei Berührungen
des verstellbaren Bremshebels äußerst sensibel und presst
schon bei leichtem Druck ihre Beläge so stark auf die 320er Scheiben,
dass vehemente Verzögerungswerte jederzeit ermöglicht werden.
Die Dosierung gelingt dabei in allen Abstufungen perfekt.
Und die Bremse hinten ist auch da. Nur so kann ich es umschreiben, denn
sie wirkt alibihaft und nur leicht unterstützend, nicht aber effektiv.
Ist besser so, denn bei einer richtig harten Bremsung wird ja das Hinterrad
so leicht, dass ein Überbremsen des Hinterrades mit derben Folgen
drohen kann.
Da ist es dann plötzlich. In einer Ortschaft beginnen unter oder
besser hinter mir plötzlich die zwei auffällig gelben Lüfterräder
zu laufen und blasen heiße Luft an die Verfolger. Das auffälligste
Merkmal der Tornado. Der Kühler ist unter der Maschine direkt über
dem Hinterrad montiert und wird über zwei Lüftungskanäle
ab der Verkleidung mit Luft von vorne versorgt. Wird es zu heiß,
ziehen die Lüfter im Heck überflüssige Hitze ab. Der
Vorteil der Konstruktion liegt darin, dass durch den vor dem Motor verbleibenden
Platz dieser weiter nach vorne rutschen konnte. Dadurch kommt mehr Gewicht
auf das Vorderrad.
Auch
mit der Rahmenkonstruktion ging man eigene Wege. Ab dem Lenkkopf ziehen
sich beidseitig je zwei Chrommolybdänstahlrohre zu seitlichen Aluprofilen,
mit denen sie verklebt und verschraubt sind. Daran schließt sich
das angeschraubte Heck an. Der Rohrrahmen integriert den Motor vollständig.
Die Diva und ich fliegen noch viele Kilometer über Landstaßen
jeder Gattung. Es sind die besonderen Momente in meinem Bikerleben,
die wir gemeinsam erleben. So heißblütig sie sich auch gibt,
so einfühlsam lässt sie sich auf alles ein, was ich mit ihr
tun möchte.
Fazit:
Was soll ich da noch schreiben. Genau das war es, was ich so lange
schon suchte. Diese Maschine zu fahren ist Motorradfahren in seiner
schönsten Form. Selten, dass es heute noch solch emotional angehauchte
Maschinen gibt. Selten, dass subjektiv gesehen ein Motorrad so gewaltig
alle Sinne berührt und objektiv betrachtet als Fahrmaschine in
Perfektion gelten kann.
Selten auch, dass man für ein Motorrad gut 17000.- Euro übrig
haben muss, um es zu seinem Eigen zu machen. Selten auch, dass man für
sein Geld eine echte Diva bekommt, die auch noch genau das tut, was
man will. 
| Technische
Daten:
Modell Tornado 900 Tre
Baujahr 2003
Motor Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor,
15° nach vorn geneigt
Bohrung x Hub 88mm X 49,2 mm
Hubraum 898 ccm
Geschwindigkeit über 270 km/h
Spitzenleistung (KW) 100 kW (136 PS) / 11.500 U/min
Max. Drehmoment 100 Nm / 8.500 U/min.
Verdichtung 11,8:1
Steuerung 4 Takt, vier Ventile je Zylinder, über zwei obenliegende
Nockenwellen gesteuert
Zündung Elektronisch, Zündspulen in Zündkerzenstecker
integriert
Einspritzung Elektronische Einspritzung
Kühlung Wassergekühlt, mit einem Kühler im Rahmenheck
und zwei Elektroventilatoren
Getriebe 6-Gang Kasetten-Getriebe
Kupplung Mehrscheiben Antihopping Ölbadkupplung
Rahmen Gitterrohrrahmen aus Chrommolybdän-Stahl mit Aluminiumverbindung
im Lenkkopf- und Schwingenbereich.
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Verstärkter Aluhilfsrahmen für Bipostoversion in Verbindung
mit geänderter Auf- nahme an Aludruckgussverbindung am Rahmen.
Federung vorne Upside-down Vorderradgabel, verstellbare Ferderbasis,
Zug- und Druckstufendämpfung
Federung hinten Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis,
Zug- und Druckstufendämpfung
Radstand 1419 mm
Hinterradschwinge Aluminium Schwinge
Felgen / Bereifung vorne 3,50"x17" mit 120/70-17 Bereifung
hinten 6,00"x17" mit 190/50-17 Bereifung, (wahlweise 180/55-17)
Bremsen vorne 2 Brembo 4-Belag-Bremszange mit Halb- schwimmendgelagerten
320 mm Bremsscheiben
Bremsen hinten Brembo Bremszange mit 240mm Bremsscheibe
Gewicht 207 kg
Preis 17.000,-- Euro
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Und noch ein paar Bilder ...









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